Polizeiaufgebot in Bonn
Polizeiaufgebot in Bonn

06.05.2013

Ein Wochenende in Bonn zwischen Muslimen und Islamgegnern Zwei Welten

Sonntagmorgen, halb zehn in Bad Godesberg. Der Bonner Stadtteil ist fest im Griff der Polizei. Für den Mittag hat sich die rechtspopulistische Partei "Pro NRW" zu einer Anti-Islam- Kundgebung angesagt. Wieder einmal.

Vor genau einem Jahr gingen die Bilder aus Bonn durch die Republik: Feixende Demonstranten, die Karikaturen des Propheten Mohammed in die Höhe hielten auf der einen Seite; wütende Muslime, die ihren Glauben verunglimpft sahen, auf der anderen. Mittendrin: Militante Salafisten, die sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. 29 Beamte wurden damals verletzt, über 100 Personen festgenommen.

Szenen, die sich diesmal nicht wiederholen sollten. "Wir sind sehr gut gerüstet", sagt eine Polizeisprecherin. Die Organisatoren von "Pro NRW" hätten zudem versichert, diesmal keine Karikaturen im Gepäck zu haben. Auf muslimischer Seite habe es im Vorfeld keine Aufrufe zu Gewalt gegeben. Trotzdem: Eine gewisse Spannung liegt bereits am Morgen in der Luft - nicht nur bei den Einsatzkräften.

"Ich hoffe, dass ich nachher noch rauskomme", sagt eine Verkäuferin in einer der beiden noch geöffneten Bäckereien. Sie soll das kleine Ladenlokal wie sonntags üblich erst um 13.00 Uhr schließen. Großen Umsatz werde sie allerdings kaum machen, fürchtet sie. "Die Polizei wird nachher alles abriegeln." Die Sorge vor einer Eskalation ist spürbar. Zieht die Demo im ehemaligen Diplomatenviertel der Bundesstadt rechte Trittbrettfahrer an? Wie werden die Muslime auf mögliche Provokationen reagieren?

Keine nennenswerten Zwischenfälle

Die Salafisten sind nur ein Teil dieser Gemeinschaft. Aber Bonn gilt nicht erst seit dem Fund einer Kofferbombe unbekannter Herkunft am Hauptbahnhof im Dezember 2012 als eine Hochburg der Islamisten-Szene in Deutschland. Am Morgen ist noch niemand auf den Beinen. Nur eine kleine Gruppe friedlicher Gegendemonstranten baut ihren Infostand auf. "Bonn stellt sich quer" lautet das Motto. Auf gelben Plakaten rufen sie zu "friedfertigem Widerstand gegen Rassisten" auf und werben für mehr Toleranz und einen Dialog mit den Muslimen.

Wie groß der Gesprächsbedarf auf beiden Seiten ist, hat sich tags zuvor ebenfalls in Bad Godesberg gezeigt, in der König-Fahd-Akademie: Bei sonnigem Wetter nutzen viele Anwohner die Möglichkeit, beim zweiten "Tag der offenen Tür" hinter die Kulissen der von Saudi-Arabien finanzierten Schule zu blicken. Zeitweilig wurde auch diese Einrichtung mit dem militanten Milieu in Verbindung gebracht.

Doch der neue Direktor Ibrahim Al-Megren will für Transparenz sorgen. Ein nicht immer einfaches Unterfangen - sorgen in der unmittelbaren Umgebung der Akademie doch immer wieder neue Moscheevereine mit undurchsichtigen Zielen für Unbehagen.

Solche Schwierigkeiten lassen sich bei dem bunten Programm für Klein und Groß mit Hüpfburg, deutsch-arabischen Lesungen aus dem Kinderbuch "Grüffelo" und Führungen durch den imposanten Bau mit dem minarettähnlichem Turm bestenfalls erahnen. Auch dass die Kundgebung von Pro NRW im vergangenen Jahr ausgerechnet vor den Toren der Akademie stattfand, unmittelbar nach dem ersten "Tag der offenen Tür", spielt an diesem Samstag kaum eine Rolle.

Stattdessen wirbt an einem Seiteneingang der "Interreligiöse Dialogkreis Bad Godesberg" für seine nächste Podiumsdiskussion. "Aktiv für gegenseitigen Respekt - Nein zu Rassismus und Gewalt" lautet der etwas ungelenke Titel. Auf alle Fälle ein besserer Weg als der von "Pro NRW". Immerhin: In Godesberg zeichnet sich am Sonntagnachmittag trotz insgesamt rund 450 Demonstranten, davon lediglich etwa 60 "Pro NRW"-Sympathisanten, Entspannung ab. Die Polizei meldet "laute Protesten gegen 'Pro NRW', aber keine nennenswerten Zwischenfälle".

Sorge um den guten Ruf der Stadt

Der Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD) verurteilte jede Art von Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus. "Wir lassen nicht zu, dass der hervorragende Ruf, den unsere Stadt in der ganzen Welt genießt, durch Aufmärsche und Provokationen von Neonazis beschädigt wird", sagte er. Die Bad Godesberger Bezirksbürgermeisterin Annette Schwolen-Flümann (CDU) erklärte, "Pro NRW" werde als verfassungsfeindlich eingestuft. "Ihre Methoden der Einschüchterung stehen im krassen Widerspruch zur freiheitlich demokratischen Grundordnung."

Die Vorsitzende des Bonner Integrationsrates, Safiye Temizel, warf der rechtsextremen Partei Hetze und Stimmungsmache gegen Muslime vor. Die Provokationen seien ein "Angriff auf eine freiheitliche, solidarische und internationale Gesellschaft". Alle Migranten fühlten sich von Gruppen wie "Pro NRW" bedroht.

(KNA, epd)

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