Der 14. Dalai Lama
Der 14. Dalai Lama
Happy Birthday Dalai Lama!
Happy Birthday Dalai Lama!

06.07.2015

Der 14. Dalai Lama ist 80 Jahre alt Ethiker mit Religionsanschluss

Der 14. Dalai Lama konnte kaum je sein, wo er sein sollte: in Tibet. So war er überall sonst auf der Welt - und löste einen Buddha-Boom aus. Nun, im Herbst seines Lebens, predigt er, was ihm noch wichtiger ist als Religion.

Es ist eine bizarre und einzigartige Rolle, die dieser Mann auf der politischen Weltbühne spielt: Reinkarnation eines Gottes, abgedankter König ohne Land, hofierter Flüchtling, politische Unperson, freundlicher Friedensmahner, Stachel im Fleisch der China-Profiteure. Seit über einem halben Jahrhundert gehört der 14. Dalai Lama, exilierter Gottkönig der Tibeter, zu den Popstars der Weltreligionen, auf Augenhöhe mit Papst Johannes Paul II., Mahatma Gandhi oder Mutter Teresa - ein Stück verkörpertes Weltgewissen.

"Buddha-Boom" in den USA

Der "Ozean der Weisheit" (tibet. Dalai Lama) gluckst. Oder flüstert. Oder schweigt. Egal in welchem Aggregatzustand: Dieser Ozean füllt jeden Raum, in dem er sich gerade befindet. Es ist das außergewöhnliche Charisma dieses Religionsführers, das einen großen Teil seiner Faszination ausmacht. In den USA und in Europa hat der 14. Dalai Lama mit seinem Einsatz für Gewaltlosigkeit einen regelrechten "Buddha-Boom" ausgelöst. Für seinen friedlichen Widerstand gegen die chinesischen Besatzer erhielt er 1989 den Friedensnobelpreis.

Sein Engagement für die Bewahrung der Schöpfung teilt er mit christlichen Religionsführern, etwa den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus oder dem "Grünen Patriarchen" von Konstantinopel, Bartholomaios I. Jeden Morgen um halb sechs hört er die BBC-Nachrichten, schon seit seiner Jugend. "So erfahre ich alles über Morde, Korruption, Misshandlungen, verrückte Leute." Er ist überzeugt, dass die meisten all der menschlichen Tragödien auf einen Mangel an Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein zurückzuführen seien.

Seine Überzeugung: Ethik ist wichtiger

So diagnostiziert er im Herbst seines Lebens eine Überzeugung, zu der ihn nach eigenen Worten lange Meditationen geführt haben - und sein Interesse für die Hirnforschung: Ethik ist wichtiger als Religion.

Manchmal frage er sich sogar, ob es Religionen überhaupt geben müsse.

Das ist eine erstaunliche Einsicht für einen Religionsführer - aber eine konsequente. Seine Argumentation: Ethik sei dem Menschen eingeboren, komme ihm aber mitunter qua Erziehung abhanden. Religion werde anerzogen - und berge zudem, als Fanatismus, ein Gewaltpotenzial in sich.

Ist der Buddhismus eine so schwache Religion, dass einer ihrer höchsten Vertreter sie so scheinbar einfach hintanstellen kann? Oder macht gerade das seine Stärke aus? Ohne Zweifel hat der 14. Dalai Lama schon eine Menge durchgemacht. Seit dem 17. Jahrhundert gilt er den Tibetern als Wiedergeburt des Buddhas des Mitgefühls: nicht nur geistliches, sondern auch weltliches Oberhaupt Tibets.

Als Kind inthronisiert

Nach dem Tod eines Dalai Lama suchen die Mönche des Landes nach einem Kind, in dem nach ihrer Überzeugung die Seele des Buddhas fortlebt. Der 14. Dalai Lama, mit bürgerlichem Namen Lhamo Thondup, wurde am 6. Juli 1935 im Nordosten Tibets als Sohn einer Bauernfamilie geboren und 1937 als Reinkarnation des Dalai Lama erkannt.

1940 wurde der Junge mit dem Mönchsnamen Tenzin Gyatso als Dalai Lama inthronisiert und 1950 mit Erreichen der Volljährigkeit zum Oberhaupt eines unabhängigen Tibet ausgerufen. Noch im selben Jahr marschierte die chinesische Armee ein. 1959 musste er nach einem niedergeschlagenen Volksaufstand aus der tibetischen Hauptstadt Lhasa fliehen. Seither lebt er im Exil in Indien. Die meisten Klöster und Tempel seines Landes wurden damals zerstört.

Im indischen Dharamsala stand der Dalai Lama einer Exilregierung für schätzungsweise sechs Millionen Tibeter weltweit vor - bis er diese Aufgabe 2011 einer zivilen Exilregierung unter Ministerpräsident Lobsang Sangay abgab. Nach wie vor wird Tibet mit Rücksicht auf die strategische und wirtschaftspolitische Bedeutung Chinas von keinem Staat der Welt anerkannt.

Symbolfigur für gewaltlosen Widerstand

Durch Reisen und Medienauftritte weltweit operiert der 14. Dalai Lama als Symbolfigur eines gewaltlosen Widerstands. Ziel seines "Wegs der Mitte" ist eine "echte Autonomie" mit kulturellen und religiösen Freiheiten für die Tibeter unter nomineller Oberhoheit der Volksrepublik China - freilich ohne jeden Erfolg.

War der Dalai Lama über Jahrzehnte eine regelrechte Ikone des Westens, sind seine Auftritte hierzulande nicht mehr ganz unumstritten. Mit Blick auf seine anschaulichen Botschaften sprechen Kritiker von einer "Fußabtreter-Philosophie" und werfen ihm Doppelgesichtigkeit vor: eine Buddhismus-Light-Variante mit einem gewinnenden Lächeln für das fernwestliche Publikum - und eine rückwärtsgewandte Theologie nach innen.

Vergeblicher Traum vom Ruhestand

Lange schon träumte das Oberhaupt der Tibeter von einem "Ruhestand", in dem er sich ganz der Meditation, seinen geliebten Blumen und Taschenuhren widmen kann. Vergeblich: Der Buddha des Mitgefühls kann nicht zurücktreten. Nun, kurz vor seinem 80. Geburtstag, sagt er einsichtig: "Für mich ist die Länge meines Lebens kein großes Thema. Vielleicht werde ich 89, vielleicht 99; dann jedenfalls bin ich weg. Aber wer jetzt jung ist, der wird mit 50 oder 60 Jahren in einer anderen Welt leben."

Entscheidend im Leben sei, Gelegenheiten beim Schopf zu packen, glaubt er - und erzählt eine Anekdote: Queen Mum (1900-2002), die Mutter von Elizabeth II., habe das gesamte 20. Jahrhundert erlebt. Als er ihr 1996 persönlich begegnet sei, habe er sie gefragt: "Glauben Sie, dass die Dinge besser werden - oder schlechter?" Und die alte Lady habe ohne zu zögern geantwortet: "besser!" In ihrer Jugend habe niemand im Empire über Menschenrechte oder ein Recht auf Selbstbestimmung gesprochen; das habe sich gründlich geändert.

Die ökologische und moralische Wende, so ist der Dalai Lama überzeugt, sei immer noch zu schaffen. "Wir müssen uns nur endlich ins Zeug legen".

Alexander Brüggemann
(KNA)

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