Die Lage in der Türkei ist angespannt
Die Lage in der Türkei ist angespannt
Renardo Schlegelmilch
Renardo Schlegelmilch

20.04.2017

domradio.de-Reporter Renardo Schlegelmilch zur Risiken und Chancen in der Türkei Wie weiter nach dem Referendum?

Wohin entwickelt sich die Türkei nach dem Referendum? Was wird das geplante Präsidialsystem für die Christen im Land bedeuten? domradio.de-Reporter Renardo Schlegelmilch berichtet von Unsicherheit, sieht aber auch Hoffnungsschimmer.

domradio.de: Kurz vor der Abstimmung warst du in der Türkei, wie war da die Stimmung vor Ort?

Renardo Schlegelmilch (domradio.de-Reporter): Die wirkte für mich etwas schräg. Alleine schon auf dem Weg vom Flughafen nach Istanbul in die Stadt hat man viele große Plakate mit dem Gesicht Erdogans gesehen. Während des Wahlkampfes immer mit dem Wort "evet", also "Ja". Lautsprecherwagen fuhren durch die Stadt und spielten Lieder für Erdogan, ganze Häuserfronten waren mit seinem Gesicht plakatiert. Das wirkt für jemanden, der aus einer westlichen Demokratie kommt, etwas befremdlich.

domradio.de: Der Konflikt Türkei und Europa ist für uns in Deutschland ein großes Thema. Wie sieht das in der Türkei aus? Lassen sich die Menschen da gegen Merkel und Europa aufwiegeln?

Schlegelmilch: Das kommt darauf an, wen man fragt. Ich habe einen deutschen Studenten getroffen, der seit einem halben Jahr in Istanbul lebt. Der sagt, er bekommt von Anfeindungen überhaupt nichts mit. Sämtliche Leute mit denen er spricht, sagen, sie finden Deutschland toll. Die haben Respekt vor Angela Merkel und vor dem, was sie für Deutschland bewegt hat. Ich habe das selbst ähnlich erlebt. Ich bin ins Taxi eingestiegen, der Taxifahrer fragt: "Woher kommst du? Köln? Poldi spielt tollen Fußball!" 

Auch deutsche Firmen sieht man in Istanbul viele. In anderen gesellschaftlichen Kreisen sieht das anders aus. Ich habe mit Mitgliedern der deutschen Gemeinde gesprochen. Die sagen, sie kennen Deutsche, die aufgrund ihrer Nationalität schon aus Taxis geschmissen wurden. "Mit euch fahre ich nicht!" Es gibt definitiv einen Konflikt, anscheinend ist der aber nicht in allen Gesellschaftsschichten gleich ausgeprägt.

domradio.de: Eines von Erdogans großen Zielen ist es auch, der Religion im Land mehr Bedeutung zu geben. Wie kommt das bei den Menschen an?

Schlegelmilch: Interessanterweise relativ gut. Und vielleicht ist das auch was Gutes. Türkische Universitäten waren lange für Frauen mit Kopftuch nicht zugänglich. Da sagen wir mit unserer westlichen Denke: OK, Frauen, wenn ihr studieren wollt, nehmt das Kopftuch ab. Die Religion ist dort in der Gesellschaft allerdings so verwurzelt, dass diese Option vielen gar nicht in den Kopf kommt. Frauen stehen dort vor der Entscheidung: Was ist mir wichtiger? Religion oder Bildung. Bis Erdogan gekommen ist war diese riesige Gruppe der Gesellschaft vollkommen von Bildung abgeschnitten. Unter Erdogan sieht das jetzt anders aus. Auch Frauen mit Kopftuch können studieren. Es gibt auch Stimmen unter den Christen, die sagen: Wenn der Laizismus, die Trennung von Staat und Religion, aufgeweicht wird, dann ist das eventuell auch für uns gut.

Im Moment ist keine Religionsbekundung im öffentlichen Raum erlaubt. Man sieht keine Muslime mit islamischen Religionssymbolen, aber auch keine Christen mit Kreuz um den Hals in den Straßen. Mönche und Priester auch nicht, obwohl es die auch in der Türkei gibt. Einige haben die Hoffnung, dass unter Erdogan auch die Christen mehr religiöse Freiheiten bekommen könnten. Auf der anderen Seite gibt es auch Stimmen, die erwarten, dass solche Freiheiten nur den Muslimen gewährt werden. Im Moment herrscht viel Unsicherheit unter den Christen, es muss aber nicht unbedingt alles schlecht werden.

domradio.de: Wir als Außenstehende können oftmals nicht verstehen, wie man die Politik eines Erdogans unterstützen kann. Kannst du das nach deinem Besuch zumindest im Ansatz besser nachvollziehen?

Schlegelmilch: Ein bisschen schon. Bei uns als Gesellschaft ist die Demokratie als Denkmuster schon fast in den Geist eingeprügelt. Wenn man uns sagt "Demokratie wird abgeschafft", denken wir an unsere Geschichte und finden das furchtbar. Wenn du in einer Gesellschaft lebst, wo das nicht so ist, die nicht auf diese Art vorgeprägt ist, dann hat das auch einen geringeren Stellenwert. Auf der anderen Seite muss man auch sagen - und das hat mich am meisten überrascht - dass es vielen Türken seit Erdogan besser geht. Die Infrastruktur ist super ausgebaut, Sozialversicherung können sich in der Türkei jetzt auch viele sozial Benachteiligte leisten.

Die Türkei unternimmt im Moment riesige Bauprojekte. Istanbul bekommt den nach eigenen Angaben größten Flughafen der Welt. Auch ein riesiger Kreuzfahrtschiff-Hafen wird gebaut. Die werden im Moment natürlich nicht genutzt, weil die westlichen Touristen ausbleiben. Man kann aber definitiv sagen: Vielen Menschen in der Türkei geht es heute besser als vor zehn Jahren. Sie sagen, zu verdanken ist das dem Präsidenten. Und wenn dieser Präsident nun sagt: Soll ich so weiter machen? Dann kann man auch ein bisschen nachvollziehen, dass die sagen: Demokratie ist nett, aber mein persönliches Wohlbefinden ist mir wichtiger.

Das Interview führte Verena Tröster.

(dr)

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