Das Zisterzienserkloster Langwaden
Das Zisterzienserkloster Langwaden
Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti
Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti

16.07.2019

Theologe über Umbrüche im Glaubens- und Klosterleben "Gott steht in jeder Ecke"

Wie ist es um das Klosterleben in Deutschland bestellt? Welche Zukunft haben Ordensgemeinschaften? Wie tragen Sie ihren Glauben weiter? Der Theologe Manfred Becker-Huberti spricht im Interview von Hoffnung auf Veränderung und Neuanfang.

DOMRADIO.DE: Verdampft der christliche Glaube? Wenn Sie sich die aktuellen Entwicklungen anschauen, welche Anwort geben Sie als Wissenschaftler und Brauchtumsforscher darauf?

Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti (Theologe, Historiker und Brauchtumsforscher): In Teilen schon. Vieles ändert sich gewaltig - auch Dinge, die wir gewohnt sind, wie zum Beispiel gut besetzte Klöster. Davon werden wir uns lösen müssen. Die Klöster werden immer leerer und der Nachwuchs ist nicht mehr auf breiter Front da, sondern nur noch in einzelnen Bereichen. Es gibt einzelne Orden, denen es vergleichsweise gut geht, auch beim Nachwuchs. Dagegen gibt es andere, da lässt es radikal nach.

Und auch innerhalb einzelner Ordensgemeinschaften gibt es Unterschiede. Ich kenne die Benediktinerabtei Maria Laach mit über 80 Mönchen. Heute sind es noch ungefähr 30. Die Abtei Königsmünster in Meschede im Sauerland ist dagegen picka-packe-voll, vor allem mit jungen Leuten, die sich dort angesprochen fühlen und die dann auch Teil der Gemeinschaft werden. Das lebt und blüht und gedeiht.

DOMRADIO.DE: Sie sind Historiker und kennen die Aufs und Abs, die wir im Laufe der Kirchengeschichte erlebt haben. Was macht Ihnen Mut, dass es irgendwann vielleicht doch wieder aufwärts geht?

Becker-Huberti: Je tiefer es ist, desto eher geht es wieder hoch. Das ist die einfache Lösung. Je schlimmer es wird, desto größer ist der Anreiz, etwas zu ändern und zu verbessern. Die, die etwas verbessern können, sind dann in der Regel nicht die Alten, sondern die Neuen, die hinzukommen und sagen: "Wir müssen den Weg mehr links oder mehr rechts gehen oder höher oder tiefer - jedenfalls Alternativen suchen."

Alle klösterlichen Gemeinschaften haben übrigens so angefangen, dass eine Horde wild gewordener Junger gesagt hat: "Das, was da bisher vorfindlich ist, ist nix. Das machen wir jetzt ganz anders und ganz neu". Die Zisterzienser, die hier im Kloster Langwaden sind, haben genauso begonnen. Sie sind ausgetreten bei den Benediktinern, weil sie gesagt haben: "Die sind uns zu lahmarschig. Die sind fromm, aber sie tun nix. Wir wollen was mit den Händen machen." So sind sie ausgezogen und haben klösterliche Gemeinschaften in diesem Sinne gegründet.

DOMRADIO.DE: Man spricht von Reformklöstern, weil sie sich quasi reformiert haben. Gegenwärtig erkennt man nur überhaupt nicht, dass irgendwo Neues beginnt. Oder sind wir blind?

Becker-Huberti: Ich weiß nicht, ob wir blind sind. Aber wir stehen zu nah mit den Augen an diesen Dingen. Uns fehlt manchmal der Abstand, um zu erkennen, was da passiert und wo die Orte sind, wo sich etwas bewegt. Das ist etwas, was man erst aus der Distanz erkennt.

DOMRADIO.DE: Wir versuchen ja immer auch, den Glauben weiterzugeben. Wie machen Sie das ganz persönlich? Wie sind Sie Glaubenszeuge? Wie versuchen Sie, Ihren Glauben weiterzugeben an Kinder und Enkelkinder?

Becker-Huberti: Ich versuche meinen Enkelkindern, aber auch vielen anderen, mit denen ich zu tun habe, immer die Frage zu stellen, was hinter den Dingen zu sehen ist und was sie bewegt. Nicht, was sich da bewegt, sondern, was der eigentliche Urgrund dafür ist. Die Frage "Warum" ist die erste Frage, die Kinder häufig bis zum Nerven-Zerplatzen stellen können. Sie ist aber auch die wichtigste, die bleibt.

Dieses Warum ist die Frage nach Sinn. Religion ohne Sinn gibt es nicht und die Welt ohne Sinn gibt es auch nicht. Die Welt muss Sinn haben, damit sie existieren kann.

Wenn ich mich mit dieser Frage beschäftige, komme ich an Gott nicht vorbei. Der steht in jeder Ecke, überall. Ich muss ihn nur sehen und sehen wollen. Und wenn ich drüber falle - jedenfalls bekomme ich mit, dass es da etwas gibt, was ich an der Oberfläche nicht finde, was alle Dinge bewegt, was Motor des Ganzen ist. 

Das Interview führte Ingo Brüggenjürgen

(DR)

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