Blick auf den Kölner Dom am Abend
Blick auf den Kölner Dom am Abend
Dr. Werner Höbsch
Dr. Werner Höbsch

01.04.2021

Aktiver Katholik im Erzbistum Köln veröffentlicht Bekenntnisbrief "Es gibt nicht nur Verbrecher in der Kirche"

Werner Höbsch hat lange hauptberuflich im Erzbistum Köln gearbeitet. Nun hat er im Internet einen Bekenntnisbrief veröffentlicht. "Warum ich in der Kirche bleibe", lautet der Titel. Im Interview erläutert er die Gründe, der Kirche treu zu bleiben.

DOMRADIO.DE: Warum haben Sie den Brief geschrieben?

Dr. Werner Höbsch (Vorsitzender des Trägervereins der Karl Rahner Akademie und ehemaliger Leiter des Referats für interreligiösen Dialog im Erzbistum Köln): Ich habe den Brief unter dem Eindruck geschrieben, dass viele Menschen zurzeit aus der Kirche austreten und ich mir auch die Frage stelle: Haben diese Leute denn nicht gute Gründe? Sie haben ja Gründe und nennen diese Gründe. Und dann habe ich mich gefragt: Warum bleibe ich denn eigentlich? Welche Hoffnung trägt mich denn? Was ist das, was mich in der Kirche hält, wo im Augenblick so vieles desaströs läuft?

DOMRADIO.DE: Viele bleiben einfach aus Gewohnheit in der Kirche. "Ich war die Zeit meines Lebens katholisch", heißt es dann. Das zählt für Sie nicht. Warum?

Höbsch: Das kann nicht der Grund sein, warum ich als Glaubender in der Kirche bleibe. Gewohnheit ist ein starkes Argument, aber das kann auf keinen Fall der alleinige Grund sein, um dabeizubleiben. Da müssen tiefere Gründe genannt werden. Ich habe mich durch die Fastenzeit hindurch mit den Sonntagslesungen beschäftigt, diese meditiert und da gefragt: Finde ich da Hoffnung? Finde ich da Gründe zu bleiben?

DOMRADIO.DE: Gab es bei Ihnen nie den Moment, wo Sie gedacht haben, "jetzt habe ich auch die Schnauze voll, jetzt trete ich aus"?

Höbsch: Ja, diese Momente gab es auch. Ich habe aber niemals ganz ehrlich mit einem Austritt geliebäugelt oder diesen Ausdruck in Erwägung gezogen, weil da die inneren Bindungen doch zu stark sind. Aber das entpflichtet mich nicht der Aufgabe, mir selbst gegenüber Rechenschaft abzulegen. Wenn Freunde oder Bekannte sagen: "Jetzt habe ich aber wirklich die Schnauze voll, warum bleibst du eigentlich noch?"

Da ist der erste Schritt, sich selber Rechenschaft abzulegen, bevor man anderen gegenüber diese Rechenschaft geben kann.

DOMRADIO.DE: Aber man kann es sich nicht schönreden, auch sich selbst nicht. Die Kirche befindet sich ja in einem schlechten Zustand, oder?

Höbsch: Die Kirche befindet sich, gerade auch hier im Erzbistum Köln, in einem sehr desaströsen Zustand. Das Schlimme ist ja, dass dieser desaströse Zustand selbst verantwortet und selbst verschuldet ist. Es sind ja nicht die Menschen von außerhalb, die die Kirche sturmreif geschossen haben, um es in einem Bild zu sagen.

Das ist von innen heraus geschehen. Und das ist noch herausforderndernder und betrüblicher, gerade weil ich diese desaströsen Zustände der Kirche sehe, die Missbräuche, das, was Menschen angetan worden ist. Das ist die Herausforderung, der es gilt, sich zu stellen. Da kann man nicht hinweggehen und sagen, dass das alles gar nicht so schlimm ist. Es ist schlimm und es bleibt schlimm.

DOMRADIO.DE: Genau an der Stelle schlagen Sie in Ihrem Brief die Brücke zu den Kartagen und zur Passion Christi. Was heißt denn Brücke schlagen in dem Zusammenhang? Was hat die Geißelung von Jesu mit dem sexualisierten Missbrauch, den auch Priester verübt haben, gemeinsam?

