Betende Frau
Betende Frau
Prof. Alexander Saberschinsky
Prof. Alexander Saberschinsky

15.02.2019

Sind Gebete für eigene Anliegen egoistisch? "Die anderen können gar nicht außen vor bleiben"

Papst Franziskus hat der Ich-Bezogenheit beim Beten eine Absage erteilt. Was soll uns das jetzt sagen? Dürfen wir Gott nicht mehr "egoistisch" für eigene Anliegen bitten? Wir haben einen Experten in Sachen Gebet befragt.

DOMRADIO.DE: Darf man jetzt nicht für sich selbst beten?

Prof. Dr. Alexander Saberschinsky (Erzbischöfliche Bibel- und Liturgieschule Köln): Doch, das darf man schon. Der Papst hat ja nicht gesagt, dass man gar nicht mehr für sich selber beten darf, sondern man soll nicht nur für sich selber beten. Er hat in diesem Zusammenhang das Wort vom Individualismus benutzt. Da geht es darum, wenn man zu einseitig nur an sich denkt. Das ist an für sich unchristlich und soll natürlich dann auch in der Gebetspraxis nicht vorkommen.

DOMRADIO.DE: Was hat er denn damit ausdrücken wollen?

Saberschinsky: Er hat damit ausdrücken wollen, dass Beten grundsätzlich eine - heute würde man vielleicht sagen - soziale Dimension hat. Ich selber bin schon nicht ohne meine Gebundenheit in soziale Kontexte zu denken. Und wenn ich dann zu Gott bete, dann nehme ich auch eine Beziehung zu ihm auf. Auch da kommt eine soziale Dimension vor. Das ist natürlich nicht der theologische Begriff, aber da kommt auch eine Beziehungsebene ins Spiel und die Beziehung zu Gott ist eine Beziehung zu jemandem, der selber in sich zutiefst Beziehung ist.

Wir Christen glauben an einen dreifaltigen Gott, nicht an drei Götter. Es ist ein Gott, aber er ist in sich so beziehungsreich, dass sich das in diesen drei göttlichen Personen entfaltet. Und wenn ich, der selber auf Beziehung ausgelegt ist, mit diesem Gott, der zutiefst Selbstbeziehung ist, ins Gespräch komme oder auch schweigend vor ihm bin, also eine Beziehung mit ihm aufbaue, dann können die anderen gar nicht außen vor bleiben. Es wäre also ein Missverständnis von Gebet, wenn ich glauben würde, das ist ausschließlich eine Sache zwischen mir und Gott, meiner armen Seele und dem lieben Jesulein. Irgendwie muss die Dimension der anderen mit hineinkommen.

DOMRADIO.DE: Es gibt aber nicht nur verschiedene Anliegen für ein Gebet, sondern eben auch verschiedene Formen. Welche Formen gibt es da?

Saberschinsky: Beim Privatgebet gibt es die Formen, die vom Anliegen her bestimmt sind. Das kann ein Bittgebet sein, für mich oder für andere. Das kann auch ein Dankgebet sein. Aber grundsätzlich könnte man vielleicht unterscheiden: das private Beten als Einzelner. Man könnte sogar noch sagen, es gibt ein privates Beten als Gruppe. Und dann gibt es als Steigerung noch einmal das liturgische Beten. Steigerung ist aber insofern falsch, als das nicht qualitativ besser ist. Es ist einfach etwas anderes. Beim liturgischen Beten kommt eine noch größere Dimension mit hinein.

DOMRADIO.DE: Schauen wir mal auf den Gottesdienst. Da ist ja das liturgische Gebet verankert. Gibt es da eine bestimmte Form oder einen festen Ablauf dieses liturgischen Gebets?

Saberschinsky: Kommt drauf an, an welche Stelle der Liturgie wir schauen. Grundsätzlich, das gilt für alles Beten in der Liturgie, ist es immer ein "Wir". Die liturgischen Gebete sagen nie "ich", höchstens mal in diesen ganz seltenen Ausnahmen von privat gebeteter Liturgie, zum Beispiel wenn der Priester sich während der Gabenbereitung auf das eucharistische Geschehen vorbereitet. Das sind nur ganz wenige Momente und er spricht auch leise, aber grundsätzlich ist liturgisches Beten ein Beten des "Wirs".

Da darf man zunächst einmal an die Menschen und die Feiernden denken, die hier zum Gottesdienst zusammengekommen sind. Aber der Kontext ist noch größer: wenn wir von "Wir" sprechen in der Liturgie, ist letztendlich die gesamte Kirche hier die Sprechende, also die Kirche über unsere Gottesdienstgemeinde hinaus, alle Gläubigen, alle Getauften und wir dürfen das noch weiter ziehen: das geht über Raum und Zeit hinaus. Alle Getauften, nicht nur die jetzt leben, sondern auch die, die schon verstorben sind, die schon bei Gott sind, als der gesamte Leib Christi: dieses "Wir" schließt nämlich eigentlich auch Christus mit ein, der das Haupt des Leibes ist.

