Singender Chor
Singender Chor

09.02.2019

Kein "Allahu Akbar"-Gesang in Stuttgarter Kirche Chor darf nicht auftreten

Ist das Kunst oder muss das weg? Weil in der Friedensmesse "The Armed Man" auch der Ruf des Muezzin vorkommt, hat der Stuttgarter Stadtdekan geplante Aufführungen untersagt. Ein "Allahu Akbar" will er in der Kirche nicht hören.

DOMRADIO.DE: In der Friedensmesse "The Armed Man" von Karl Jenkins kommt auch der Ruf des Muezzin vor. Deswegen haben Sie die geplante Aufführung im Eberhardsdom oder einer anderen katholischen Kirche der Stadt untersagt. Die Musiker und Sänger reagierten darauf mit Empörung. Sie werfen Ihnen eine "regide" Haltung vor. Können Sie das verstehen?

Christian Hermes (Stuttgarter Stadtdekan und Dompfarrer): Ja, ich kann sie ein stückweit verstehen, insofern man vielleicht sagt: "Die Komposition ist doch als Friedensmesse gemeint und gut gemeint."

Was man, glaube ich, nicht verstanden hat, ist, dass eine katholische Kirche eben kein Konzertsaal ist. Diese sehr interessante Komposition, die ganz verschiedene Texte komponiert, aber eben auch das grundlegende Bekenntnis des muslimischen Glaubens "Allahu Akbar", das da von einem Muezzin – nicht von einem Sänger – vorgetragen werden soll, mag in einem Konzertraum angemessen sein.

Aber in dem Kulturraum der katholischen Kirche, einer geweihten Kirche, ist das für uns nicht vorstellbar.

DOMRADIO.DE: Sie können die Absage auch theologisch begründen, oder?

Hermes: Ja, ich denke schon. Diese Messkomposition oder Kompilation kombiniert Texte aus dem Messordinarium, beispielsweise das Kyrie, das Jesus Christus als den Herrn preist oder das Sanctus, mit diesem Text und anderen Texten. Das ist künstlerisch völlig legitim. Wie gesagt: Der richtige Ort dafür ist ein Konzertsaal. Aber es ist eben aus unserer theologischen Sicht natürlich nicht vereinbar. Der katholische Kultraum, die geweihte Kirche, ist nicht der Ort für den Ruf "Allahu Akbar".

DOMRADIO.DE: Gibt es keinen Spielraum da, Toleranz zu zeigen? Es geht auch – Sie haben es selber schon gesagt – um eine Friedensmesse, interreligiöser Dialog spielt da eine Rolle. Ist das erst einmal alles quasi vom Tisch, wenn wir es hier mit einem geweihten katholischen Raum zu tun haben?

Hermes: Ich glaube es hat alles seinen Ort, wo es hin passt. Wir hatten gestern die Sitzung des Rates der Religionen, den ich mitgegründet habe und mich - glaube ich - als einer der meisten in der Stadt um interreligiösen Dialog bemühe. Es ist bundesweit der größte Rat mit 19 verschiedenen Religionsgemeinschaften, die alle verstehen, warum wir das abgelehnt haben.

Der Rat der Religionen Stuttgart hat gestern einstimmig eine Erklärung dazu abgegeben, in der es heißt, dass jede Religionsgemeinschaft nach ihrem Verständnis selber entscheidet und sich dafür auch nicht öffentlich rechtfertigen muss, welche Art von Veranstaltungen sie in ihren Räumen – insbesondere in den Kulturräumen – zulässt und welche nicht. Dafür erwarten wir alle Respekt.

Es gibt ja, wie gut immer ein Projekt auch gemeint sein mag, nicht so etwas wie einen Rechtsanspruch darauf, zu sagen: Das müssen wir doch in der Kirche aufführen dürfen. Das ist die Entscheidung der jeweiligen Kirche oder Religionsgemeinschaft. Die Muslime oder die jüdische Gemeinde beispielsweise haben selbstverständlich gesagt: Das wäre auch bei uns so nicht möglich.

Es ist interessant, wie das jetzt hochgezogen wird. Ich glaube, wenn die jüdische Gemeinde sagen würde: In der Synagoge wäre Allahu Akbar nicht möglich, dann würde es nicht so empörte Reaktionen geben, als wenn die katholische Kirche sich so positioniert. Aber ich stehe dazu und bin sicher, dass ich das auch gut begründen kann.

DOMRADIO.DE: Es gab hier in Köln mal eine skurrile aber auch schöne Begegnung mit muslimischen Gläubigen und dem Dom. Am 3. Februar 1965 haben sich hier Hunderte von muslimischen Gastarbeitern im Kölner Dom versammelt und durften das Ende des Ramadan feiern. Auch das wurde dann später kritisch eingeordnet. Aber es ist eigentlich ein schönes Zeichen, auch vor dem Hintergrund des Zweiten Vatikanischen Konzils, das ja das Verhältnis der katholischen Kirche zum Islam neu bestimmt hat, oder?

