Natalia Verzhbovska
Natalia Verzhbovska

31.08.2015

Erste Rabbinerin für NRW ins Amt eingeführt Brückenbauerin und Bewahrerin

Nordrhein-Westfalens erste Rabbinerin ist in Bielefeld mit einer Ordinationsfeier in ihren Dienst eingeführt worden. Verzhbovska betreut die Mitgliedsgemeinden der Union Progressiver Juden in Köln, Oberhausen und Unna.

Gemeinsam mit der Rabbinerin Natalia Verzhbovska wurden noch vier weitere Absolventen des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs in der Synagoge Beit Tikwa in ihren Dienst in den jüdischen Gemeinden eingeführt. Mit Verzhbovska werde 70 Jahre nach der Schoa erstmals eine Rabbinerin in Nordrhein-Westfalen amtieren, erklärte das Abraham Geiger Kolleg am Montag. Verzhbovska wird ab September die Mitgliedsgemeinden der Union Progressiver Juden in Köln, Oberhausen und Unna betreuen.

Ihre Aufgabe sei es, in den Gemeinden des liberalen Landesverbandes die jüdische Tradition und das Wissen darüber zu stärken, erklärte Verzhbovska. Bei der Feier des liberal ausgerichteten Rabbinerseminars wurden zudem eine weitere Rabbinerin, zwei Rabbiner und ein Kantor in ihren Dienst ordiniert. Die weiteren Rabbiner sind Eli Reich, Sonja Keren Pilz und Alexander Grodensky, der Kantor ist Annon Selig.

Mit Fall des eisernen Vorhangs beginnt religiöse Suche

Die gebürtige Ukrainerin will Brückenbauerin und Bewahrerin sein, wie sie im Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur sagt. Vor 47 Jahren wurde sie in Kiew in eine säkulare Familie geboren. Erst als der eiserne Vorhang fiel, machte sie sich auf die Suche nach ihrer eigenen religiösen Identität. Fündig wurde sie in einer liberalen Gemeinde. Für diese Strömung des Judentums sind zwar die ethischen Grundsätze religiöser Texte verbindlich, religiöse Gesetze sollen aber an das sich verändernde Leben angepasst werden.

In ihrer Gemeinde lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, einen Rabbiner aus Russland. An seiner Seite übernahm sie mehr und mehr Aufgaben, wollte schließlich selbst Rabbinerin werden. "In Europa gibt es da wenig Möglichkeiten für Frauen", sagt sie. Während es in den USA mittlerweile viele Rabbinerinnen gebe, seien in Europa viele Gemeinden nicht bereit seien, eine Frau als religiöse Leitfigur anzuerkennen. Bundesweit ist Verzhbovska die fünfte Rabbinerin.

Sohn und Mann arbeiten weiterhin in Russland

Für ihre Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam hat sie große persönliche Belastungen in Kauf genommen: Ihr 21-Jähriger Sohn und ihr Ehemann arbeiten weiter in Russland. Sie hofft, dass ihr Mann bald nachkommen kann. "Es gibt für uns weder in der Ukraine noch in Russland eine Zukunft", sagt sie und verweist auf den andauernden Konflikt der beiden Ländern sowie einen bedrohlichen Antisemitismus.

Ihre Herkunft kann sie nun zu einer Brückenbauerin in den Gemeinden werden lassen: Eine Mehrheit der Gemeindemitglieder stammt aus der ehemaligen Sowjetunion. Dort, wo die Religion so lange brach gelegen habe, sei das Wissen oft gering, sagt Verzhbovska. Gleichzeitig haben die überalterten Vorstellungen der Großeltern in vielen Köpfen überlebt. "Viele erwarten einen Mann mit langem Bart und elf Kindern", sagt sie lachend. Kommen wird eine selbstbewusste Frau, die bei ihren Landsleuten Begeisterung für die Religion wecken will: "Wir müssen unsere religiösen Schätze näher zu den Menschen bringen", sagt sie. Auch den Dialog mit Muslimen und Christen will sie weiter vorantreiben.

Ministerpräsident Kraft würdigt Ordination

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) würdigte die Ordination als ein positives Zeichen. Sie wisse, dass es für die jüdische Gemeinschaft weder leicht noch selbstverständlich sei, Deutschland wieder als Heimat zu sehen, sagte Kraft bei dem Festakt. Deshalb sei dieser Tag ein großer Tag der Freude und Dankbarkeit.

Kraft versicherte, dass die Landesregierung alles tue, "um jede Form von Antisemitismus und jede Gefährdung des jüdischen Lebens in unserem Land mit allen Mitteln des Rechtsstaates zu verfolgen".

Zugleich sei auch das Engagement vieler Initiativen nötig, die sich für das friedvolle Miteinander der Religionen einsetzten. Die NRW-Regierungschefin würdigte, dass sich unter anderem in Bielefeld Juden, Christen und Muslime zu einem vorbildhaften "Trialog" zusammengefunden hätten. Aus Begegnung und Dialog könnten Verständnis und Respekt für die jeweils anderen erwachsen.

Als politische Gäste waren zudem Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD), NRW-Landtagspräsidentin Carina Gödecke (SPD) und der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck angekündigt. Teilnehmer waren zudem der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, und der Präsident der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Henry G. Brandt.

Zuletzt waren Anfang September 2014 im polnischen Breslau Absolventen des 1999 gegründeten Rabbinerseminars ordiniert worden. Die Studierenden werden am Abraham-Geiger-Kolleg und der Universität Potsdam ausgebildet.

Die ersten Absolventen des Rabbinerseminars, das nach dem jüdischen Reformer Abraham Geiger (1810-1874) benannt ist, wurden 2006 in Dresden ordiniert. Seitdem wurden 20 Frauen und Männer in ihre Ämter als Rabbiner und sechs Frauen und Männer in ihre Ämter als jüdische Kantoren eingeführt. Sie sind heute in verschiedenen deutschen Städten sowie im Ausland tätig. Das Abraham-Geiger-Kolleg führt die Tradition der 1872 eröffneten und 1942 von den Nazis geschlossenen Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums fort.

 

(dpa, epd)

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