De Maiziere: Kirchen "Entlastung" für staatliches Handeln

"Nicht aus christlich-kulturellem Erbe aussteigen"

Die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen in Deutschland sinken. Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maiziere sieht die Kirchen dennoch weiter als gesellschaftlich prägende Größe.

Kreuz hängt in einem Büro / ©  Harald Oppitz (KNA)
Kreuz hängt in einem Büro / © Harald Oppitz ( KNA )

"Religion hat eine Bedeutung für die Wertbindung und Wertbildung - und zwar weit über die Kirchenmitglieder hinaus," sagte de Maiziere am Dienstagabend in Leipzig. "Das christlich-kulturelle Erbe prägt unser Land und ich sehe nicht, dass wir dort aussteigen sollten oder wollen." Starke Religionsgemeinschaften und Kirchen seien eine "Entlastung" für staatliches Handeln, so der bekennende evangelische Christ.

Der Linken-Politiker Gregor Gysi pflichtete ihm bei: "Ohne die Bergpredigt hätten wir gar keine allgemeinverbindliche Moral. Ob man sie nun einhält oder nicht." Er betonte, dass er nicht in einer religionslosen Gesellschaft leben wolle, auch wenn er selbst nicht an Gott glaube, so Gysi. "Ja, die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt ab, aber ich glaube, nicht die Zahl der Gläubigen." Er finde es überdies wichtig, dass gegenwärtig jemand wie Papst Franziskus Kirchenoberhaupt sei: "Er erinnert authentisch an die Ursprünge des Christentums."

De Maiziere sieht die evangelische und katholische Kirche dennoch in einer großen Vertrauenskrise - ebenso wie Gewerkschaften, Medien, politische Parteien und andere große Organisationen. Das verstärke sich noch, wenn kein Problembewusstsein vorhanden sei, fügte der frühere Innen- und Verteidigungsminister hinzu. "Ich bin mir bei den Kirchen nicht so sicher, ob sie den Ernst der Lage schon erkannt haben", betonte er.

"Wer kümmert sich um die Ausbildung von Theologen"

Gysi warnte davor, die staatliche Finanzierung theologischer Fakultäten einzuschränken: "Man kann sicher über die notwendige Anzahl diskutieren, aber im Prinzip brauchen wir diese Fakultäten." Wolle man sie abschaffen, müsse man sich fragen: "Wer kümmert sich dann um die Ausbildung von Theologen - und zwar ganz ohne unseren staatlichen Einfluss?", so Gysi auch unter Verweis auf die Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Imamen.

De Maiziere ergänzte: "Es tut den Theologie-Studierenden gut, im Austausch mit Studierenden anderer Disziplinen zu sein - und umgekehrt." Es sei wichtig aus vielen Perspektiven auf unterschiedliche Sachverhalte zu blicken und darüber interdisziplinär zu diskutieren. "Nicht nur deshalb gehören Theologische Fakultäten in den innersten Kern einer Universität."

Beide äußerten sich bei einer Festveranstaltung zum 500. Jahrestag der "Leipziger Disputation". Es handelte sich um ein religiöses Streitgespräch, das 1519 zwischen dem Reformator Martin Luther (1483-1546) und dem Theologen Johannes Eck (1486-1543) stattfand. Im Fokus der mehrwöchigen Disputation stand die Frage nach der Autorität katholischer Institutionen als höchste Instanz in Glaubensfragen. Luther bekannte dabei seine endgültige Abkehr vom Papsttum.


Thomas de Maizière / © Fabian Matzerath (KNA)
Thomas de Maizière / © Fabian Matzerath ( KNA )

Gregor Gysi / © Georg Hochmuth (dpa)
Gregor Gysi / © Georg Hochmuth ( dpa )
Quelle:
KNA