Symbolbild: Kelch als Utensilie für Christen
Kelch und Hostienschale auf einem Altar
Szene aus "Midnight Mass"
Szene aus "Midnight Mass"
Father Paul aus der Serie "Midnight Mass"
Father Paul aus der Serie "Midnight Mass"

19.10.2021

Die Horror-Serie "Midnight Mass" ist ein Meisterwerk Wenn das Blut Christi zum Albtraum wird

"Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben", sagt Jesus. Eine aktuelle Netflix-Serie entwickelt aus dieser Überzeugung eine intelligente Auseinandersetzung über Glauben und Zweifel. Der Horror kommt erst subtil, dann drastisch daher.

"Das ist mein Leib" und wenig später: "Das ist ... mein Blut" – diese Sätze aus dem Hochgebet der katholischen Messe werden in jeder Eucharistiefeier über Brot und Wein gesprochen. Durch die Wandlung werden die beiden Lebensmittel tatsächlich zu Fleisch und Blut von Jesus Christus, aber auf einer geistlichen Ebene, die Substanz ("Transsubstantiationslehre") verändert sich, allerdings auf der physischen Ebene bleibt die Hostie, was sie ist, ebenso der Messwein. Oder geschieht da doch mehr? Diese Frage greift die Serie "Midnight Mass" (dt.: "Mitternachtsmesse") geschickt auf:

Trostlose Insel, perfekt inszeniert

Die fiktive Insel Crockett Island irgendwo in den USA ist schwer gebeutelt, nach einer Umweltkatastrophe haben die Fischer kaum Umsätze, immer mehr Menschen ziehen fort. Einer der Hauptprotagonisten kommt zu Beginn der Serie zurück auf die Insel und zieht nach vier Jahren im Gefängnis wegen Trunkenheit am Steuer wieder bei den Eltern ein. Riley Flynn hat als Alkoholiker alles verloren, seinen Job, alle Ersparnisse, aber auch seinen katholischen Glauben – der im Vollrausch von ihm verursachte tödlicher Verkehrsunfall verfolgt ihn. Die getötete junge Frau erscheint ihm jede Nacht und schaut ihn stumm an – die Serie "Midnight Mass" funktioniert perfekt über diese Bilder: das tödlich verletzte Unfallopfer, die hoffnungslose Stimmung auf der Insel, die heruntergekommenen Gebäude als Sinnbild für den Niedergang.

Gläubige Bewohner schöpfen Hoffnung

Langsam entwickelt sich die Handlung, in deren Zentrum die tief katholisch geprägten Bewohner der Insel stehen. Mitten in der Tristesse kommt ein jugendlich wirkender Priester als Vertretung für den schon sehr alten Amtsinhaber auf die Insel. Der Neue predigt anders, mitreißend, aber auch mit einem leicht fanatischen Unterton. Dennoch erscheint Father Paul grundsympathisch, am Puls der Zeit.

Ein Höhepunkt der Serie sind die Gespräche zwischen ihm und dem alkoholkranken Riley im Gemeindezentrum – der hat Fragen zum Sinn von Leid und Tod in der Welt, Riley formuliert Zweifel an der Religion, die wohl jeder gläubige Mensch im Laufe seines Lebens hat. Father Paul reagiert offen auf die bohrenden Fragen, er gibt keine Phrasen von sich, sondern setzt seinen eigenen, festen Glauben dagegen, der aber auch nicht ganz frei von Zweifeln zu sein scheint.

Wunder und Schrecken liegen eng beisammen

Das ist die Stärke der Serie: sie nimmt Anfragen an die Religion ernst, aber ebenso ernsthaft gibt sie den religiösen Protagonisten die Gelegenheit, diese Anfragen zu beantworten – und zwar jenseits von frömmelnden Floskeln. Und so erscheint der Aushilfspriester zunächst sehr zugänglich, offen. Doch je länger die Serie andauert, desto deutlicher wird: mit dem sympathischen Father Paul scheint etwas nicht zu stimmen.

Merkwürdige Vorfälle häufen sich, Tiere werden ausgesaugt, unerklärliche Wunder geschehen. Plötzlich kann die gelähmte Jugendliche Leeza wieder laufen – die eifrige Kirchgängerin will die Kommunion empfangen, doch Father Paul weicht zurück und geht die Stufen zum Altar hoch und fordert sie auf, zu ihm zu kommen – sie steht auf und kann plötzlich ihre Beine bewegen; ein Wunder!

Das Blut Christi als Wundermittel?

Alle regelmäßigen Gottesdienstbesucher merken positive Effekte: der Rücken schmerzt weniger, die Gedächtnislücken bei alten Menschen werden weniger, insgesamt steigt die Stimmung auf der Insel. Doch zu welchem Preis? Der Priester kümmert sich immer persönlich um den Messwein, am Karfreitag hält Father Paul eine flammende Predigt über das Blut Christ, darüber, dass alle in der Gemeinde zur Armee Gottes werden sollen. Zu diesem Zeitpunkt sind schon einige Inselbewohnter verschwunden, auch der Priester selbst ist wie tot zusammengebrochen und doch nach wenigen Minuten wieder zum Leben erwacht. Was meint Father Paul also, wenn er von der Auferstehung der Toten und vom Blut des Lebens spricht?

Kaum eine Horror-Serie der letzten Jahre dürfte Glaubensgeheimnisse der Katholischen Kirche so geschickt mit Elementen des Horrors, aber auch mit legitimen Anfragen an die Religion verknüpft haben wie "Midnight Mass". Wie ist das mit der Wandlung von Brot und Wein zu verstehen? Trinken Christen buchstäblich das Blut von Jesus Christus? Was bedeutet Auferstehung? Wann ist Religion gut, wann schadet sie dem Menschen?

Sorgfältig bis zur Farbe des Messgewandes

Neben einer perfekten Bildsprache und einem eher subtilen Horror, der allerdings in den letzten beiden Folgen in große Brutalität umschlägt, stimmen auch die (katholischen) Details; der Pfarrer trägt immer die liturgisch korrekte Farbe beim Messgewand – tut er das nicht, wird er von der fanatisch glaubenden Lektorin Beverly streng darauf hingewiesen. Nur die deutsche Synchronisation leistet sich ab und an leichte Schnitzer bei der Übersetzung.  

Der Macher der Serie, Mike Flanagan, vermeidet es, bei "Midnight Mass“" Religion allgemein oder die katholische Kirche pauschal zu verurteilen. Nur selten greift Flanagan in die Klischeekiste. Die verheerenden Folgen von einem fanatischen, fehlgeleiteten Glauben werden allerdings im Finale der Serie überdeutlich gezeigt. Zugleich ist die Ernsthaftigkeit der Serie ihre Stärke: einfache Antworten gibt es nicht, jeder Mensch sucht nach Sinn, ringt mit sich und seinen Taten – egal ob religiös oder nicht.

Keine einfachen Antworten

So ist "Midnight Mass" nicht nur für Fans von Horrorserien kurz vor Allerheiligen sehenswert, sondern für alle, die sich gerne mit den großen Sinnfragen des Lebens auseinandersetzen. Nur schwache Nerven sollte man nicht haben. So erzählerisch langsam die Serie beginnt, umso heftiger endet sie mit horroserientypischer Gewalt – denn ohne zu viel verraten zu wollen: die schicksalhafte Begegnung zwischen Father Paul und den Bewohnern von Crockett Island geht nicht besonders gut aus.  

Info: Die Serie "Midnight Mass" ist seit dem 24. September beim kostenpflichtigen Streamingdienst "Netflix" mit allen sieben Folgen abrufbar.

Mathias Peter
(DR)

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