23.12.2012

Jerusalemer Propst zum Einfluss der Kirchen auf Nahost-Konflikt Nicht überschätzen

Der evangelische Propst von Jerusalem, Wolfgang Schmidt, warnt davor, den Einfluss der Kirchen auf den Nahost-Konflikt zu überschätzen. Die Christen seien schließlich in der Minderheit, sagt der deutsche Geistliche im Interview.

epd: Herr Propst, was macht die Evangelische Propstei im Heiligen Land für Sie persönlich so attraktiv, dass Sie sich dafür entschieden haben?

Wolfgang Schmidt: Es sind im Grunde genommen verschiedene Felder, die sich hier überschneiden, und die eigentlich durch meine berufliche Biografie hindurch immer eine große Rolle gespielt haben. Das eine ist eine sehr starke weltökumenische Orientierung. Ich habe in Montpellier studiert und über die Jahre unterschiedlichste ökumenische Kontakte aufgenommen. Dann ist da ein starkes Interesse am christlich-jüdischen Dialog. Späterhin hat sich durch den Bau einer Moschee in dem Ort, in dem ich Gemeindepfarrer war, auch sehr stark das Interesse für christlich-muslimische Begegnungen entwickelt.

epd: Ist für Sie mit der Entscheidung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Schmidt nach Jerusalem zu schicken, ein Traum in Erfüllung gegangen?

Schmidt: Es ist fast vermessen, wenn man davon träumt, denn dies ist wirklich eine unglaublich exponierte Stelle. Eigentlich rechnet man nicht damit, das man da einmal arbeitet.

epd: Sie sind ein halbes Jahr im Amt. Gab es Dinge, mit denen Sie nicht gerechnet haben?

Schmidt: Mich überrascht wirklich, wie intensiv das Leben hier ist. Manchmal fühle ich mich wie an eine Steckdose angeschlossen. Unter Dauerstrom sozusagen. Man hat wirklich den ganzen Tag erwartete aber auch viele unerwartete Gespräche, Themen, interessante Menschen, die einem begegnen. Das ist auf der einen Seite bereichernd, weil man Dinge kennenlernt, von denen man nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt.

Wir haben beispielsweise Kontakt mit einem ultraorthodoxen Juden und hätten nie erwartet, dass er zu uns nach Hause kommen würde. Je länger ich hier bin, desto stärker habe ich das Gefühl, dass es nichts gibt, was es hier nicht gibt. Auf der anderen Seite empfinde ich es als Herausforderung, angemessen auf die politische Situation einzugehen.

epd: Wie tun Sie das?

Schmidt: Es gilt zu differenzieren und genau hinzugucken. Man muss sich positionieren, aber mein Anliegen ist, das nicht in einem Schwarz-Weiß-Klischee zu tun. Ich vermeide Verallgemeinerungen und versuche nicht von «den Israelis» zu reden, sondern von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seinem Kabinett, das jetzt gerade regiert. Es gibt auch sehr viele Israelis, die der Regierung kritisch gegenüberstehen.

epd: Wie ist das bei den Palästinensern?

Schmidt: Beim Blick auf die andere Seite, denke ich, dass die Anliegen der Palästinenser vollauf berechtigt sind. Trotzdem sind solche Töne, wie sie jüngst wieder von der Hamas zu hören waren, nicht akzeptabel, wenn sie den Staat Israel noch in den Grenzen von 1967 infrage stellt.

epd: Sie sind überrascht, dass ein ultraorthodoxer Jude zu Ihnen nach Hause kommt. Ist der christlich-jüdische Dialog in Israel einfacher als in Deutschland?

Schmidt: Unbedingt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich der christlich-jüdische Dialog in Deutschland auf eine kleine Zahl von Menschen beschränkt, die sich in diesem Bereich engagieren. Die jüdischen Gemeinden haben vielfach mit ihrem Aufbau zu tun und mit der Frage der Integration der russischen Juden, die zugewandert sind. In Israel ist das Spektrum einfach viel größer.

Außerdem haben wir hier den Schwerpunkt «Studium in Israel» mit katholischen und evangelischen Theologiestudenten, die für ein Jahr an die Hebräische Universität kommen. Die sind auch sehr stark in den Fragen Judentum und Christentum unterwegs, lernen rabbinische Auslegungen, Midrasch, Talmud. Da haben wir natürlich eine Schiene, die diesen Dialog sehr stark bedient und die das auch in die Gemeinde hineinspielt.

epd: Gab es auch schon Enttäuschungen?

