19.03.2018

Schweizer Theologe Hans Küng wird 90 Streitbarer Kopf

Rebell und Kirchenkritiker, Gegenspieler des Papstes - die Beschreibungen des Theologen Hans Küng sind vielfältig. An diesem Montag wird der Gründer der Tübinger Stiftung Weltethos 90 Jahre alt. Ein Portrait.

Er ist einer der bekanntesten und streitbarsten katholischen Theologen weltweit. Hans Küngs Bücher wie "Existiert Gott?" oder "Christ sein" sind Bestseller. An diesem Montag wird der gerne als Rebell und Gegenspieler des Papstes bezeichnete Theologe 90.

Den Höhepunkt des lange schwelenden Konflikts zwischen Küng und dem Vatikan stellte 1979 der Entzug der Lehrerlaubnis dar. Es ging vor allem um die Frage der Unfehlbarkeit des Papstes, aber auch um zentrale Inhalte des Glaubens. Die Konsequenz: Als Novum in der Universitäts-Geschichte erhielt Küng, seit 1960 Professor für Theologie in Tübingen und zeitweise Kollege des späteren Papstes Joseph Ratzinger, einen fakultätsunabhängigen Lehrstuhl für Ökumene.

Große Wirkung erreichten seine Bücher, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden. Die Gesamtauflage geht in die Millionen.

"Projekt Weltethos"

In den vergangenen 35 Jahren engagierte sich der Schweizer vor allem im Dialog der Weltreligionen und für das "Projekt Weltethos". Küng sieht das Weltethos als "ethisches Koordinatenkreuz", spricht von moralischen Standards und verweist auf die goldene Regel "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem andern zu". Diese Idee vermittelt die Stiftung in Vorträgen und an Schulen. Küng bewarb sie bei Staatsmännern und Religionsführern. Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan war nur einer seiner Gesprächspartner.

Um das "Projekt Weltethos" ging es auch 2005 bei einem Gespräch zwischen Küng und Papst Benedikt XVI. kurz nach dessen Wahl zum Kirchenoberhaupt. Es war eine vierstündige und damit ungewöhnlich lange persönliche Unterhaltung - schlicht eine Sensation. Das laut vatikanischem Kommunique "brüderliche Gespräch" war so etwas wie eine gegenseitige Anerkennung. Nach wie vor sieht sich Küng als "loyaler katholischer Theologe". Ein Konfessionswechsel kam ihm nie in den Sinn. Sein Denken atmet, trotz aller Differenzen mit Rom, Katholizität. Und nach eigenem Bekunden hasst er es, "ständig als Kirchen- oder Papstkritiker tituliert zu werden".

Mit dem Elan, den Küng seit Jahrzehnten für sein Projekt Weltethos zeigt, streitet er auch in der Theologie. Ein Schweizer bleibt er nicht nur beim Dialekt. Eidgenössischer Stolz prägt sein Naturell, sein Selbstbewusstsein. Manche nennen es Eitelkeit. Dies mag aber auch einfach nur das Ergebnis des "Fall Küng" sein. Doch selbst im hohen Alter löst Küng - wie mit seinen Überlegungen zu Suizid und Sterbehilfe - gesellschaftliche Debatten aus, vertritt eine Gegenposition zur Lehre der katholischen Kirche. "Ich will nicht als Schatten meiner selbst weiterexistieren", schrieb er in seinen Lebenserinnerungen und wollte deshalb auch nicht ausschließen, eine Schweizer Sterbehilfeorganisation für sich in Anspruch zu nehmen.

Denn der Mensch habe ein Recht zu sterben, "wenn er keine Hoffnung mehr sieht auf ein nach seinem ureigenen Verständnis humanes Weiterleben, wenn sich der Sinn seines Lebens erfüllt hat und der Tod gewünscht wird", fügte er hinzu. Und: "Ich lebe auf Abruf: bin bereit, noch eine Weile weiterzuleben, weiterzuarbeiten, aber ich bin auch bereit, jederzeit Abschied zu nehmen."

Briefaustausch mit Papst Franziskus

Seitdem sind wieder ein paar Jahre ins Land gestrichen, und Küng muss sich mit diversen Erkrankungen herumschlagen. Entsprechend lässt er in seinem Schreiben an Freunde und Bekannte offen, ob er an den offiziellen Feierlichkeiten der Universität am 21. und 22. April teilnehmen kann. Sicher aber ist, und das wäre vor ein paar Jahren kaum möglich gewesen, dass die Katholisch-Theologische Fakultät das wissenschaftliche Symposium unter dem Titel "Theologie im Aufbruch" mitveranstaltet.

Und dies hat ganz wesentlich mit Papst Franziskus zu tun. Durch einen Briefaustausch mit ihm sieht sich Küng inzwischen "quasi informell" rehabilitiert. Er sprach über einen "handgeschriebenen, brüderlichen Brief" und betonte, eine öffentliche Rehabilitierung durch Rom sei ihm "nicht so wichtig". Es gehe darum, dass es für die Menschen und für die Kirche vorangehe. Denn eigentlich, erzählte Küng einmal, wollte er nach der Priesterweihe 1954 Jugendseelsorger im Kanton Luzern in seiner Schweizer Heimat werden. Es kam anders.

Michael Jacquemain
(KNA)

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