Wallfahrtskirche in Neviges
Wallfahrtskirche in Neviges
Zu Besuch in Neviges. Abbé Phil und Johannes Schröer
Zu Besuch in Neviges. Abbé Phil und Johannes Schröer
Abbé Phil Dieckhoff vor der Gnadenbildsäule in Neviges
Abbé Phil Dieckhoff vor der Gnadenbildsäule in Neviges

30.04.2021

Mit dem Marienmonat Mai beginnt die Wallfahrtssaison Maria zu lieben – ein Besuch in Neviges

Am 1. Mai beginnt die Wallfahrtssaison. Auch in Zeiten der Corona-Pandemie machen sich Pilgergruppen auf nach Kevelaer oder Neviges. DOMRADIO.DE zu Besuch bei der katholischen Gemeinschaft Sankt Martin im Marienwallfahrtsort Neviges.

Maria, Mutter Gottes, Jungfrau, himmlische Königin, Mutter der Kirche, Gnaden- und Schmerzensmutter. Die Bedeutung von Maria ist vielschichtig und Marienfrömmigkeit polarisiert. Maria 2.0 oder Maria 1.0? Im Streit um kirchenpolitische Wahrheiten wird Maria von ganz verschiedenen Gruppen als Zeugin aufgerufen. Doch wofür steht Maria? Um mehr über Maria zu erfahren, pilgere ich nach Neviges. Der Priester Abbé Phil Dieckhoff hat mich eingeladen. Er gehört zur katholischen Glaubensgemeinschaft Sankt Martin, die seit gut einem Jahr den Wallfahrtsort betreut. In der alten Wallfahrtskirche treffe ich zunächst auf einen Gebetskreis von vorwiegend älteren Frauen. "Mit dem Rosenkranz geht man glaubensmäßig tief vor Anker", erklärt mir Mathilde Peus, die gemeinsam mit ihrem Mann den Gebetskreis vor über 30 Jahren gegründet hat. Bis heute trifft sich der Kreis regelmäßig und sorgt dafür, dass auch in Zeiten der Pandemie der Wallfahrtsort Neviges lebendig bleibt. Für die Frauen ist Maria eine Trösterin, die ihnen Mut macht. Ihre Sorgen und ihren Kummer werden sie hier los. Maria habe in ihrem Leben so viel Leid ertragen müssen, sagt Mathilde Peus, sie habe ihr Ein und Alles, ihren Sohn opfern müssen und sei trotzdem Gott treu geblieben. Wer könne denn mehr Verständnis für die Not der Menschen haben als Maria?

Der Mariendom - ein Zufluchtsberg

Alltags trifft sich die Rosenkranzgruppe in der alten Wallfahrtskirche. Auf dem Kirchplatz treffe ich auch Abbé Phil. Mit wehender Soutane läuft er freundlich lachend auf mich zu. Für die Frauen um mich herum hat er sofort ein offenes Ohr, man kennt sich und freut sich, wenn man sich sieht. Für viele Gläubige sei es einfacher zu Maria zu kommen, sagt er, als zu ihrem Sohn mit dem schweren brutalen Kreuz. Bei Maria sei das Leben einfacher, vielleicht auch leichter. Und dann führt mich Abbé Phil in den großen Mariendom, der in Neviges alles überstrahlt. Das Gebäude ist der Hammer, man kann es nicht anders sagen. Ein gigantisches verschachteltes Zelt aus Beton, von Stararchitekt Gottfried Böhm im Stil des Brutalismus entworfen und 1968 eingeweiht. Es ist, als betrete man eine riesige Grotte, einen Berg, einen Bunker oder eine Burg. Im Mariendom fühle ich mich wie in einer anderen Welt, weit weg von dem, was mich draußen umgibt. "Wenn draußen die Sonne scharf scheint", flüstert Abbé Phil, "und wenn hier Weihrauch in der Luft hängt, dann durchbricht das Licht durch die kleinen Lichtluken die steilen Betonwände wie mit Lichtschwertern". Das Sonnenlicht spielt auch heute Morgen mit der Architektur und macht sie lebendig. Egal – ob gläubig oder nicht, der Besuch dieser ungewöhnlichen Kirche ist ein Erlebnis.

