Abraham Lehrer
Abraham Lehrer

18.02.2015

Zentralrats-Vize zur Auswanderungsdebatte "Deutsche Gesellschaft tritt für jüdische Mitbürger ein"

Sein Sicherheitsempfinden als Jude in Deutschland habe sich nicht verändert - das sagt Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden. Darüber und über einen möglichen Exodus nach Israel spricht er im domradio.de-Interview.

domradio.de: Ist der Exodus nach Israel der einzige Weg für die Juden?

Abraham Lehrer (Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland): Aus seinem Selbstverständnis heraus ist es seine Aufgabe, die Juden der Welt in Israel zu konzentrieren. Die Geschehnisse in Europa veranlassen ihn wohl dazu, die Juden Europas aufzurufen, nach Israel zu emigrieren. 

domradio.de: Grabschändungen in Frankreich, der Anschlag auf eine Synagoge in Dänemark - und auch in Deutschland ist es inzwischen normal, dass Synagogen von der Polizei geschützt werden. Wie sieht denn Ihrer Ansicht nach - mit dem Blick auf Deutschland - die Sicherheitslage hierzulande aus?

Lehrer: Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat bisher sehr viel Glück gehabt, dass hier bei uns keine Attentate geschehen sind. Bisher haben die Behörden es geschafft, immer rechtzeitig zu agieren und geplante Anschläge im Keim zu ersticken. Ob das auf Dauer gelingen wird? Ich hoffe und unterstelle es, weil das die Voraussetzung dafür ist, dass sich jüdisches Leben hier bei uns in Deutschland weiterhin gut entwickeln kann.

domradio.de: Wenn Sie auf die vergangenen Jahre in Deutschland zurückblicken: Hat sich Ihr Sicherheitsempfinden in irgendeiner Form verändert?

Lehrer: Nein. Wir hier in Deutschland haben ein anderes Sicherheitsgefüge als die Franzosen oder auch die Skandinavier. Bei uns gibt es Gott sei Dank eine breite Bevölkerungsschicht, die auf die Straße gegangen ist und bei entsprechenden Vorkommnissen immer direkt die jüdische Gemeinschaft unterstützt hat. Es hat manchmal etwas gedauert, bis die entsprechenden Schritte eingeleitet worden sind, aber prinzipiell ist die Gesellschaft hier in Deutschland immer bereit für ihre jüdischen Mitbürger einzutreten. 

domradio.de: Das heißt, über ein Wort wie Antisemitismus oder eine Zunahme solcher Tendenzen in der deutschen Gesellschaft müssen wir zu diesem Zeitpunkt gar nicht reden?

Lehrer: Die Zunahme des Antisemitismus, des offen ausgetragenen Antisemitismus, ist schon feststellbar. Da gibt es überhaupt keinen Zweifel, wenn Sie sich die Untersuchungen anschauen, die belegen, dass die Prozentzahlen des latenten Antisemitismus in unserer Bevölkerung zum ersten Mal wirklich die 25 Prozent überschritten haben. Dass diese Dinge offen diskutiert werden, ist sehr positiv und belegt, dass die Frage des Antisemitismus auch in unserer Gesellschaft diskutiert werden muss. Man muss sich darüber Gedanken machen, ob die Schritte, die bisher eingeleitet worden sind, ausreichen.

domradio.de: Haben sich die Diskussionen in Ihrer Gemeinde in den vergangenen Wochen nochmal konkretisiert?

Lehrer: Ja, natürlich. Es gibt eine gewissen Unruhe unter den Gemeinedemitgliedern und auch bei uns im Bekannten- und Freundeskreis. Menschen, die sich fragen: Ist das, was in den Nachbarländern geschehen ist, wirklich nur auf diese Länder begrenzt oder kann es jederzeit auch bei uns geschehen und müssten wir uns dann genauso wie die Franzosen und die Skandinavier mit dem Gedanken auseinandersetzen, ob wir noch willkommen sind. Ist das Leben sicher? Ist das die Zukunft, die wir unseren Kindern bieten wollen? Diese Diskussion wird auch in unserer Gemeinde und in unserem privaten Umkreis geführt.

 

Das Interview führte Daniel Hauser.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

(dr)

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