Ein Hase versteckt sich in einem Feld
Ein Hase versteckt sich in einem Feld
Bischof Peter Kohlgraf
Bischof Peter Kohlgraf

15.10.2018

Kohlgraf für "wissenschaftlich verantwortete Bibelauslegung" "Der Hase wäre ein Widerkäuer"

In der Debatte um den Frankfurter Hochschulrektor Ansgar Wucherpfennig plädiert der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf für eine "wissenschaftlich verantwortete Bibelauslegung". In seiner Argumentation findet er drastische Worte.

Erkenntnisse der Forschung müsse man "mit den Themen der Heiligen Schrift ins Gespräch bringen dürfen, wie es Theologen zu jeder Zeit versucht haben", schreibt Kohlgraf in einem am Montag vom Bistum veröffentlichten Beitrag. "Als Bischof muss ich nicht jede theologische Meinung teilen, aber wir können die Debatten nicht unterdrücken, da wir nicht ausschließen können, dass sie der Reifung der Erkenntnis in der Kirche helfen."

Ehebrecher steinigen?

Wenn jeder Satz in der Bibel "direkt wörtlich geoffenbarte unveränderliche Wahrheit" wäre, "müssten wir aktuell Ehebrecher, Gotteslästerer, Wahrsager, ungehorsame Söhne und Töchter und Menschen, die am Sabbat ihr Auto waschen, steinigen", so Kohlgraf.

"Der Hase wäre ein Widerkäuer" und auch die Bewertung der Todesstrafe dürfte dann nicht geändert werden.

Wucherpfennig hatte sich in Interviews kritisch zum Umgang der Kirche mit Homosexuellen geäußert. Auf die Frage, warum die katholische Kirche Homosexuellen gegenüber eine "ablehnende Haltung" habe, antwortete Wucherpfennig: "Mein Eindruck ist, dass das tiefsitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen in der Bibel sind."

Kohlgraf verwies beispielhaft auf eine Bibelstelle aus dem Römerbrief, in der der Apostel Paulus homosexuelle Praktiken im Heidentum als "widernatürlichen" Verkehr bezeichnet. "Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung", heißt es dort.

Konkret stehe die Frage im Raum, so Kohlgraf, ob diese Paulus-Aussage "eine auch heute noch allgemein gültige Aussage sein könne". In der Debatte um Wucherpfennig gehe es auch "um die Frage, ob es legitim sein kann, mit einzelnen Sätzen eine kirchliche Praxis und Lehre heute zu begründen".

Sich widersprechende Bibelstellen

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) habe zu einer "vertieften wissenschaftlichen Beschäftigung" mit den Bibeltexten angeregt, "wozu auch eine historisch-kritische Einordnung gehört", betont Kohlgraf.

Wer die Bibel einfach so lese, stoße auf Stellen, "die sich widersprechen, die nachweislich falsch sind, die schwierig und dunkel bleiben, die zeitbedingt heute neu gedacht werden müssen". Solche Passagen gelte es unter Berücksichtigung seiner damaligen Entstehung "für den heutigen Menschen fruchtbar zu machen".

Kohlgraf weiter: "Diese Gedanken sind nicht die originellen Einsichten des Bischofs von Mainz, sondern beschäftigten bereits die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte, die sich nicht mit der vordergründigen wörtlichen Interpretation biblischer Texte begnügten." (KNA)

(KNA)

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