Das Geniale des Marien-Gnadenbildes

Aber wo ist das Gnadenbild der Maria, das hier verehrt wird und die eigentliche Ursache dafür ist, dass dieser Dom gebaut worden ist?  Abbé Phil führt mich in eine Nische, gleich neben dem Eingang. Hier steht eine drei Meter hohe Säule. Eine große Blume, eine Rose - eine Skulptur aus Beton. Darin eingelassen – hinter einem kleinen Fenster – das Gnadenbild der Maria. Ein Buchdruck in schwarz-weiß, nicht größer als eine Seite aus einem Notizblock. Das Bild zeigt Maria, die eine Schlange zertritt. Die Schlange steht für das Böse, für die Sünde. 1680 hatte der Franziskanerpater Antonius Schirley das Bild in seiner Klosterzelle an die Wand gepinnt und hatte davor zu Maria gebetet. Da hörte er eine Stimme: 'Bringe mich nach dem Hardenberg (in Neviges), da will ich verehret sein'. "Das ist das Geniale dieses Gnadenbildes", schwärmt Abbé Phil, "das ist überhaupt das Geniale des ganzen christlichen Glaubens: Das allermeiste, was wir verehren, ist nichts Besonderes, sondern wir verehren hier tatsächlich nur ein Bildchen, das allein durch ein paar Heilungen beglaubigt ist. Nur ein Bildchen, vor dem die Gottesmutter gesagt hat: Verehret mich halt hier. Und dazu will ich meinen Segen geben". Abbe Phil erzählt von den Wunderheilungen, die in den vergangenen Jahrhunderten in Neviges mit der Hilfe von Maria die Gegenwart Gottes an diesem Ort beglaubigt haben. Offen gesagt, mir fällt es schwer, an Wunder zu glauben. Diese Art der Frömmigkeit ist mir fremd. Das sage ich auch dem Priester. Natürlich – man könne und dürfe genauso an Maria zweifeln, wie man an Gott zweifeln kann, antwortet Abbé Phil: "Wer Heilsgewissheiten verlangt, der ist bei Maria genauso fremd wie bei Gott". Aber in Neviges wird mir eines klar, irgendetwas geht von diesem Ort aus, irgendetwas macht ihn besonders. Und auch Menschen, die das Religiöse ablehnen, werden sich fragen, wieso und woher kommt das, dass da so eine Inbrunst, so ein Glaube, so eine Kraftquelle existiert, und so viele Menschen zusammenkommen? Was passiert da?

Maria und Maria 2.0

Ich sitze mit den Frauen in der Wallfahrtskirche und bete den Rosenkranz. Das ist wie eine Meditation, das kann sicher beruhigen – aber so richtig nah oder wie Abbé Phil es formuliert, von der Gottesmutter umhüllt, fühle ich mich dabei nicht, eher wie in einem Yoga-Schnupperkurs. Ich denke darüber nach, was die katholische Dogmatikprofessorin Johanna Rahner vor einigen Tagen auf DOMRADIO.DE über Mariologie gesagt hat. Maria sei Fürsprecherin bei Christus, über Maria durch Christus zu Gott, so hat sie Marias Rolle beschrieben und auch davor gewarnt, Maria als Erlöserin zu überhöhen, denn an Christus reiche sie natürlich nicht heran. Und dann schwärmte die Theologieprofessorin vom Magnificat. Das ist der Lobgesang der Muttergottes, überliefert im Lukasevangelium. Maria preist in diesem Hymnus die angekündigte Ankunft von Jesus. Ihr Lobgesang kommt hier einer Vision gleich. 'Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen', heißt es da wörtlich. Die Hungernden beschenkt er, während die Reichen leer ausgehen. Maria selbst sei dafür Zeugin, erklärt Rahner: "Eine unbedeutende, arme Frau wählt Gott als Mutter seines Sohnes aus. Das ist fast schon ein politisches Programm. Und so könnte man Mariologie heute wunderbar anschlussfähig an verschiedenste Strömungen unserer Zeit auch modernen Menschen plausibel machen, und warum man jetzt als Katholikin oder Katholik so einen Hang zum Mariologischen haben kann". Es gibt also ganz unterschiedliche Möglichkeiten, sich Maria zu nähern. Die Kirchenvolksbewegung Maria 2.0 greift den revolutionären Ansatz, den Maria in sich trägt, auf und kritisiert mit Maria den Klerikalismus, das Herrschaftsgebaren in Teilen der Kirche. Maria kann also von großer spiritueller als auch gesellschaftspolitischer Bedeutung sein. Beides – und es gibt gar keinen Grund, das Eine gegen das Andere auszuspielen und mit Maria zu polemisieren.

Neviges in Zeiten von Corona

Abbé Phil hat mich nach dem Gottesdienst und dem Besuch des Mariendoms ins alte Franziskanerkloster eingeladen. Da sitzen wir warm und gemütlich, trinken Tee und sprechen über Marienfrömmigkeit, über Neviges, den Mariendom und die Wallfahrt in Corona-Zeiten. Denn am 1. Mai wird die Wallfahrtssaison hier feierlich eröffnet und dann kommen in normalen Jahren zur Eröffnungsmesse bis zu 1700 Gläubige in den Dom und zur anschließenden Lichterprozession. In Corona-Zeiten ist das natürlich nicht möglich. Das Ganze sei jetzt reduziert, erklärt Abbé Phil. Mit Abstand könne man 150 Gottesdienstbesucher in den Dom lassen. "Dazu kommt natürlich das Stehen auf Abstand, das Gesangsverbot. Da bleibt natürlich ein etwas bedrückendes Gefühl immer dabei".  Abbé Phil erklärt mir auch, warum im Mariendom bestimmte Stühle mit kleinen roten Schleifchen geschmückt sind. Das seien die Stühle, die in Corona-Zeiten belegt werden dürfen. So werden auch in diesem Frühjahr und Sommer in den Wallfahrtsmonaten von Mai bis Oktober Pilgergruppen nach Neviges unterwegs sein, weniger als sonst, aber es gebe doch zahlreiche Anmeldungen, sagt Abbé Phil, und man könne da auch in Pandemie-Zeiten mit allen Vorsichtsmaßnahmen einiges möglich machen. Als er mich verabschiedet und wir noch einmal auf den brutalistischen Betonbau, auf den Mariendom schauen, sagt er: "Dieser riesige Fels aus Beton steht ja irgendwie auch zeichenhaft für unsere harte und brutale Welt. Und wir dürfen dahin kommen aus unserer Welt und uns von der nahen sanften Gottesmutter wirklich trösten und aufnehmen lassen".

Johannes Schröer
(DR)

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