Ein Priester hält eine Hostie
Ein Priester hält eine Hostie

19.06.2019

Bibelwerksreferentin findet Kommunionempfang zu hastig Wird das Brotbrechen zum "Steh-Imbiss"?

Beim letzten Abendmahl saßen Jesus und seine Jünger längere Zeit zusammen. Heute kommuniziere man jedoch fast im Gehen, bedauert Anneliese Hecht, Referentin beim Katholischen Bibelwerk. Sie wünscht sich die ursprüngliche Form zurück.

DOMRADIO.DE: Welche Bedeutung hat das eucharistische Mahl laut der biblischen Überlieferung?

Anneliese Hecht (Referentin beim Katholischen Bibelwerk): Zum einen ist es ein Testament Jesu. Es ist das letzte Mahl. Etwas, was auf den Tod hindeutet. Ein letztes Vermächtnis - das ist wichtig. Zweitens ist es das österliche Mahl mit dem auferstandenen Herrn. Ein Mahl, bei dem wir den Leib Christi teilen. Wo wir feiern, wer er für uns ist. Wir sind Leib Christi und feiern es auch. 

Wir haben vor allem die Erinnerung an seine Hingabe bis in seinen Tod, wenn es bei der Gabenbereitung heißt: "In der Nacht, da er verraten wurde..." Seine Liebe geht bis in den Verrat hinein. Bei jeder Eucharistiefeier feiern wir, dass seine Hingabe im gebrochenen Brot geteilt und im Kelch der Bund gefeiert wird. Das sind die wichtigsten Elemente, die wir feiern. Wobei wir immer wissen, dass es vorläufig ist. Die Formen ändern sich im Laufe der Zeit.

DOMRADIO.DE: Warum hat sich denn Ihrer Meinung nach die Eucharistie so weit weg von der ursprünglichen Praxis entwickelt - vom gemeinsamen Mahl zum Schlangestehen vor dem Altar?

Hecht: Das hat für mich mit der Enteignung des Volkes Gottes im Laufe der Kirchengeschichte zu tun. Am Anfang gab es natürlich kleine Gruppen, Hausgemeinschaften, und es wurden immer größere Gruppen. Aber es hat auch mit den Weiheämtern zu tun. Mit dem, was heute nur noch in beschränktem Raum, im Altarraum, gefeiert wird. Was ursprünglich ein Mahl war, wurde immer mehr zum Opfer. Das Volk Gottes war immer mehr außen vor. Das ging bis zu dem, was vor dem Zweiten Vatikanum oft gezeigt wurde: Der Priester hat dem Volk den Rücken gekehrt und die Hostie nur bei der Wandlung hochgehoben.

Im Mittelalter durfte man oft nur "Augenkommunion" haben. Am Lettner war dann ein Kreuz, wo das Blut in den Kelch floss und abgebildet war. Man hat immer weniger empfangen dürfen. Und im Grunde ist das eine Art - ich sage es jetzt übertrieben und möchte nicht respektlos sein - Abspeisen. Dieses Schlangestehen heißt auch, dass Volk Gottes kriegt etwas, aber nur ein kleines bisschen Hostie, nicht vom Kelch. Das eigentliche Mahl findet am Altar statt und ist eher ein Opfermahl.

DOMRADIO.DE: Sie haben darüber einen Artikel geschrieben mit dem Titel "Vom Brotbrechen zum Steh-Imbiss". Warum gefällt Ihnen dieser Stil nicht?

Hecht: Ich bin Kommunionhelferin in unserer Gemeinde. Viele kommunizieren im Gehen, nicht mal im Stehen. Für die kostbarsten Mähler, die wir haben, nehmen wir uns Zeit. Da setzen wir uns hin. Wir nehmen uns Zeit füreinander, das ist auch für Jesus das Wichtigste. "Das schuldet ihr einander", sagte er laut dem Abendmahlsbericht im Johannes-Evangelium.

Aber wir kommunizieren im Grunde einzeln und ganz schnell. Von allen Mählern, die wir haben, ist es das kürzeste. Selbst für einen Stehkaffee nehmen wir uns mehr Zeit als für das kostbarste Mahl unseres Lebens. Und das tut mir in der Seele weh. Ich versuche mir wenigstens mehr Zeit zu nehmen, stehe beiseite und kommuniziere langsam. Aber es ist trotzdem noch enorm wenig, gemessen an der Gesamtlänge des Gottesdienstes. Die Wortlängen sind furchtbar. Es gibt Texte ohne Ende, aber das Zeichen ist fast nicht mehr da, obwohl Wort und Zeichen doch zusammen gehören.

DOMRADIO.DE: Die Eucharistiefeier hat sich über einen langen Zeitraum entwickelt. Sie wollen trotzdem zurück zu den Ursprüngen. Glauben Sie, dass das möglich ist?

Hecht: Ja, das glaube ich fest. Es hat sich seit dem Zweiten Vatikanum schon viel geändert. Aber wenn ich sehe wie wir heute Eucharistiefeier miteinander feiern, ist da noch etwas zu tun. Ich höre das von vielen. Auf meinen Artikel haben unglaublich viele Kreise reagiert - nicht nur auf Facebook. Auch Pfarrerkreise haben ihn diskutiert. In unserer Gemeinde hat der Pfarrer nochmal nachgedacht und jetzt haben wir auch Brot und Kelch für die Gläubigen. Denn es heißt: "Esst und trinkt".

Wenn wir nur die Hostie empfangen - und in manchen Gemeinden ist es so wenig, dass sie an der Zunge kleben bleibt -, wenn wir nicht essen und trinken dürfen, ist das, was Jesus uns aufträgt, schwierig. Mehr noch, wir erfüllen diesen Auftrag gar nicht richtig, wenn uns dies vorenthalten wird. Ich erlebe Priester, die sehr schnell, ja hastig kommunizieren, damit es wieder weitergeht. Das höre ich auch von Großveranstaltungen wie Katholikentagen. Es wird immer überlegt, wie die Kommunion möglichst schnell geht. Das ist nicht der Sinn darin. Sie soll Zeit einnehmen.

Man sollte lieber Wortteile kürzen. Mein Wunsch wäre, dass es wieder ein Brechen des Brotes ist. "Das ist mein Leib" bezieht sich auf das Brotbrechen. Jesu Hingabe geht bis ins Gebrochensein des Kreuzes hinein. Und das miteinander Brechen im Johannes-Evangelium ist wichtig. Dazu bräuchten wir wieder Eucharistie in Gruppen. In unserer Gemeinde ist es zum Glück möglich, dass wir im Kreis kommunizieren. Wir tun das wenigstens an einem Sonntag im Monat. Wir kommunizieren im Kreis und nehmen uns Zeit. Wir warten aufeinander und essen miteinander vom geweihten Brot, trinken miteinander aus dem Kelch. Das bedeutet den Menschen viel.

Das Interview führte Julia Reck.

(DR)

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