Höbsch: In diesen Tagen stellt die Kirche die Passion Christi in den Mittelpunkt. Palmsonntag haben wir das gehört und wir werden es am Karfreitag wieder im Evangelium hören. Diese schrecklichen Taten des Missbrauchs, die sind es, die heute Kindern und Jugendlichen der Kirche anvertraut sind, Geißelhiebe beigebracht und sie schwer verwundet haben. Heute ist es nicht mehr ein Außenstehender, der befiehlt, Jesus zu geißeln. Genau das kommt von Geistlichen, die durch ihre Weihe die Sendung und die Vollmacht erhalten haben, in der Person Christi zu handeln.

Hier ist das Wort "was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", gerade auch auf diese Kinder, auf die Schutzbefohlenen anzuwenden. Die Kirche selber ist es, die in diesen Tagen, in den vergangenen Jahren, Menschen gegeißelt hat und darin auch Christus gegeißelt hat.

DOMRADIO.DE: Kann man dann nicht das Wort Gottes, die frohe Botschaft, auch ohne die Amtskirche leben und praktizieren? Wozu braucht es die Kirche da überhaupt?

Höbsch: Zum einen gibt es Menschen, die sich auch außerhalb der Kirche am Wort Gottes orientieren und das in ihrem Leben und in ihrem Handeln umsetzen. Es gibt diese überzeugten Christinnen und Christen auch außerhalb der Kirche. Ich selbst habe das Wort Gottes, die Beziehung zu Christus über die Kirche kennengelernt. Das waren zuerst meine Eltern, die mir das nahegebracht haben. Später, in meiner Jugendzeit waren es Kapläne, dann Lehrerinnen und Lehrer der Theologie.

Dadurch habe ich einen Zugang gefunden und den finde ich auch heute noch. Es gibt nicht nur Verbrecher in der Kirche und nicht nur Menschen, die sich schuldig gemacht haben. Es gibt auch Leute, die überzeugt von der Botschaft, vom Kern des Glaubens sind und mir das auch heute noch nahebringen.

DOMRADIO.DE: Und sie glauben, die Leute findet man eher in der Kirche als außerhalb?

Höbsch: Ich finde die auch innerhalb der Kirche. Ich brauche eine Gemeinschaft. Ich bin nicht der Individualist, der sich selbst das Wort sagt. Wenn ich sonntags in die Eucharistiefeier gehe, wird mir das Wort Gottes gesagt, es wird mir verkündet. Dort wird die Gemeinschaft mit Christus gefeiert. Und das gibt mir auch heute Lebenskraft und Lebensmut. Daran möchte ich anknüpfen. Das habe ich durch die Kirche erfahren und erfahre ich auch heute durch die Kirche.

DOMRADIO.DE: Was macht Sie denn so zuversichtlich, dass die Kirche sich erneueren wird?

Höbsch: Da ist meine Zuversicht nicht immer ganz so groß, dass das auch passieren wird. In dem Gutachten von Gercke steht, dass die Reputation der Kirche wichtiger war, als der Schutz der Opfer. Und es steht drin, dass es systemische Ursachen gibt. Es ist wichtig, dass der Missbrauch juristisch aufgearbeitet wird. Es ist ganz wichtig, dass hier auch Konsequenzen im Formaljuristischen gezogen werden. Aber das reicht nicht aus.

Es muss hier von innen her ein Umdenken, eine Erneuerung erfolgen. Hier darf nicht die Hülle des Weizenkorn wichtiger sein als der Keimling, der durch sie geschützt wird. Ich habe oft den Eindruck, dass der Kirche die äußere Hülle, also die Strukturen wichtiger sind, als der Inhalt.

Eine Erneuerung kann aus meiner Sicht nur da geschehen, wo sich Menschen in der Kirche neu auf das Evangelium besinnen und beginnen, es in den Kontext in ihrer Zeit auszulegen und zu verstehen. Sie müssen sich davon inspirieren lassen und es in ihre Zeit hinein umsetzen.

(DR)

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