DOMRADIO.DE: Jetzt wollen wir auf die Fürbitten gucken. Das ist oft ein heikler Punkt im Gottesdienst. Der ein oder andere stößt sich an Inhalten und Formulierungen. Was ist denn hier genau zu beachten?

Saberschinsky: Die Fürbitten sind nochmal ein spezieller Fall des liturgischen Betens, eine besondere Form, eine eigene Gattung, die an bestimmten Orten ihren Platz hat. Wir kennen die Fürbitten aus der Messe, es gibt sie aber auch an anderen Stellen, zum Beispiel kennt die Vesper, das Abendlob aus der Tagzeitliturgie, beziehungsweise dem Stundengebet auch Fürbitten. Und übrigens kennt an der gleichen Stelle die Laudes, das Morgenlob, Bitten. Da sieht man in der Liturgie beides: Es gibt Bitten für die Betenden konkret, das ist im Morgenlob, und die Fürbitten in der Vesper, die sind bewusst - und für die Messe gilt das Gleiche - ausgerichtet auf die Anliegen, Sorgen, Nöte, und Ängste der Welt. Hier öffnet sich der Horizont.

Ich habe heute ein schönes Zitat gehört: Hier klappen die Kirchenwände auf. Wir gucken über den Tellerrand hinaus und nehmen damit eine urchristliche Aufgabe wahr, eben wie der Papst gesagt hat, nicht nur an uns selber zu denken, sondern auch zu gucken, was die Menschen in der Welt bewegt. Das ist theologisch eigentlich eine ganz hoch aufgeladene Sache, weil die Fürbitten von der Liturgie her den Gläubigen zugeschrieben sind. Das kommt oft nicht so rüber, weil die Fürbitten wenn überhaupt von einem Einzelnen vorbereitet werden, wenn sie nicht einfach aus einem Buch kommen. Dann hat man manchmal den Eindruck, sie werden der Gemeinde vorgelesen.

Aber die Idee dahinter ist, dass jetzt die Gläubigen, die sich hier versammelt haben, schauen: Was bewegt die Menschen in der Welt? Sie bringen das vor Gott und das ist nichts anderes als eine priesterliche Aufgabe. An dieser Stelle nehmen die Gläubigen dezidiert auch in der Messfeier ihre priesterliche Funktion wahr. Ein Priester hat die Aufgabe, die Gebete und Opfergaben der Gläubigen vor Gott zu bringen und hier sind es einmal die Gläubigen selber, die die Anliegen in Gebetsform vor Gott bringen.

DOMRADIO.DE: Das ist ein sehr persönlicher Moment in einem Gottesdienst, in einer Messe. Allerdings gibt es auch Menschen, die sagen, die Gebete in der Liturgie sind mir eigentlich zu unpersönlich. Wie finden Sie das?

Saberschinsky: Die stehen in einer Spannung, insofern ist der Einwand nicht völlig vom Tisch zu weisen. Es ist völlig legitim, dass ich sage, ich möchte da persönlich in der Liturgie vorkommen. Die Sprache soll nicht so viel Distanz schaffen.

Das ist auch richtig, aber gleichzeitig haben die Texte in der Liturgie und auch die Gebetstexte noch eine andere Funktion: Sie sollen auch immer für die gesammelte Gemeinschaft sprechen können. Jetzt stellt man sich einfach mal eine Gottesdienstgemeinde am Sonntag vor: das Tagesgebet hat zum Beispiel die Aufgabe, die Anliegen der Gläubigen vor Gott zu bringen. Das Tagesgebet ist ja so aufgebaut, dass zunächst einmal der Priester einlädt "Lasset uns beten". Dann sollte eigentlich eine Gebetsstille kommen. Das ist nicht immer der Fall. In dieser Gebetsstille sollten tatsächlich die Gläubigen das Beten anfangen. Am Ende sammelt der Priester diese Gebetsanliegen noch ein.

Im Lateinischen heißt das Tagesgebet "Collecta", nicht weil hier Geld gesammelt wird, sondern weil der Priester die Gebetsanliegen einsammelt. Jetzt weiß der Priester natürlich nicht, für was die Gläubigen gebetet haben und deswegen kommt ein allgemein formulierter Text, das Tagesgebet. Das hat natürlich eine Sprache, die die Spannung aufrechterhalten muss, einerseits verständlich zu sein, aber andererseits auch durchaus die Dimension des Geheimnis' des Glaubens zum Ausdruck zu bringen. Also so ein Tagesgebet, das hören wir jedes Jahr wieder am gleichen Sonntag.

Wenn wir das erste Mal schon sagen, dass wir es verstanden haben, weil der Text so banal ist, dann hat sich das ganz schnell abgenutzt. Dieser Text muss ja ein Leben lang halten, muss verständlich sein und trotzdem muss er immer noch eine Tiefendimension haben, die man weiter ausloten kann. In dieser Spannung stehen liturgische Texte.

Das Interview führte Jann-Jakob Loos.

(DR)

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