Schmidt: Im Moment macht mir Sorge, dass die IDF (Israelische Verteidigungsarmee) eine Militärakademie auf dem Ölberg plant und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gelände der Auguste-Victoria-Stiftung. Das ist ein Ort, von dem ich denke, dass er von militärischen Ambitionen frei bleiben sollte.

epd: Sie kommen in einer Zeit, wo der Frieden wieder ganz weit weg ist. Kann die Kirche eine Rolle spielen und in irgendeiner Form vermitteln?

Schmidt: Ich glaube, wir würden unsere Rolle hier deutlich überschätzen, wenn wir denken würden, wirklich Einfluss nehmen zu können. Langfristig gesehen würde ich unsere Arbeit als eine Friedensarbeit bezeichnen, weil wir an diesem Platz die Möglichkeiten haben, Menschen unterschiedlicher Anschauungen, unterschiedlicher Religionen und unterschiedlicher Sichtweisen zusammenzubringen. Aber das ist nichts, was in der aktuellen politischen Lage etwas verändern könnte. Die Christen sind die Minderheit in der Minderheit - und die Lutheraner sowieso.

epd: Sie sagen, die Gemeinde stellt Räume zur Verfügung. Wie passiert das konkret?

Schmidt: Auf einer Ebene des Lebensdialogs ist unser Adventsbasar so ein Ort. Dort kommen Muslime, Christen, Juden zusammen, alle Schattierungen - aber gut, das ist natürlich nur ein kleines Steinchen. Überhaupt Verständnis füreinander zu wecken, das ist vielleicht auch ein Teil eines Friedensprozesses, das passiert natürlich schon hier. Allein, wenn Israelis in die Konzerte kommen und dann vielleicht zum ersten Mal überhaupt eine Kirche von innen sehen und fragen können: Was ist das Christentum? Oder an Heiligabend, wenn wir hier einen regelrechten Tourismus haben, weil die Leute kommen und einfach mal gucken wollen. Für uns ist das eine Gratwanderung - wo ist jetzt der Spaßeffekt und wo ist der Lerneffekt? Aber das lässt sich vielleicht gar nicht unbedingt voneinander trennen.

epd: Sind sich die evangelischen Theologen denn unter sich überhaupt einig, was die Politik im Nahen Osten betrifft?

Schmidt: Ganz und gar nicht. Da gibt es von dem knallharten Vertreter pro Israel bis zum knallharten Vertreter pro Palästina alles. Ich sage «knallhart», weil es für mich auch immer ein Stück weit mit Scheuklappen verbunden ist, wenn man den Konflikt so einseitig betrachtet. Das ist vielleicht auch etwas, was mich überrascht hat, zu sehen, dass der palästinensisch-israelische Konflikt in der Gemeinde selbst doch weithin ausgespart bleibt. Es muss vor zehn, vielleicht schon 20 Jahren doch wirklich tiefe Gräben gegeben haben. Ich vermute, dass man gemerkt hat, so kann man damit nicht leben als Gemeinde, deshalb bleibt das Thema außen vor. Ich persönlich finde das schade, denn die evangelische Gemeinde hier an diesem Ort muss unbedingt auch den Blick offenhalten für die Thematik und eine Umgangsweise finden, wie sie diese Konflikte auch miteinander anschauen kann. Das zu fördern, ist mir ein Anliegen.

epd: Der ökumenische Dialog liegt Ihnen am Herzen. Hegen Sie Vorlieben für die ein oder andere Gemeinschaft?

Schmidt: Was mir schon mit der Amtsübernahme überliefert wurde, sind die guten Beziehungen zur armenischen Kirche. Die sind sehr gut und freundschaftlich. Aber auch zu vielen anderen Kirchen entwickeln sich freundlich-vertrauensvolle Kontakte. Es gibt ganz unterschiedliche Foren, wie das der lutherischen Pastoren, dazu gehören auch Araber, Skandinavier und Amerikaner. Dort fühle ich mich schon richtig zugehörig.
 

Das Interview führte Susanne Knaul.

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