17.05.2013

Pfingsten als Anti-Geschichte zum Turmbau Explosive Kraft

Verlängertes Wochenende, Reisezeit. Viel mehr fällt den meisten zu Pfingsten nicht ein. Umfragen belegen: Kaum einer weiß noch, was genau 50 Tage nach Ostern eigentlich gefeiert wird. Pfingsten ist ein schwieriges Hochfest.

Pfingsten hat mit dem Heiligen Geist zu tun, sagen die noch etwas stärker im christlichen Glauben Verwurzelten. Doch auch für Christen bleibt das Verhältnis zum Heiligen Geist oft abstrakt. Gehört hat man von ihm, immer wieder: "Wir glauben an den Heiligen Geist", heißt es im Glaubensbekenntnis. Doch was hat dieses Bekenntnis für eine Bedeutung?

Lukas beschreibt das Pfingst-Ereignis in der Apostelgeschichte: "Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie (die Jünger) waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab." In Jerusalem lockt dieses seltsame Ereignis eine neugierige Menschenmenge an, Juden aus allen möglichen Landesteilen, viele aus der Diaspora, darunter Ägypter, Römer, Kreter oder Araber, geraten "außer sich vor Staunen", denn jeder hört die Jünger in seiner Muttersprache reden. Pfingsten als Wunder Grenzen überschreitenden Verstehens.

Das erinnert an eine ganz andere biblische Erzählung, auf die sich der Autor der Apostelgeschichte bezieht: die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die Erzählung aus der Genesis ist die Ursprungserzählung der Sprachenverwirrung, die Geschichte vom Scheitern der Verständigung untereinander. Babel ist seitdem das Symbol für die Hybris des Menschen, der meint, aus eigener Kraft den Himmel berühren zu können, gottgleich zu werden. Der Turm blieb unvollendet; denn Gott machte aus der einen gemeinsamen Sprache eine verwirrende Sprachenvielfalt und zerstörte somit den paradiesischen Zustand der Einheit: "Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut."

Die Erzählung vom Pfingstereignis ist die Anti-Geschichte zum Turmbau zu Babel, ein Wunder der Verständigung, der Einheit trotz Vielfalt. Und dieses Wunder benutzt ein Vehikel: den Heiligen Geist. Dieser Geist begegnet dem Leser der Bibel beim Pfingstereignis nicht das erste Mal, vielmehr ist er ein alter Bekannter aus dem Ersten Testament. Der Geist Gottes - hebräisch «ruach», griechisch «pneuma» - durchzieht die Schriften des Alten Testaments. Er ist das Gegenteil von Statik, seiner wird man nicht habhaft, er ist eine dynamisch-explosive Kraft. Er ist Wind, Hauch und Atem, Zeichen für Leben schlechthin, aber auch für Sprache und Denken, das im Hebräischen im Herzen, nicht im Kopf, seinen Sitz hat.

Dieser Geist kommt nun zu Pfingsten herab auf die Jünger. Und hebt unter diesen Vorzeichen die Kirche aus der Taufe. Von diesem Moment an versteht sich die Schar der Jünger als Gottesvolk, der Geist schafft eine lebendige Beziehung zu Jesus. Er wird sozusagen zum Link zwischen Gott, seinem Sohn und der Erde, der Kirche.

Obwohl die Jünger also den Geist empfingen, Babel gibt es immer noch: Babel ist überall dort, wo Sprache versagt, also nicht der Verständigung dient, sondern Verwirrung, Unheil und Leid stiftet. Der Geist scheint ein schwieriger Gast zu sein. "Ihn zwingen wir nicht durch unsere Taten herab, ihn kann nicht zwingen der Verzweiflungsschrei unserer Not. Er ist, er bleibt immer und in jedem Augenblick das freie Geschenk von oben", sagte der Theologe Karl Rahner. Dass dieses Geschenk trotz aller Sprachverwirrung kein leeres Versprechen ist, das ist die Botschaft des schwierigen Festes Pfingsten.

Katharina Klöcker
(KNA)

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