Sieben Wochen alten Fötus in einer Fruchtblase
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Abtreibungsgegner demonstrieren in Washington
Abtreibungsgegner demonstrieren in Washington

13.04.2018

Papstschreiben heizt US-Lebensschutzdebatte an Welches Leben ist heilig?

Abtreibungsgegner sind enttäuscht. Gläubige, die mehr soziale Gerechtigkeit fordern, sehen sich bestätigt. "Gaudete et exsultate" löst unter US-Katholiken gemischte Reaktionen aus.

Die 48 Seiten des Apostolischen Schreibens "Gaudete et exsultate" ("Freut euch und jubelt") waren erst wenige Stunden publik, da kursierte in den USA schon die erste Kritik an dem Papstschreiben zum Thema Heiligkeit. Vor allem an einer Textpassage entzündeten sich teilweise heftige Debatten. Darin formuliert Franziskus, dass das Leben der Armen und Verfolgten ebenso "heilig" sei wie das ungeborene Leben.

Pro-Life will Vorrang für das Recht auf Leben

Das Apostolische Schreiben "verwischt Grenzen und verursacht Verwirrung", beanstandete daraufhin etwa Marjorie Dannenfelser, Vorsitzende der Lebensschutzorganisation Susan B. Anthony List. "Es ist unmöglich, das Töten von Kindern mit anderen Themen der sozialen Gerechtigkeit auf eine Stufe zu stellen", sagte sie.

Die Amtskirche versucht derweil, den Ball flachzuhalten. "Das ist sicherlich nichts Neues", bewertete Greg Schleppenbach, ein Sprecher der US-Bischofskonferenz, die umstrittene Formulierung. Im Kern setze sich Franziskus dafür ein, "mit gleicher Leidenschaft das menschliche Leben in jeder Stufe und in jedem Zustand zu verteidigen".

Genau diese Gleichsetzung wollen Dannenfelser und andere Pro-Life-Aktivisten nicht akzeptieren. Die zum Katholizismus übergetretene Abtreibungsgegnerin war Stabsdirektorin der Pro-Life-Arbeitsgruppe im US-Kongress, unterstützte Donald Trump im Wahlkampf und gehört zu den einflussreichen republikanischen Frauen des Landes. "Das Recht auf Leben geht vor", sagt sie.

Medien greifen das Thema auf

Die Herausgeberin der "Human Life Review", Maria McFadden Maffucci, versteht die päpstlichen Worte als Aufforderung, den Zusammenhang zwischen Abtreibung, Armut und Migration zu erkennen. Es gehe um die Würde des gesamten Lebens. Dennoch ist auch McFadden der Schutz des ungeborenen Lebens wichtiger als alles andere. Es sei Anhängern der Lebensschutzbewegung unmöglich, für die übrigen vom Papst aufgelisteten Themen die gleiche Leidenschaft aufzubringen, meint sie.

Es sei zwar nichts falsch daran, sich als Katholik auf ein Thema zu konzentrieren, meint indes die Moderatorin des CNN-Podcasts "The Faith Angle", Kirsten Powers. Der Papst habe jedoch dazu aufgerufen, selbstkritisch darüber nachzudenken, "ob ich mich in die ganze katholische Lehre einfüge oder mir bloß heraussuche, was gut zu meiner Weltanschauung passt".

Schleppenbach betont, es gebe in der Bischofskonferenz seit Jahren wechselseitige Bemühungen einer engeren Kooperation zwischen den Sekretariaten für Lebensschutz und soziale Gerechtigkeit. Beides gehöre komplementär zusammen. "Das ist, was der Heilige Vater hier anstrebt."

Katholiken in den USA gespalten

Innerkirchlich gibt es in den USA in der Praxis allerdings auch Spannungen zwischen liberalen Katholiken, die den Schutz von Einwanderern und den Kampf gegen Armut ins Zentrum rücken, und konservativen Katholiken, die kompromisslos den Schutz des ungeborenen Lebens fordern. Unter Präsident Trump hat diese Konfliktlinie an Bedeutung gewonnen.

Der Papst kritisiert genau dieses Auseinanderdriften der Kirche in der Frage nach der Heiligkeit des Lebens. Die Verteidigung des ungeborenen Lebens müsse "klar, fest und leidenschaftlich" sein, schreibt er. Und er fügt hinzu, ebenso heilig sei jedoch das Leben der Armen, der bereits Geborenen, der Bedürftigen, der Alten.

Das Papst-Dokument schlage "viele Akkorde" an, die Franziskus schon in der Vergangenheit angestimmt habe, schreibt der Kolumnist des "National Catholic Reporter", Michael Sean Winters. In "Gaudete et exsultate" habe der Papst sie zu einem zusammenhängenden Thema verwoben.

Man könne nicht nur einen Teil der katholischen Lehre annehmen, ohne das Ganze zu unterstützen, betont der Theologe und Moralethiker David Cloutier von der Katholischen Universität von Amerika. "Jeder solle sich prüfen, ob hinter der Prioritätensetzung nicht selbstsüchtige Motive stecken." Das Schreiben habe die Qualität, die rivalisierenden Lager in der katholischen US-Kirche weiter gegeneinander aufzubringen, meint Theologieprofessor Coultier. Es könnte aber auch "jeden zu einer sorgfältigen Selbstprüfung ermutigen".

Thomas Spang
(KNA)