Der Theologe Hans Küng 2012 (Archiv)
Der Theologe Hans Küng 2012 (Archiv)

06.04.2021

Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng ist tot Friedlich entschlafen

Der Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng ist tot. Er starb im Alter von 93 Jahren am Dienstag in Tübingen, wie eine Sprecherin der Stiftung Weltethos am Dienstag sagte. Er sei friedlich in seinem Haus in Tübingen eingeschlafen.

Hans Küng, einer der renommiertesten Theologen weltweit und Begründer der Stiftung Weltethos, ist am Dienstagmittag im Alter von 93 in seinem Haus in Tübingen gestorben. Der von 1960 bis 1996 in Tübingen lehrende Schweizer hat die katholische Kirche maßgeblich mit geprägt. Seine Bücher wurden Bestseller. In den vergangenen 30 Jahren engagierte er sich vor allem für den Dialog der Weltreligionen, insbesondere im "Projekt Weltethos".

Küng hatte 1990 das Buch "Projekt Weltethos" veröffentlicht und war darin in Anlehnung an die Philosophie Immanuel Kants der Frage nach einer alle Menschen und alle Religionen verbindenden Wertehaltung nachgegangen. Küng erhielt viele Auszeichnungen, darunter mehr als ein Dutzend Ehrendoktorwürden.

Totengeläut in Sursee

Aus Hans Küngs Schriften schimmert ganz viel Liebe zu seiner Heimat in Sursee im Kanton Luzern durch. Entsprechend betroffen reagierten die Surseer auf den Tod ihres einzigen Ehrenbürgers. "Wir sind in Gedanken bei Hans Küng, seinen Angehörigen und Freunden!, sagte Claudio Tomassini. Der 55-Jährige ist Gemeindeleiter der Pfarrei St. Georg. Hier wurde Hans Küng getauft, feierte Erstkommunion; hier wurde er gefirmt, feierte er Primiz.

Coronabedingt soll es im Spätherbst in der Luzerner Jesuitenkirche eine große Gedenkfeier geben. Doch so lange wollen die Surseer nicht warten. "Wir machen das, was wir immer machen, wenn einer von uns stirbt: Wir läuten das Totengeläut", sagte Tomassini. "Einer von uns ist gestorben. Hans Küng gehört zu unserer Pfarrei-Familie."

Zahlreiche Kondolenzen

Wenn Tomassini aus dem Pfarrhaus schaut, dann sieht er das Schuhhaus Küng. "Im ersten Stock war Hans Küngs Zimmer", sagte der Gemeindeleiter. "An der Außenmauer ist eine Muttergottes angebracht." Küng sei ein Theologe von Weltruf. Seine Jüngerschaft hatte er über den ganzen Globus. "Im Sommer läuten manchmal Menschen im Pfarrhaus und fragen nach dem Geburtshaus", so Tomassini.

Zahlreiche Kondolenzschreiben würden die Pfarrei in Sursee erreichen, auch aus Italien. "Wir werden in der zweiten Augusthälfte in Sursee einen Gedenkgottesdienst feiern", kündigte Tomassini an. "Das war die Zeit, in der Hans Küng gerne Ferien in der Heimat machte und bei uns war. So wird er auch diesen Sommer bei uns sein."

Bücher mit Millionenauflagen

"Was dürfen wir hoffen? Wozu sind wir auf Erden? Was soll das Ganze?", fragte Küng. Vor allem in seinen Büchern gab er seine Antworten auf das, worauf es im Leben ankommt. Küng war dabei auch immer politisch: Die stärker gewordene Rolle der Religion verlange mit Blick auf die Konflikte auf der Welt nach seriöser Information: "Nur dadurch lässt sich die ständig drohende Instrumentalisierung der Religion für politische, ökonomische, ethnische und nationale Interessen vermeiden", schrieb Küng Anfang 2017.

Seine Bücher mit Millionenauflage wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. 2015 begann der Herder Verlag eine auf 48 Bände angelegte Herausgabe seiner gesammelten Werke. Zu den bekanntesten Büchern zählen "Unfehlbar?", "Christ sein", "Existiert Gott?" und "Projekt Weltethos".

Bätzing würdigt Engagement

Die Deutsche Bischofskonferenz würdigte Küng als einen anerkannten und streitbaren Forscher. "In seinem Wirken als Priester und Wissenschaftler war es Hans Küng ein Anliegen, die Botschaft des Evangeliums verstehbar zu machen und ihr einen Sitz im Leben der Gläubigen zu geben", erklärte der Konferenzvorsitzende, der Limburger Bischof Georg Bätzing, in Bonn.

