Welche Sehnsüchte hat unsere Seele?
Welche Sehnsüchte hat unsere Seele?
Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant von Bonn
Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant von Bonn

28.02.2020

Bonner Stadtdechant zur Fastenpredigtreihe "Seelen-Sehnsucht" Eine Chance für den Glauben

Stress, Burnout, Sinnsuche: Diese Themen beschäftigen viele. Doch welche Antworten hat das Christentum darauf? Mit seinen Fastenpredigten versucht der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken die Sehnsüchte der Menschen aufzugreifen.

DOMRADIO.DE: "Seelen-Sehnsucht", so heißt die Überschrift Ihrer Fastenpredigtreihe. Was ist damit gemeint? Was sind das für Sehnsüchte, die unsere Seele hat?

Pfarrer Dr. Wolfgang Picken (Bonner Stadtdechant): Wir konzentrieren uns in dieser Fastenpredigtreihe besonders auf die Seelensehnsüchte, weil vielleicht gerade das Fasten deutlich macht, dass der Körper und viele materiellen Belange immer im Mittelpunkt stehen und unsere Seele oft auf der Strecke bleibt. Man könnte sagen, wir decken den Hunger der Seele auf. Das heißt, wir stellen fest, dass wir Liebe suchen, dass wir Vergebung brauchen, dass wir viel mehr Lust und Sehnsucht nach Leben haben, als dass ein begrenztes Leben anbietet.

Viele erleben natürlich auch eine große Sehnsucht nach Versöhnung, nach Heilung, nach Geborgenheit und in dem Wirrwarr von Meinungen und verschiedenen Dingen, die uns gegenwärtig beeinflussen, sicherlich auch Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit.

DOMRADIO.DE: Der christliche Glaube tut der Seele gut und kann ihre modernen Sehnsüchte befriedigen. Was hat der christliche Glaube denn da im Angebot?

Picken: Besonders schön ist, dass wir in der Fastenzeit wieder über das Zentrale unseres Glaubens ins Gespräch kommen. Wir sagen ja traditionell, Jesus sei ein Heiland oder jemand, der die Seele ganz besonders gut versteht. Und wenn man auf die Worte der Heiligen Schrift schaut, dann findet man viele der Antworten, die der Mensch mit seinen Sehnsüchten sucht.

Da gibt es zentrale Worte, wie "Ich bin bei dir alle Tage deines Lebens". Oder wenn wir die großen Heilungserzählungen des Evangeliums sehen: Wer wüsste nicht, dass er durch zwischenmenschliche Konflikte oder durch eigene Fehler tief verwundet ist, ohne zu wissen, wie er heilen kann. Da ist oft ein Wort ganz wichtig und zentral, aber auch die Nähe, die die Eucharistie zulässt. Ein Wort vermittelt, dass ich verstanden werde.

DOMRADIO.DE: Wenn aber doch heute viele Menschen kaum noch beten oder die Rituale der Kirche kennen, ist das dann nicht schwierig?

Picken: Ja, das ist es. Aber ich glaube, gerade wenn sich die Leute einlassen, merken Sie, der Körper steht nicht für sich, sondern wir haben eine Seele. Und gerade die Unbeholfenheit vieler Menschen mit seelischen Prozessen ist das, was die Chance für den christlichen Glauben ist. Dann stecken plötzlich neue Fragen in den Überlegungen der Menschen, die Suche nach Antworten - das ist die Chance für den Glauben, für das Christliche, für die Worte Jesu, auch für die Sakramente, den Menschen neu zu begegnen bei Dingen, die ihnen wichtig sind.

DOMRADIO.DE: Das eine sind die Sehnsüchte, das andere sind die Unsicherheiten, die es in Deutschland gibt und die auch bei den Menschen landen. Glauben Sie, dass auch das ein Thema sein könnte, wenn Sie am Sonntag predigen?

Picken: Sicherlich spielen solche Situationen wie das Coronavirus oder auch andere Bedrohungen der Umwelt eine große Rolle, weil wir da spüren, dass die Seele einen viel größeren Hunger nach Leben hat, als es dieses begrenzte Leben ermöglicht.

Und wenn wir keine innere Sicherheit haben, dass uns ein Leben nicht verloren gehen kann - selbst durch ein Coronavirus nicht, selbst durch einen Krieg nicht - weil wir die große Zusage von Fülle und Leben haben, dann begegnen wir diesen Dingen mit einer unrealistischen Angst und Panik, die eigentlich meinem Leben nicht mehr guttut.

DOMRADIO.DE: Ihre Adventspredigten haben auch viel Anklang gefunden. Jetzt gibt es die Fastenpredigtreihe. Welche Menschen kommen da zu Ihnen?

Picken: Das ist ganz interessant. Es gab ja schon im letzten Jahr die Fastenpredigtreihe - die Sankt-Remigius Kirche war oft stehend voll. Ich glaube, dass die Leute einfach die Auseinandersetzung suchen. Uns fehlt vielfach auch das Angebot, uns mit seelischen Kontexten und Glaubensfragen intensiv auseinandersetzen zu können. Viele nutzen diese Wochen wirklich zu einer inneren Vorbereitung, viele suchen auch nach solchen Gelegenheiten. Das ist, glaube ich, der Grund, weshalb so viele zu dieser Predigt in die Innenstadt nach Bonn kommen.

DOMRADIO.DE: Und danach haben sie ja auch die Möglichkeit, über die Predigt ins Gespräch zu kommen. Inwiefern?

Picken: Es gibt danach immer einen Empfang im Kreuzgang der Remigius Kirche. Viele nutzen das, um über die Predigt ins Gespräch zu kommen - mit mir oder untereinander. Was eine große Rolle spielt, ist einfach, einen Gottesdienst zu erleben, der besonders gestaltet ist, der zu Herzen geht, der eine große Gemeinschaft von Gläubigen zusammenführt. Das ist ja nicht mehr so die Normalität.

Ich glaube, die Leute genießen es einfach, danach zu verweilen und zu merken, es ist gut, dass ich hier bin, es ist gut, dass es Kirche gibt. Und dann gehen sie gestärkt von dort aus wieder in ihren normalen Alltag zurück.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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