Hermes: Ich glaube aber, dass wir inzwischen vielleicht auch darüber anders denken würden. Wir waren uns gestern beispielsweise einig, dass es auch etwas ganz anderes ist, ob ich jetzt Angehörigen einer anderen Religion gestatte, in einer Kirche, Synagoge oder Moschee selber still ein Gebet zu verrichten oder ob wir wirklich eine offizielle Liturgie feiern. Und gerade natürlich auch dieses zentrale Bekenntnis "Allahu Akbar", "Gott ist groß" und "Mohammed ist der Gesandte Gottes", das ist das Glaubensbekenntnis, das Credo der Muslime.

Dieser Ruf hat natürlich in den vergangenen Jahren für viele Menschen auch noch einmal einen ganz anderen Klang bekommen. Davon können wir uns nicht freimachen. Ich weiß jedenfalls aus vielen, vielen Reaktionen, die ich heute bekommen habe, dass viele Gläubige auch keinerlei Verständnis dafür hätten, wenn wir das hier so zulassen würden.

Es gab eine Variante, die in Stuttgart auch schon vor ein paar Jahren in der evangelischen Hauptkirche, der Stiftskirche, praktiziert wurde, wo es damals – das habe ich jetzt inzwischen erfahren – so umgesetzt wurde, weil auch die evangelische Kirche gesagt hat: "Dieser Ruf kann nicht vorgetragen werden". Dann hat man eine Pause gemacht.

Der Solitude-Chor hat aber diese Kompromisslösung nicht angeboten, sondern gesagt: "Das gehört integral zu diesem Stück und wir wollen das so machen. Wir verstehen nicht warum, die katholische Kirche das nicht zulässt."

DOMRADIO.DE: Vermuten Sie dahinter auch, dass man da ein bisschen polarisieren will?

Hermes: Das würde natürlich diesem Anspruch, mit diesem Kunstwerk zur Versöhnung und zum Dialog beizutragen, ja völlig zuwiderlaufen und diesen auch unglaubwürdig machen. Von daher hoffe ich nicht, dass solche Polarisierungsinteressen dahinterstehen.

Wir haben im Rat der Religionen auch eine Richtlinie für uns hier in Stuttgart beschlossen. Das ist auch in anderen Städten ganz ähnlich festgelegt worden, dass beispielsweise für multireligiöse Feiern, die wir ja von den Schul-Gottesdiensten bis hin zu Gottesdiensten anlässlich von "Großschadensereignissen" wie Attentaten, der Ort eben nicht die Kulträume, weder die Moschee noch die Synagoge noch die Kirche sind, sondern neutrale Orte, weil wir sonst immer – und das hat der Chor einfach übersehen – auch in theologische Probleme kommen.

Eine Kirche ist eben kein Konzertsaal und ist nicht ein neutraler Veranstaltungsort, sondern ein dem christlichen katholischen Gottesdienst geweihter Raum. Und diesen Raum und die Gläubigen, die diesen Raum schätzen, dort beten und Gottesdienst feiern, müssen wir auch schützen.

DOMRADIO.DE: Man könnte aber auch sagen: "Wir glauben an den gleichen Gott, auch mit unterschiedlicher Auslegung."

Hermes: Es ist ein sehr spannendes Thema, das zu diskutieren. Wie gesagt: Bei uns im Rat der Religionen haben wir 19 verschiedene Gemeinschaften, die Bahai, die Ahmadiyya, die Hindus, Christen, Juden, Muslime. Wir haben uns verständigt, dass wir beispielsweise in diesem Rat keine interreligiösen Diskussionen und theologischen Diskussionen führen, sondern uns mit den Fragen beschäftigen – beispielsweise den Fragen der Möglichkeit von Krankenhausseelsorge, von Bestattungen, von vielem anderen mehr – die uns in der Stadtgesellschaft betreffen. Die Erfolgsbedingung dieses Rates – kann ich nach drei Jahren intensiver Arbeit sagen – ist, dass wir ganz klar sagen: Jeder hat sein Bekenntnis. Jeder hat seinen Glauben und den darf er auch haben und den lassen wir einander auch.

Wenn wir in diesen Rat hineingehen und jeder sagt: Ich muss jetzt die anderen von der Wahrheit überzeugen, weil sie sonst in die Hölle kommen, dann können wir diesen Rat der Religionen und alle Räte der Religionen sofort zumachen. Man kann die theologischen Fragen diskutieren. Man muss sie und soll sie diskutieren. Papst Franziskus hatte bei seiner jüngsten Reise auch wichtige Zeichen gesetzt. Aber es hat alles seinen Ort.

Die theologische Diskussion gehört an die Hochschulen, an die Akademien und in die Gemeinden. Aber im Kirchenraum als Raum des Gottesdienstes, im geweihten Raum, an den Gebetsstätten, kann das so - jedenfalls unserer katholischen Überzeugung nach - nicht stattfinden.

(DR)

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