Papst Franziskus und Ahmad al-Tayyeb
Papst Franziskus und Ahmad al-Tayyeb

05.10.2020

Muslime loben Enzyklika "Papst gibt Menschen Gewissen zurück"

Der ägyptische Großimam Ahmad al-Tayyeb hat die Enzyklika "Fratelli tutti" von Papst Franziskus als Weckruf an das menschliche Gewissen gewürdigt. Der Papst habe der Menschheit ihr Gewissen zurückgegeben.

"Sie offenbart eine globale Realität, deren Positionen und Entscheidungen instabil sind. Es sind die verletzlichen und an den Rand gedrängten Menschen, die den Preis dafür zahlen", schrieb der Großscheich der Kairoer Al-Azhar-Universität am Montag auf Twitter.

Franziskus habe sich mit seinem Schreiben über Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft auf der Welt an alle "Menschen guten Willens und lebendigen Gewissens" gewandt, so Al-Tayyeb. Der Papst gebe der Menschheit damit ihr Gewissen zurück.

Große Übereinstimmung zur "Geschwisterlichkeit"

Die Botschaft "meines Bruders Papst Franziskus", so der einflussreiche sunnitische Gelehrte, sei eine Erweiterung des "Dokuments über die menschliche Brüderlichkeit", die die beiden Religionsführer im Februar 2019 in Abu Dhabi unterzeichnet hatten. Der Papst bezieht sich in seiner Enzyklika mehrfach auf dieses Dokument, das als interreligiöser Meilenstein im Dialog zwischen Christentum und Islam gilt.

An der offiziellen Präsentation der Enzyklika am Sonntagmorgen im Vatikan hatte der Generalsekretär des Hohen Komitees für die menschliche Geschwisterlichkeit teilgenommen, das mit der Umsetzung des Dialogpapiers von Abu Dhabi befasst ist. Richter Mohamed Mahmoud Abdel Salam erklärte sich laut dem Portal Vatican News "voll und ganz einverstanden mit dem Papst. Ich teile jedes Wort, das er in der Enzyklika zum Thema Geschwisterlichkeit schreibt."

"Großartiges Zeichen für den interreligiösen Dialog"

Die islamische Theologin Nayla Tabbara lobte, der Papst entwickele in seinem Lehrschreiben "eine politische Ethik der Solidarität auf einem neuen internationalen Niveau". Franziskus vertrete die "starke Idee", dass die internationale Gemeinschaft mehr sei als eine Summe von Ländern, sondern echte Gemeinschaft untereinander, sagte die libanesische Wissenschaftlerin dem französischen Magazin "La Vie" (online). Der Papst betone dabei die Würde jedes Menschen; das gelte insbesondere auch für die Würde von Flüchtlingen, für deren Aufnahme sich Franziskus stark mache. Zudem stärke der Papst in seiner Enzyklika den Anspruch von Frauen auf Gleichberechtigung in der Welt.

Der Leiter der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (CIBEDO) in Frankfurt, Timo Güzelmansur, sieht in "Fratelli tutti" auch ein "großartiges Zeichen für den interreligiösen Dialog". Es sei eine starke Ermutigung für das Gespräch von Christen und Muslimen, dass Franziskus in einem päpstlichen Lehrschreiben gleich mehrfach das interreligiöse Dokument von Abu Dhabi erwähne, sagte Güzelmansur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Damit setze er das Signal, dass eine international gerechte Friedensordnung den gegenseitigen Respekt der Religionen voraussetze, so der der Leiter der Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz für den Christlich-islamischen Dialog.

Christoph Schmidt
(KNA)

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