Kardinal Woelki
Kardinal Woelki

26.12.2015

Kardinal Woelki über Barmherzigkeit und Gnade "Untypisch für unsere Zeit, typisch für Gott"

Die katholische Kirche befindet sich im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki spricht im Interview über die Bedeutung von Barmherzigkeit als das Salz im menschlichen Miteinander und die Schwierigkeiten, sie im Alltag zu leben.

Herr Kardinal, braucht die Kirche, braucht die Welt mehr Barmherzigkeit?

Kardinal Woelki: Auf Barmherzigkeit ist jeder Mensch zu jeder Zeit angewiesen. sie ist das Salz im menschlichen Miteinander, das alle Begegnungen ein Stück weit genießbarer machen kann. Dabei haben Barmherzigkeit und Gnade eines gemeinsam: Man kann sie nicht einfordern, man hat kein Anrecht darauf, man kann sie nicht kaufen. Sie sind beide reinstes Geschenk. Insofern sind beide untypisch für unsere Zeit, aber typisch für Gott.

Barmherzigkeit ist heute ein sperriger Begriff. Wie erklären Sie ihn einem halbwüchsigen kirchenfernen Punker?

Kardinal Woelki: Ich würde sie mit einem unerwarteten Geschenk vergleichen. Jeder kann sich an glückliche Augenblicke erinnern, wenn er sich beispielsweise über eine überraschende Gabe oder eine nicht erwartbare Geste gefreut hat. Im Sprachspiel des Punkers gesprochen: Wenn so ein Oberspießer mit Aktenkoffer einem beim Schnorren um ’nen Euro mal 50 Euro in den schwarzen Lederhut legt und sagt: "Lad dir mal deine Lieblingssongs im Internet dafür runter." Barmherzigkeit schenken – im Idealfall – Eltern ihrem Kind und liebende sich gegenseitig. Barmherzigkeit ist ein Geschenk, das auf keinem Wunschzettel steht und einem trotzdem zuteil wird. Und dann macht es glücklich und zaubert ein Lächeln auf das Gesicht, das auch das gegenüber froh macht. Seine Spitze erreicht dieses Geschenk dann, wenn man bereit ist, selbst überraschend und ohne Berechnung von der selbst erfahrenen Barmherzigkeit etwas weiterzuschenken. Wenn also der heranwachsende Punker einen Teil des unerwarteten Geldsegens seinem Kumpel gibt, damit auch der sich mal legal Musik laden kann.

Wo und durch wen haben Sie persönlich in Ihrem Leben Barmherzigkeit erfahren?

Kardinal Woelki: In meinem Leben sind immer wieder Menschen mir gegenüber barmherzig gewesen. An allererster Stelle sind hier aber meine Eltern zu nennen, deren Barmherzigkeit ich schon in einer Zeit erfahren habe, als ich als schreiender Säugling besonders nachts den Trost meiner Mutter und meines Vaters benötigt habe.

Gibt es Momente oder Situationen, in denen Ihnen Barmherzigkeit selbst schwerfällt oder unmöglich erscheint?

Kardinal Woelki: Natürlich gibt es in meinem Leben Ereignisse und Begegnungen, mit denen ich mich bis heute schwer tue, mir selbst und anderen Barmherzigkeit zuzusprechen. Als Priester habe ich dann später – beispielsweise in der sakramentalen Beichte – vieles erfahren, was Menschen tief verletzt hat und womit Menschen andere verletzt haben. Das ist nie harmlos. Im Namen Gottes durfte ich dann vielen Menschen dessen Vergebung zusprechen. Dieses priesterliche Tun muss natürlich auch Auswirkungen auf mein persönliches Leben haben und dort spürbar sein. Ich bin daher überzeugt, dass Barmherzigkeit immer gewährt werden muss, auch wenn sie schwerfällt oder gar unmöglich erscheint. Barmherzig sein heißt ja nicht, die Augen verschließen und so zu tun als wäre nichts gewesen – barmherzig ist man trotz des gewesenen; so wie der barmherzige Vater im Gleichnis.

Papst Franziskus fordert besonders in diesem Jahr mehr Barmherzigkeit und mehr Zärtlichkeit von der Kirche und von jedem Christen. Was heißt das konkret? Und wie kann man es umsetzen?

Kardinal Woelki: Indem ich beispielsweise wie der heilige Martin handle und etwas von mir verschenke, was ein anderer dringend braucht. Indem ich den Nächsten mit offenen und gütigen Augen anschaue und nicht an ihm vorbeisehe. Barmherzigkeit ist mehr als eine Tat. Sie ist eine Haltung, die meinen Alltag durchzieht. Sie zeigt sich beispielsweise in einer Geste oder einem guten Wort, das Mut macht oder eine Verzeihung ausspricht. Man kann sie nicht planen – "So, jetzt bin ich mal barmherzig" – und im nächsten Moment ist man dann wieder ein "harter Hund". Entweder man strahlt sie in jeder Begegnung aus, wie Papst Franziskus es tut, oder man ist es nicht, wie der unbarmherzige Knecht im Evangelium (Mt 18,23-35).

Das Interview führte Hildegard Mathies für "mensch", das Magazin des Erzbistums Köln.

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