Tempelberg bei Nacht
Tempelberg bei Nacht
Georg Röwekamp
Georg Röwekamp

27.10.2016

Heilig-Land-Verein zur UNESCO-Resolution über Jerusalem Christen zwischen den Stühlen

Auch die zweite UNESCO-Resolution bezeichnet den Tempelberg in Jerusalem ausschließlich als heilige Stätte der Muslime. Dr. Georg Röwekamp vom Deutschen Verein im Heiligen Land sieht die Christen diesbezüglich in einem Dilemma.

domradio.de: Warum gibt es so viele Diskussionen um die zweite Resolution der UNESCO?

Dr. Georg Röwekamp (Repräsentant des Deutschen Vereins im Heiligen Land in Jerusalem): Zum einen ist es die zweite Resolution innerhalb von einigen Tagen. Zum anderen ist das ein Ausdruck des Ringens um die heiligen Stätten in dieser Stadt  - und die wird jetzt auch mit solchen Waffen geführt. Von daher muss man alles vor dem Hintergrund der allgemeinen Auseinandersetzung um die Rolle Jerusalems und zwischen Israelis und Palästinensern sehen.

domradio.de: Grundsätzlich gesprochen, wenn die UNESCO kommt und sagt, wir machen den Tempelberg zu einem Heiligtum für Muslime, dann ist das ja eigentlich noch nicht einmal etwas Schlechtes. Warum gibt es da so viel Aufsehen?

Röwekamp: Die erste Resolution - und auch jetzt die zweite - bestreiteten eigentlich jede jüdische Beziehung zu diesem Tempelberg, den die Muslime "Haram al-Scharif", also edles Heiligtum, nennen. Das ist tatsächlich eine Geschichtsfälschung, die auch nicht auf der Linie von früheren Veröffentlichungen, sogar von muslimischer Seite, steht. Von daher tun sich, aus meiner Sicht, auch die Palästinenser mit dieser Resolution, die natürlich auf ihr Betreiben zu Stande gekommen ist, keinen Gefallen.

domradio.de: Jerusalem ist ja auch eine heilige Stadt für das Christentum. Was bedeutet diese Resolution für die Christen?

Röwekamp: Der Tempelberg hat für Christen nicht die gleiche Bedeutung wie für die Juden und die Muslime. Natürlich hat dort einmal der Tempel gestanden, in dem auch Jesus gepredigt hat. Für die Christen im Land, die palästinensischen Ursprungs sind, ist das natürlich insofern eine schwierige Situation. Sie wollen und müssen einerseits immer wieder den Palästinensern zeigen, dass sie sich als Teil dieses Volkes begreifen. Andererseits können sie aber jetzt diesen Weg eigentlich nicht mitgehen, weil nun ihr Jesus von Nazareth mit diesem jüdischen Tempel verbunden ist.

domradio.de: Das heißt, die Christen sind zwischen den Fronten gefangen?

Röwekamp: Wie immer - und das bestätigt sich hier eigentlich noch einmal, dass sie zwischen allen Stühlen sitzen.

domradio.de: Wie wird das Ganze weitergehen? Ist mit Ausschreitungen zu rechnen?

Röwekamp: Das kann man hier in Jerusalem, ehrlich gesagt, nie genau prognostizieren. Die Anspannung ist natürlich grundsätzlich da. Zumal viele Probleme bezüglich Jerusalem - und da speziell Ost-Jerusalem  - überhaupt nicht gelöst sind. Darüber täuscht die relative Ruhe der letzten Jahre im Land ein wenig hinweg. Wie das hier weitergehen wird, kann im Moment leider niemand sagen.

domradio.de: Israels Knesset-Sprecher Yuli Edelstein hat den Vatikan um Unterstützung gegen die Resolution der UNESCO gebeten. Wird sich der Vatikan bei so einer heiklen Frage einmischen?

Röwekamp: Dazu kann ich nichts sagen, weil der Vatikan natürlich einerseits immer auf dem internationalen Status Israels besteht. Anderseits steht er in Verhandlungen mit dem Staat Israel über den Status der kirchlichen Stätten im Land. Es ist für den Vatikan eine politisch, heikle Situation. Auf der anderen Seite kann und darf auch der Vatikan sich nicht zum Komplizen einer solchen geschichtsfälschenden Darstellung machen.

domradio.de: Also lieber heraushalten, würden Sie sagen?

Röwekamp: Ich bin nicht derjenige, der dem Vatikan Ratschläge zu geben hat.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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