Brücke über den Tiber in Rom
Brücke über den Tiber in Rom
Teile eines Skelettes in einem zerstörten Sarg an der Milvischen Brücke in Rom
Teile eines Skelettes in einem zerstörten Sarg an der Milvischen Brücke in Rom

13.07.2018

Ausgrabung in Rom weckt Spekulationen über die frühe Kirche Das Rätsel der Milvischen Brücke

In Rom ist ein antiker Prachtbau ans Licht gekommen, nahe der Milvischen Brücke. Manches weist auf einen Kultbau. Handelt es sich um eine Kirche an der Stätte der Entscheidungsschlacht für das frühe Christentum?

Roms Boden hat ein neues Stück aus der Antike preisgegeben - eine Entdeckung, die mehr Fragen aufwirft als Licht in die Vergangenheit bringt. Sie rührt an die Anfänge des Christentums.

Es beginnt mit einem Stromkabel, das im Herbst 2017 an einem kleinen Uferweg am Tiber verlegt werden sollte. Die Arbeiter des städtischen Netzbetreibers stießen, in Rom nicht unüblich, auf antike Mauern.

Archäologische Sondierungen entlang der geplanten Kabeltrasse an der Via Capoprati brachten Abschnitte eines Fußbodens zutage, der mit kostbaren vielfarbigen Einlegearbeiten belegt war. Man dachte an eine stadtnahe Villa aus dem 4. Jahrhundert.

Dann beschloss die Archäologiebehörde, die Grabungen auszuweiten - und fand direkt benachbart zwei kreisrunde Strukturen, die an Mausoleen denken lassen, und drei oder vier Einzelgräber aus der gleichen spätantiken Epoche wie die zuerst entdeckten Prachträume. Aber wer hätte eine Luxusvilla auf einem Friedhof gebaut?

Staatliches Gebäude religiöser Funktion?

Die Fakten: In einer ersten Bebauungsphase entstand an dem Ort in unmittelbarer Tiber-Nähe im 1. oder 2. Jahrhundert ein Gewerbegebäude, möglicherweise ein Magazin. Treppen deuten auf mehrere Stockwerke hin. In einer zweiten Phase, im 3. oder 4. Jahrhundert, wurde der Komplex eingeebnet und neu überbaut, und zwar mit einem aufwendigeren Mauerwerk aus alternierenden Ziegel- und Tuffsteinlagen und mit einer außergewöhnlich luxuriösen Marmordekoration auf Boden und Wänden, einem sogenannten "opus sectile".

Ein rechteckiger Raum kam ans Licht, dann eine Halle mit Apsis; beide mit kostbaren Steinen - numidischem und grünem Marmor, Porphyr - in einer Art Margeritenmuster belegt, wie es in der Zeit Kaiser Konstantins Mode wurde. Der Bau befindet sich just wenige Schritte flussabwärts von der Milvischen Brücke, wo eben jener Konstantin (270/288-337) im Jahr 312 den entscheidenden Schlachtensieg über seinen Mitherrscher Maxentius errang. 

Für die Archäologin Marina Piranomonte ist klar, dass es sich bei dem Komplex um kein Privathaus eines Begüterten handeln kann - wegen der benachbarten Gräber. Sie spricht von einem "staatlichen" Gebäude, möglicherweise mit religiöser Funktion. Das Baudatum, nach ersten Erkenntnissen Mitte des 4. Jahrhunderts, fällt in eine Epoche, "in der das Christentum weit Fuß gefasst hat". Weiter will Piranomonte mit Interpretationen nicht gehen. Derzeit.

Schicksalsort Milvische Brücke

Dabei ist die Milvische Brücke ein Schicksalsort. Vor der Schlacht, so geht die Legende, sah Konstantin ein leuchtendes Kreuz am Himmel und vernahm die Botschaft: "In diesem Zeichen wirst du siegen." Ein Jahr später, 313, erklärte Konstantin den christlichen Kult für legal. Er selbst, sei es aus Überzeugung oder Kalkül, machte das Christentum zu seinem religiösen Markenzeichen. Ein neuer Glaube für ein neues Reich. 

Könnte der Apsidialbau vielleicht eine Kirche sein - just dort, wo der Christengott erstmals seine militärische Macht erwies? Konstantin untermauerte auch sonst seinen Herrschaftsanspruch mit Basiliken an hochsymbolischen Orten, etwa Bethlehem, Jerusalem oder über dem Grab des Apostels Petrus. Piranomonte weist den Gedanken ab. "Solche Spekulationen gehen zu weit."

Der archäologische Befund zeige keinerlei Verbindung mit der Schlacht bei der Milvischen Brücke, betont sie. Dass das Gebäude Kultfunktion besaß, ergebe sich als Vermutung nur aus der Nähe zu Gräbern. Aber auf die Art der Glaubensrichtung wie auch auf den Auftraggeber fehlt jeder Hinweis. Keine Inschrift, kein Symbol.

Feld der Hypothesen weit offen

Umgekehrt schließt nichts aus, dass es eine christliche Stätte sein könnte. Im Gegenteil: Handelte es sich beispielsweise um die Grabanlage eines Mysterienkults, fänden sich mit einiger Wahrscheinlichkeit entsprechende Zeichen im Baudekor, so der Ausgräber Giovanni Ricci. Das frühe Christentum hingegen musste ein eigenes Symbolrepertoire erst noch schaffen.

Das Feld der Hypothesen steht weit offen. Unter Konstantin entstand auch Sankt Paul vor den Mauern. Nicht als Bischofs- oder Pfarrkirche, sondern als Gedenkort am Grab des Apostels, ebenfalls in Basilika-Form. Wie Sankt Paul an der Via Ostia liegt das jetzt entdeckte Kultgebäude nahe einer wichtigen Ausfallstraße, der Via Flaminia. Aber welcher Märtyrer könnte hier ruhen?

Die Keramikfunde der Ausgrabung warten noch auf eine Auswertung. Auch die Durchsicht alter Pilgerberichte und Kirchenverzeichnisse, in denen der wohl schon in der Spätantike zerstörte Bau erwähnt sein könnte, steht noch aus. "Wir sind gewissermaßen erst am Anfang", sagt Ricci. Dass die Grabung vervollständigt werden könnte, ist nur ein Traum: Direkt oberhalb verläuft der stark befahrene Lungotevere. Wer die pracht- und rätselreiche Stätte sehen will, muss sich beeilen: In wenigen Wochen, so Piranomonte, wird das Areal wieder zugeschüttet.

Burkhard Jürgens
(KNA)

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