Jugendliche im Gebet
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03.01.2018

Studie offenbart wenig Vertrauen der Ostdeutschen in die Kirche "Etwas Fremdes und Seltsames"

Welchen Institutionen vertrauen die Deutschen? Eine aktuelle Studie wollte es wissen. In Ostdeutschland liegen dabei die Medien und die Kirche auf den hinteren Plätzen. Für den Politikpsychologen Thomas Kliche ist dies keine Überraschung.

DOMRADIO.DE: Nun 13 Prozent der Ostdeutschen vertrauen laut neuester Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa der katholischen Kirche - im Westen sind es immerhin 30 Prozent. Wie erklären Sie sich das? Wieso vertrauen die Menschen im Osten der katholischen Kirche nicht?

Prof. Thomas Kliche (Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg Stendal): Grob gesagt, weil sie keine Kontakte dazu haben und keine Vorstellung, was das eigentlich ist. Es ist etwas Fremdes, es ist ganz weit weg, das ist seltsam. Das ist ein bisschen so wie mit den Migranten. Wir wissen aus der Sozialpsychologie, je mehr Kontakt wir mit einer Gruppe oder mit Personen haben, desto eher sind wir bereit, ihnen zu vertrauen, weil wir wissen, die sind in Ordnung, da passiert nicht viel.

Wir müssen einfach bedenken, aufgrund der kirchenfeindlichen Politik in der DDR sind je nach Bundesland zwischen 15 und 20 Prozent der Menschen überhaupt in irgendeiner Konfession in Ostdeutschland. Katholiken gibt es dann mal zwischen zwei und sechs Prozent, das heißt, man kennt eigentlich gar keinen Katholiken persönlich, und was diese Institution macht, das weiß man sowieso nicht.

Dazu gehört Kirche zu den Institutionen – und Institutionen sind den Menschen im Osten fern. Man hat einen Nah-Raum der eigenen Familie, der Freunde, der Bekannten, der ist warm, der ist geschützt und alles, was darüber hinausgeht, also auch Parteien oder Gewerkschaften, das ist weit weg, das erweckt Misstrauen. Das ist ein Erbe der DDR. Man schützt die Familie, man lebt eng beisammen, man hat einen gedeckten Freundeskreis, aber darüber hinaus ist man sehr, sehr vorsichtig.

DOMRADIO.DE: Immerhin vertrauen aber 40 Prozent der Menschen im Osten dem Papst. Das ist dann schon erstaunlich. Also allein an Religionsfeindlichkeit kann das Misstrauen gegenüber den Kirchen nicht liegen?

Kliche: Der Papst wird offenbar von der Institution Kirche als getrennt wahrgenommen. Während die Kirche nicht sehr häufig in den Medien ist, ist der Papst sehr oft im Fernsehen zu sehen und sagt dann auch soziale Dinge, die Leuten einleuchtend erscheinen und für die Person einnehmen. Aber offenbar kriegen sie nicht hin, die Institution, die der Papst vertritt und leitet, mit seinen Botschaften zusammen zu bringen.

Also Kirche ist etwas Zurückgebliebenes und Böses und Seltsames und Papst, das ist in dem Falle mal eine positive Figur, der sagt gute Sachen. Das trennen die Menschen genauso, wie sie zwischen dem Spitzenkandidaten einer Partei und der Partei selbst trennen. Das muss nicht logisch sein, das ist einfach eine politische Orientierung, mit der man sich die Welt gut zurechtlegen kann.

DOMRADIO.DE: Nur 13 Prozent der Ostdeutschen vertrauen der katholischen Kirche - immerhin 34 Prozent der evangelischen Kirche. Aber insgesamt ist das Vertrauen zur Kirche im Osten sehr viel geringer als im Westen. Was können die Kirchen da denn tun? Haben sie einen Vorschlag?

Kliche: Was mir auffällt – als Christ jetzt auch – ist, dass die Kirchen extrem defensiv auftreten. Sie haben sich mit dieser Situation abgefunden und sagen, na ja, das steht den westlichen Kirchen auch noch bevor. Die kleine Minderheit, die aus Überzeugung das Salz der Erde sein möchte und die weiß, warum sie in der Kirche ist, die wird es dann auch im Westen geben, flächendeckend bleiben die Leute aber weg. Das ist ein Klima von Einigeln, man kennt einander, man schickt die Kinder in die gleiche KiTa. Diese Trennung zwischen den Wenigen, die für die Kirche eintreten und zwischen der anderen Gesellschaft, die auch in der DDR geherrscht hat, die ist im Osten übernommen worden, die hat gesellschaftlich überdauert.

Die Kirchen sind nicht bereit, ihre große Macht, die sie immer noch haben, zu nutzen und auszuspielen. Sie sind da sehr, sehr defensiv. Zum Beispiel ist die evangelische Kirche ein großer Grundbesitzer in Sachsen-Anhalt, ist da aber sehr vorsichtig, ihre weltanschaulichen Glaubenskriterien an das Ackerland und dessen Verpachtung anzubinden, weil es dann sofort heißen könnte, die sind da einseitig und manipulieren – es muss doch hier nur nach wirtschaftlichen Kriterien zugehen.

Die Kirchen sind da nach diesen vielen Jahren der Ausgrenzung in der DDR viel zu vorsichtig. Da wurden ja auch die Kinder nicht zugelassen zu den anderen Gruppen, wo alle anderen Kinder waren, die wurden schikaniert, das sitzt offenbar noch sehr den Menschen in den Knochen, deshalb sind sie so defensiv und ziehen sich zurück und bleiben beieinander. Wenn die Kirchen offensiver sagen, wir haben eine tolle Sache, eine gute Grundidee, wir treten für Gemeinschaft ein, wir sorgen dafür, dass in einem Dorf auch noch etwas passiert, wenn da sonst nix mehr passiert, wir tun was für alle – und Freunde unterstützt uns gefälligst und überlegt mal, dass ihr nicht nur zu Weihnachten ein bisschen Weihrauch abgreifen geht, sondern dass ihr auch mit uns für uns mitarbeitet, weil ihr unsere Sache gut findet, dann ginge es vielleicht aufwärts. Doch so etwas unterbleibt bisher.

Das Interview führte Aurelia Rütters.

(DR)

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