21.03.2013

Der neue Anglikaner-Primas Welby nimmt sein schweres Erbe an Ein Königreich für ein Pferd

Justin Welby ist ein Mann der Tat. Seit dem Jahreswechsel übt er sein Amt als 105. Erzbischof von Canterbury bereits aus - und auch seine Inthronisierung in der Hauptkirche des Anglikanismus wird ihn nicht aus der Bahn werfen.

Der Job ist hart - auch wenn man schon mal als "mächtigster Mann der anglikanischen Weltkirche" tituliert wird. Das Gegenteil ist der Fall: Es braucht schon einen starken Glauben an die Vorsehung, um die politische Ohnmacht des Primas der anglikanischen Weltgemeinschaft aushalten zu können.

Es geht wenig geschwisterlich zu zwischen dem konservativen und dem liberalen Kirchenflügel und zwischen den 26 anglikanischen Nationalkirchen: den stark wachsenden, stark konservativ geprägten in Afrika und Asien und den liberalen, vom Zeitgeist angefochtenen, etwa in den USA. Der Riss geht dabei sogar oft quer durch die nationale Kirchengemeinschaft, etwa in der Mutterkirche von England. Der (Ehren-)Primas ist dabei nur "Erster unter Gleichen". Waffe und Kapital sind ihm lediglich Überzeugungskraft und Tradition.

Das durfte Welby schon unmittelbar nach seiner Wahl beim vermeintlichen Heimspiel vor der englischen Generalsynode feststellen: Trotz eigentlich überwältigender Mehrheiten schaffte es eine Sperrminorität der Laien denkbar knapp, das Plädoyer des neuen Primas für eine Zulassung von Bischöfinnen ins Leere laufen zu lassen. Nicht dass ihm, einem Evangelikalen von Haus aus, die Sache ein Herzensanliegen gewesen wäre. Es war eine Form von Staatsräson, mit der Welby zumindest einen der gordischen Knoten durchschlagen wollte, die die anglikanische Gemeinschaft seit Jahren lähmen; um endlich ein "neues Kapitel aufschlagen" zu können, wie er sagte.

Ein weiterer Knoten: der Umgang mit Homosexuellen. Soll es schwule Bischöfe geben können oder Segnungsriten für gleichgeschlechtliche Paare? Der Bischof von Liverpool, James Jones, fragte am Wochenende nicht zu Unrecht, wie wohl Historiker in 100 Jahren die derzeitigen Debatten bewerten würden: Sie müssten es doch für "außergewöhnlich" erachten, wenn im beginnenden 21. Jahrhundert der "Lackmustest christlicher Rechtgläubigkeit" darin bestanden habe, ob jemand eine klare Meinung zum Umgang mit Homosexuellen hatte oder nicht.

Zudem bläst der "Alten Tante" Staatskirche in England schon seit einiger Zeit mächtig liberaler Wind von Seiten der Regierung ins Gesicht. So sollen 26 Bischöfe im Rahmen einer radikalen Gesundschrumpfung aus dem Oberhaus verdrängt werden. Die Privilegierung einer einzigen Religionsgemeinschaft entspreche nicht mehr den Realitäten einer multikulturellen britischen Gesellschaft, so die Argumentation.

Diskussionen gibt es auch um die Funktionen des Primas selbst. Welbys Vorgänger Rowan Williams (63) regte noch kurz vor seinem Ausscheiden an, ob nicht die zahlreichen unterschiedlichen Hüte des "Canterbury" künftig besser auch auf verschiedene Ämter aufzuteilen seien. Eine "eher präsidiale Figur" könnte womöglich künftig die Aufgaben des Ehrenoberhauptes des weltweiten Anglikanismus übernehmen, während sich der Erzbischof von Canterbury der Leitung seiner Diözese und der Staatskirche von England widmen könnte.

So wäre es nach Williams' Einschätzung etwa kirchenpolitisch wesentlich besser gewesen, früher in die USA zu reisen, nachdem dort 2003 die Frage der Weihe Homosexueller zu Bischöfen zum gravierenden Problem für die gesamte Kircheneinheit heranwuchs. Doch für solche direkten Gespräche wäre mehr Reisefreiheit vonnöten gewesen - die der "oberste Pfarrer der britischen Nation" mit seinen vielfältigen repräsentativen Pflichten schlicht nicht habe.

Der frühere Öl-Manager Welby muss als 105. Erzbischof von Canterbury die hohen Künste des immer weiter ausgedehnten Kompromisses und des Sitzens zwischen allen Stühlen mitbringen. Und "die Konstitution eines Ochsen und die Haut eines Rhinozeros", wie Vorgänger Williams bei der Ankündigung seines Rückzugs ulkte. In den ersten Monaten seit seiner Wahl ist Welby vor allem als kundiger Botschafter sozialverantwortlichen Wirtschaftens in Erscheinung getreten. Die Herausforderungen als kircheninterner Krisenmanager werden noch kommen.

 

 

Alexander Brüggemann
(KNA)

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