Blick in den Markusdom in Venedig
Blick in den Markusdom in Venedig

25.04.2020

Zum Festtag des Heiligen Evangelisten Markus Der Krimi um die Reliquien im Markusdom

Johannes Markus aus Jerusalem soll als Mitarbeiter des Apostels Petrus in Ägypten Christengemeinden gegründet und den Martertod erlitten haben. Nicht nur Katholiken weltweit feiern an diesem Samstag seinen Gedenktag.

Rettungslos Verliebte können ein Lied davon singen: Große Gefühle können ganz nonchalant auf eine reale Basis verzichten. Bürochef Frank-Uwe überreicht seiner neuen Azubine Kathi zum Einstand ein Blumensträußchen, und fortan betrachtet Kathi Frank-Uwe als ihren heimlichen Liebhaber, obwohl der glücklich verheiratet ist und überhaupt nicht auf Teenies steht. Na und? Kathi weiß genau, der Kerl tut nur so. In Wirklichkeit hat er ihr mit dem Grünzeug sein in Leidenschaft entbranntes Herz zu Füßen gelegt.

Dieselbe Funktion wie so ein unschuldiges Blumensträußchen können Gesteinstrümmer, vergilbte Urkunden, poröse Knochen haben, wenn sie nur alt genug sind oder aussehen. Wissenschaftler sprechen in diesem Fall nicht von Einbildung, sondern vornehm von einem Mythos. Und weil die Venezianer immer schon vornehme Leute waren, kann man die Geschichte von so einem Mythos besonders gut in Venedig verfolgen, der zauberschönen Serenissima.

Venedigs Mythos hieß Markus

Nicht nur vornehm waren sie, die alten Venezianer, sondern auch schlau, machtbewusst und geschäftstüchtig. Deshalb erfanden sie kühl kalkulierend zuerst den Mythos, die handfeste Grundlage würde man schon irgendwann nachliefern können. Venedigs Mythos hieß Markus. Markus aus Jerusalem, angeblich von Petrus zum Christentum bekehrt und später dessen Dolmetscher, weil er Griechisch konnte.

Markus, angeblich der Verfasser des frühesten Evangeliums und Gründer der Christengemeinde von Alexandria, wo man ihn mit einem Strick um den Hals zu Tode schleifte. Alles ziemlich legendär; macht nichts, dachten die Venezianer und setzten eine weitere Legende drauf: Im Verlauf einer Missionsreise habe dieser großmächtige Markus die damals noch sumpfigen, öden Rialto-Inseln betreten und visionär den künftigen Glanz von Venedig gesehen. (Damit wollte man dem vom Frankenreich gestützten Patriarchen von Aquileja auf dem Festland eins auswischen, der die Oberhoheit über die venezianische Kirche beanspruchte und behauptete, sein Bistum Aquileja sei von eben diesem Markus gegründet worden.)

Doch noch war der Venedig-Aufenthalt des Heiligen eine bloße Behauptung. Beweise mussten her. Also entführten ein paar tollkühne venezianische Seefahrer um die Jahreswende 827/28 das Skelett des Evangelisten Markus – oder was man dafür hielt – aus Alexandria; ob man die Reliquien den dortigen Mönchen gegen Geld abschwatzte oder mit Gewalt raubte, ist nicht bekannt. Ob die Knochen echt waren, danach fragte niemand; Hauptsache, man hatte den kostbaren Schutzpatron endlich in Venedig.

Markusdom wird eingeweiht

Auch als der Doge Pietro Candiano IV. 976 in seinem Palast ausgeräuchert und anschließend in San Marco erschlagen wurde, wobei die Markuskirche, die Residenz und dreihundert Häuser in Flammen aufgingen und natürlich auch die Reliquien verbrannten, wussten die Mythenerzähler Rat: Der Doge habe die Überreste des heiligen Markus, als sich die Rebellion abzeichnete, heimlich in einen Pfeiler der später ausgebrannten Kirche einmauern lassen, also seien sie mit ihrer Wunderkraft immer noch da, wenn auch keiner ihren Platz kenne.

Nächster Akt des Dramas: 1094, der wiederaufgebaute Markusdom wird eingeweiht – und siehe da, am 25. Juni entdeckt man ganz zufällig die kostbaren Gebeine in einem stehen gebliebenen Pfeiler des Vorgängerbaus. Wofür es natürlich wieder keine Beweise gibt. Die waren auch nicht nötig, die Markus-Legende unterfütterte den fantastischen Aufstieg von Venedig zur See- und Handelsmacht mit frommer Ideologie und legitimierte so manche Gewalttat, es geschah ja alles zu Ehren des himmlischen Schutzpatrons.

Viel, viel später hat das übrigens Napoleon sofort begriffen: Als er die Republik Venedig zerschlug, soll er geplant haben, sämtliche steinerne Markuslöwen zertrümmern zu lassen. Doch Ende gut, alles gut: 1968 gaben die Venezianer einen Teil der im Markusdom verehrten Reliquien an den Patriarchen von Alexandria zurück, zum 1900-jährigen Jubiläum der koptischen Kirche, als Zeichen der Freundschaft.

Christian Feldmann
(DR)

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