13.01.2019

Zum Tag der Skeptiker Der Apostel Thomas als Skeptiker

Am Sonntag wird der Tag der Skeptiker begangen. Unter den Aposteln ist Thomas der Skeptiker: "Wenn ich [...] meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht." Doch lässt Glaube überhaupt Zweifel zu?

DOMRADIO.DE: Nicht nur wegen des Namens sondern auch generell fühlen Sie sich Thomas verbunden. Warum?

Thomas Macherauch (Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Bruchsal): Ich kenne das eigentlich so wie er, dass ich manchmal zweifle, dass ich versuche meine Beziehung zu Jesus oder auch zu Gott klar zu kriegen. Und da ist er natürlich auch Vorbild.

DOMRADIO.DE: Warum sticht denn dieser Apostel für Sie so aus der Gruppe der Jünger heraus?

Macherauch: Als ich selber noch jung war und die Geschichten von den Jüngern gehört habe, da hatte ich mit dem armen Kerl immer Mitleid. Sie müssen sich vorstellen: Jesus wirkt, Jesus lebt, er schart den Apostelkreis um sich und dann stirbt er. Die Jünger sind verzweifelt, sie ziehen sich zurück, sie sind traurig und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Und auf einmal taucht Jesus bei Ihnen auf. Nur einer fehlt, der hatte leider Pech – ich weiß nicht, ob er gerade einkaufen war und etwas zum Abendessen besorgt hat, aber der arme Thomas fehlt. Und als er zurückkommt, findet er die anderen Jünger völlig begeistert vor. Jesus war bei ihnen, und er kann es gar nicht glauben. Er muss sich darauf verlassen, was sie ihm erzählen.

Für mich ist sehr gut nachvollziehbar, dass er da erst mal zweifelt. Er kann es nicht glauben: Wie? Jesus soll auferstanden sein? Was ist das für eine Nachricht? Und daher kommt auch dieser Satz: Bevor ich nicht wirklich meine Finger in seine Wunde oder meine Hand in seine Seite gelegt habe, tut mir leid, liebe Mitjünger, kann ich euch nicht glauben, dass Jesus lebt. Und genau diese Aussage hat ihm den Beinamen des Ungläubigen, des Skeptikers, des Zweiflers eingebracht.

DOMRADIO.DE: Skepsis und Zweifel werden ja oft als etwas Negatives bezeichnet. Wie bewerten Sie denn, dass Thomas in dieser Situation sehr skeptisch war?

Macherauch: Wie gesagt, ich kann das sehr gut nachvollziehen. Später bekommt er ja die Chance: Jesus erscheint und sagt, Thomas, leg deine Hand in meine Seite, dann kannst du glauben. Für mich ist eigentlich das Interessante, dass Thomas das nicht tut. Jedenfalls berichtet die Bibel darüber nichts. Es wird nicht erzählt, dass er tatsächlich die Hand in die Wunde legt. Ihm reicht diese Begegnung mit Jesus.

Und das ist für mich der Knackpunkt an dieser ganzen Geschichte. Ich bin rund 2000 Jahre weg von diesem Jesus und bin in einer ähnlichen Situation wie Thomas. Ich höre von anderen über Jesus. Es braucht aber diesen entscheidenen Moment, in dem ich mich mit Jesus direkt auseinandersetze und mich nicht nur auf das verlasse, was Andere mir erzählen.

Aus heutiger Sicht kann ich dem historischen Jesus nicht begegnen, aber ich kann zu ihm beten, ich kann mit ihm sprechen und mich mit ihm auseinandersetzen. Und in dieser Begegnung kann dann etwas passieren. Den Zweifel und die Skepsis braucht es für mich, um tiefer in den Glauben reinwachsen zu können.

DOMRADIO.DE: Im Freiburger Münster hat der Apostel Thomas ja einen ganz besonderen Platz. Seine Figur steht an der Säule des Hauptschiffs der von Jesus gegenüber, wo viele vermutlich Petrus oder Paulus erwarten würden. Was, glauben Sie, ist das für ein Zeichen?

Macherauch: Im Freiburger Münster gibt es insgesamt 14 Säulen. Es gibt nur zwölf Apostel, also hat man Paulus und auch Jesus als Figuren ergänzt. Und wenn man ins Münster reinkommt, sieht man erst mal die großen Gestalten – Paulus und Petrus, Johannes und Jakobus als die ersten Jünger. Und ganz vorne stehen Jesus und Thomas einander gegenüber.

Es gibt da unterschiedliche Deutungen. Ich glaube, letztlich weiß man es nicht ganz genau, warum die beiden einander zugeordnet sind. Aber eine für mich sehr schlüssige Erklärung ist, dass Glaube und Zweifel ein Stück weit zusammengehören. Jesus Christus auf der einen Seite, Thomas der Ungläubige auf der anderen Seite, der glauben möchte, der um seinen Glauben ringt, der auch immer wieder zweifelt, der in einem gesunden Sinn skeptisch ist.

DOMRADIO.DE: Durch Thomas erfahren wir Christen, dass Skepsis ruhig einmal angebracht werden kann. Wann sollten wir denn heutzutage als Christen skeptisch sein?

Macherauch: Ich habe vor kurzem eine ganz eigene persönliche Erfahrung mit den Medien gemacht. Ich stand einer Tiersegnung vor. Die Medien haben darüber berichtet. Und ich war sehr erstaunt, wie die Zahlen auf einmal verfälscht waren. 60 Pferde waren da, von 200 war die Rede. Ich bin Pastoralreferent von Beruf, in den Medien bin ich aber als Pfarrer aufgetaucht. Das war für mich so der Moment, wo ich gedacht habe, eine gesunde Portion Zweifel oder auch Skepsis gehören heutzutage allein in dieser digitalisierten Medienwelt dazu.

In der Bibel heißt es: Euer Ja sei ein Ja, Euer Nein sei ein Nein. Es geht also darum, dass ich wahrhaftig und authentisch bin, und das kann ich nur, wenn ich die Informationen, die mir entgegengebracht werden, die ich von anderen bekomme und die ich über die Medien vermittelt bekomme, kritisch hinterfrage und prüfe. Denn nur, wenn ich ein solides Wissen habe und mir ein Bild machen kann, kann mein Ja ein Ja und mein Nein ein Nein sein.

Das Interview führte Julia Reck.

(DR)

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