Jugendliche an der Heiligen Pforte im Petersdom
Jugendliche an der Heiligen Pforte im Petersdom

21.11.2016

Unterschiedliche Bewertungen zum Heiligen Jahr Keine Zahl für Barmherzigkeit

Am Tag nach dem "Jahr der Barmherzigkeit" ziehen der Vatikan und die römischen Hoteliers Bilanz. Die Statistiken sind komplex bis nebulös. Das Wesentliche können sie nicht fassen.

Das Heilige Jahr ist "im Wesentlichen eine religiöse und spirituelle Erfahrung": Das schickt Kurienerzbischof Rino Fisichella voraus, der Organisator des Wallfahrtsjahres, das am 8. Dezember 2015 von Papst Franziskus feierlich eröffnet wurde und am Sonntag zu Ende ging. Aber offenbar braucht auch eine spirituelle Erfahrung eine Gestalt, die ihre Größe sichtbar macht. Und so spricht Fisichella am Tag nach dem Heiligen Jahr minutenlang über Zahlen.

Demnach war das Heilige Jahr ein Erfolg. Genau 21.292.926 Pilger, so der Erzbischof, nahmen an dem Jubeljahr in Rom teil. In rund 3.000 Bistümern weltweit schritten bis zu 950 Millionen Menschen durch eine Heilige Pforte, um einen Ablass ihrer Sündenstrafen zu gewinnen. In katholisch geprägten Ländern - Beispiele nannte Fisichella nicht - beteiligten sich mehr als 80 Prozent der Katholiken an dieser Frömmigkeitsübung. Laut Daten aus "einigen bedeutenden Bistümern" lag die globale Beteiligungsquote zwischen 56 und 62 Prozent der katholischen Bevölkerung.

Besucherzahlen schwer nachzuhalten

Die Statistik birgt allerdings Unsicherheiten. So umfasst die Zahl von 21,3 Millionen in Rom jede einzelne Durchquerung einer Heiligen Pforte in den vier Papst-Basiliken - dem Petersdom, der Lateranbasilika, Sankt Paul vor den Mauern und Santa Maria Maggiore - sowie im Marienheiligtum Divino Amore.

Wer alle fünf Pforten besuchte, taucht fünfmal in der Statistik auf. Wer zudem bei einem Papstgottesdienst und einer Generalaudienz war, erhöht die Gesamtbilanz noch einmal. Gezählt wurden, so ein Mitarbeiter Fisichellas, die Teilnahme an einzelnen Punkten des Pilgerprogramms, nicht einzelne Besucher.

Um die Zahlen gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Hickhack in den lokalen Medien. Woher auch immer, war mit der Ankündigung des Jubeljahrs im Frühjahr 2015 das Gerücht aufgekommen, 33 Millionen Pilger würden nach Rom drängen. Die Mutmaßung wurde zur Messlatte: Für überfällige Infrastrukturmaßnahmen in der maroden Hauptstadt, für Erwartungen des Einzelhandels und Hoffnungen des Gastgewerbes.

Nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit

Zwischen Bitterkeit und Häme rangierte nun das Resümee der Hoteliers: Es sei, als habe es das Heilige Jahr nicht gegeben, erklärte der Verband Federalberghi. Nach eigenen Angaben registrierte er im laufenden Jahr bis Oktober knapp 9,8 Millionen Übernachtungsgäste, 2 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Und dabei handelt es sich wohlgemerkt nicht nur um Pilger, sondern auch um Urlauber und Geschäftsreisende.

Auch diese Statistik zeigt nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, wenn man Helmut Rakowski hört, Mitarbeiter im von Fisichella geleiteten Rat für die Neuevangelisierung. Denn fast drei Viertel der vom Vatikan registrierten Pilger-Präsenzen seien Italiener: "Wer mit dem Schnellzug in zwei Stunden von Florenz morgens nach Rom fährt und abends zurück, taucht beim Hotelverband nicht auf", so Rakowski. Statistisch unsichtbar blieben auch jene, die als bescheidene Pilger bei Verwandten übernachteten oder eine Privatunterkunft buchten.

Wirtschaftlicher Profit zählt nicht

Fisichella verzichtete bei der Vorstellung seiner Bilanz nicht auf einen kleinen Hieb gegen jene, die im Heiligen Jahr Segen vom Goldenen Kalb erhofft hatten. Wer gemeint habe, das Heilige Jahr sei in erster Linie und gerade angesichts der Wirtschaftskrise eine Verdienstquelle, habe dessen Bedeutung missverstanden.

Positiver Nachklang weltweit

Auch weltweit sorgte das Jubeljahr für Resonanz an katholischen Stätten: Krakau in Polen verzeichnete laut dem Vatikan fünf Millionen Wallfahrer; Santiago de Compostela verbesserte den Rekord aus seinem eigenen Heiligen Jakobus-Jahr 2010; und das Marienheiligtum Guadalupe zog Kirchenangaben zufolge 22 Millionen Besucher an.

Burkhard Jürgens

(KNA)

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