Bätzing verwies insbesondere auf Küngs Engagement für eine gelebte Ökumene, auf seinen Einsatz für interreligiösen sowie interkulturellen Dialog und auf die von ihm gegründete Stiftung Weltethos mit ihren Forschungen zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Der gebürtige Schweizer hinterlasse ein reiches theologisches Erbe, so der Limburger Bischof. "Hans Küng hat es sich nie nehmen lassen, für seine Überzeugungen einzutreten. Auch wenn es diesbezüglich Spannungen und Konflikte gab, danke ich ihm in dieser Stunde des Abschieds ausdrücklich für sein jahrelanges Engagement als katholischer Theologe in der Vermittlung des Evangeliums", so Bätzing.

"Einsatz für die Ökumene und den Dialog der Weltreligionen"

Die auf Küng zurückgehende "Stiftung Weltethos" und das Tübinger Welethos-Institut würdigten den Theologen als einen visionären Vordenker für eine gerechtere und friedlichere Welt. Er habe seit Jahrzehnten daran gearbeitet, mit der Weltethos-Idee Verantwortung in der Wirtschaft und Frieden zwischen den Kulturen zu fördern.

Die Organisation "Wir sind Kirche" verwies auf Küngs "lebenslange Beharrlichkeit in der Erneuerung der römisch-katholischen Kirche sowie seinen Einsatz für die Ökumene und den Dialog der Weltreligionen". Mit grundlegenden Werken wie "Die Kirche", "Christ sein" und "Existiert Gott?" habe Küng schon früh nicht nur punktuelle Reformgedanken in die Öffentlichkeit gebracht, sondern diese intensiv in grundlegenden Werken biblisch und systematisch begründet, hieß es in München.

Auch die Universität Tübingen bekundete ihre Trauer. Mit Küng verliere die Hochschule "einen produktiven Forscher, einen überaus schöpferischen Gelehrten und einen exzellenten Theologen", sagte der Rektor der Universität, Bernd Engler. Der Theologe habe mit dem Institut für Ökumenische Forschung und dem Weltethos-Institut Einrichtungen von bleibender Bedeutung geschaffen und damit die Universität tiefgreifend geprägt.

Entzogene Lehrerlaubnis

1979 hatte Rom ihm die Lehrerlaubnis entzogen, unter anderem wegen Kritik an der Lehre der Unfehlbarkeit des Papstes. Als Papst Benedikt XVI. 2005 Küng in Castel Gandolfo empfing, sorgte das weltweit für Aufsehen. Dabei ging es um das Weltethos-Projekt und das Verhältnis von Naturwissenschaft, Vernunft und Glaube, nicht um kirchliche Lehrfragen. Danach gab es einen Briefwechsel zwischen dem später zurückgetretenen Papst und Küng.

Seit Anfang der 1960er Jahre, also noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65), hatte sich der Konflikt um Küng angebahnt, bei dem es auch um die Frage ging, wie Jesus Christus verstanden werden soll. Küng plädierte immer wieder für eine innerkirchliche Erneuerung und eine ökumenische Öffnung mit dem Ziel der Vereinigung der Kirchen.

"Ein glücklicher Mensch"

Der in seinen späten Jahren an Parkinson und einem schweren Augenleiden erkrankte Küng hatte vor einigen Jahren mit der Ankündigung Aufsehen erregt, für sich möglicherweise aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Für ihn komme das in Betracht, "wenn ich irgendwelche Zeichen von Demenz spüre", erläuterte er in dem Buch "Glücklich sterben?" von 2014. Nun ist er am Dienstagnachmittag friedlich eingeschlafen, wie es aus seinem Umfeld hieß.

In einem Interview mit der Talkshow-Moderatorin Anne Will sagte Küng 2013: "Ich habe alle Bücher geschrieben, die ich schreiben wollte, habe alle Reisen gemacht, die ich machen wollte. Also ich bin in diesem Sinne ein glücklicher Mensch, relativ glücklich, und kann sagen, mein Werk hat sich in etwa gerundet und vollendet."

"Ich sterbe nicht in ein Nichts hinein"

Er könne Leute verstehen, die nicht an ewiges Leben glauben, sagte er 2015 dem Deutschlandfunk. "Ich bin aber der Überzeugung, dass ich nicht in ein Nichts hineinsterbe, sondern in eine letzte Wirklichkeit hineinsterbe. Dass ich sozusagen nach Innen gehe, in die tiefere, tiefste Wirklichkeit, und von dorther also ein neues Leben finde. Das ist meine Glaubensüberzeugung."

Den letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Küng im Frühjahr 2018. Die Stiftung Weltethos und die Universität hatten zu seinem 90. Geburtstag ein wissenschaftliches Symposium ausgerichtet, an dem unter anderen viele theologische Schüler Küngs teilnahmen und eine Bilanz seines Schaffens zogen.

(dpa, KNA, epd, DR)

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