22.12.2018

Autorin Katharina Middendorf über ihren persönlichen Mutmacher "Über Liebe, Tod und Mut"

Weitermachen nach dem Verlust eines geliebten Menchen? In ihrem Buch "360 Grad: Über Liebe, den Tod und den Mut zum Weitermachen" gewährt Autorin Katharina Middendorf sehr persönliche Einblicke.

DOMRADIO.DE: Sie haben im Laufe ihres Lebens wirklich viele Schicksalsschläge gehabt. Sie haben Ihren Vater, Stiefvater, Mann und Sohn durch den Tod verloren. Wie haben Sie da den Mut gefunden, weiterzumachen?

Katharina Middendorf (Autorin): Das war zu unterschiedlichen Zeiten in meinem Leben. Ich war sechs Jahre alt, als mein Vater starb, bei meinem Stiefvater 15. Und dann hat es noch einmal ganz dick zugeschlagen, als ich um die 35 war und mein Sohn und mein Mann relativ dicht hintereinander verstorben sind . Als Kind fragt man sich gar nicht, ob man weiter macht oder nicht. Deswegen hat mich diese Frage eigentlich erst mit den Todesfällen von meinem Mann und meinem Sohn ereilt. Ich denke, der Grund weiterzumachen, waren meine zwei Töchter und das Bewusstsein, dass sie nur noch mich hatten. Es musste einfach weiter gehen. Ich konnte entscheiden, ob ich in Trauer weitermache oder so tue, als hätte ich noch eine zweite Chance. Ich habe mich für Zweiteres entschieden.

DOMRADIO.DE: "Leben treibt, egal wie man sich gerade fühlt und ob man will oder nicht." Das ist ein Zitat von Ihnen. Wie meinen Sie das?

Middendorf: Wenn man die Kinder anschaut, einfach nur raus sieht oder mit Freunden spricht, geht bei ihnen alles weiter. Das Leben wächst. Es ist irgendwie eine Gesetzmäßigkeit, dass die Dinge sich weiterentwickeln. Wenn man stehenbleibt, dann fühlt sich das komisch an. Dann muss man mehr Kraft investieren, sich gegen dieses Leben, was durch einen durchdrängt, zu wehren als dem einfach nachzugeben. So habe ich das zumindest empfunden.

DOMRADIO.DE: Es ist bestimmt auch schwer, wenn man von Freunden und Bekannten gut gemeinte Ratschläge bekommt. Kann man Worte wie "Kopf hoch" und "Das wird schon wieder" überhaupt annehmen, wenn die Personen gar nicht selbst betroffen sind?

Middendorf: Ich konnte das nicht. Mir war auch ganz wichtig, dass man unkonventionell trauern darf. Das fand ich das Mutige. Man muss nicht den Ratschlag mit der Tasse Tee oder dem Kopf hoch annehmen, nur weil das kulturell codiert ist. Sondern man kann auch einen Tag nach der Beerdigung zu Ikea fahren, um etwas zu besorgen. Da schütteln die Leute vielleicht den Kopf, aber man selber spürt, dass es etwas ist, was man jetzt gerne machen würde, also macht man es einfach.

DOMRADIO.DE: Sie haben 2017 das Buch "360 Grad: Über Liebe, den Tod und den Mut zum Weitermachen" herausgebracht. Kann man sagen, dass das Buch ein Mutmacher ist?

Middendorf: Auf jeden Fall! Die ersten 180 Grad zeigen erst einmal, wie es ist, wenn man aus seinem gesicherten Leben in die Liebe und Freiheit ausbricht. Gerade dann offenbart sich die Welt wie nie zuvor. Und dann kippt alles und verkehrt sich ins Gegenteil. Das eine ist gar nicht so unterschiedlich vom anderen. Das Leben, das Gebären von Kindern, der Tod und Beerdigungen tragen in gewisser Weise einen ganz ähnlichen Grundton in sich. Ich finde, das macht Mut.

DOMRADIO.DE: Vor allem, weil sie es erlebt haben, ist es wahrscheinlich gerade für Menschen mit ähnlichen Erfahrungen ein Buch, aus dem sie Tipps annehmen können, oder?

Middendorf: Ich habe wirklich sehr darauf geachtet, keine Tipps zu geben. Es ist schon ein heftiges Buch. Meine Wut und meine Trauer zeigen sich darin. Ich hoffe, dass gerade das Mut macht, selber in diese Gefühle zu gehen und nicht zu früh zu sagen, dass man die Trauer überwunden hat. Denn das kann ziemlich lange dauern. Ich glaube, dass es sehr hilfreich ist, sich intensiv mit diesen ersten großen Gefühlen auseinanderzusetzen und sich das mutig zu erlauben.

(DR)

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