Volksglaube: Zwischen den Jahren soll man keine Wäsche aufhängen
Volksglaube: Zwischen den Jahren soll man keine Wäsche aufhängen
Professor Dr. Manfred Becker-Huberti
Professor Dr. Manfred Becker-Huberti

27.12.2017

Brauchtumsforscher Becker-Huberti über die Rauhnächte "Traditionen sitzen tief und fest"

Die zwölf Tage zwischen den Weihnachtstagen und dem 6. Januar nennt man auch die "Zeit zwischen den Jahren" oder Rauhnächte. Professor Becker-Huberti erklärt im Interview, warum wir in dieser Zeit die Finger von der Waschmaschine lassen sollten.

DOMRADIO.DE: Woher kommt die Bezeichnung der Rauhnächte: wegen der dunklen Jahreszeit, der Kälte, dem Wind?

Professor Manfred Becker-Huberti (Theologe und Brauchtumsforscher): Das hat verschiedene Hintergründe. Es gibt zwei Deutungen. Die eine Deutung geht davon aus, dass die rauen Nächte, also die Winterverhältnisse, der Grund sind. Die andere Deutung kommt von dem althochdeutschen Wort Raurûch, also das Ausräuchern von Haus und Hof, die in diesen Nächten geschieht.

DOMRADIO.DE: Diese "Zeit zwischen den Jahren" beginnt heute und die Rauhnächte enden am 6. Januar. Woher kommen die Termine?

Becker-Huberti: Die zwölf Nächte kommen daher, dass der 6. Januar auch einmal der Weihnachtstermin war und Weihnachten Jahresbeginn. Wenn das Kind während des Gottesdienstes in die Krippe gelegt wurde, begann das neue Jahr.

Da dieser Termin indes um zwölf Tage verlegt worden war, gab es ein Loch im Kalender und Löcher im Kalender bedeuten immer, dass die Gefahr besteht, dass Fremdes eindringen kann. Das waren die Dämonen. 

DOMRADIO.DE: Und um sich vor diesen Dämonen zu schützen, wurde dann ausgeräuchert?

Becker-Huberti: Ja, Weihnachten gilt als apotropäisch wie es bei den Fachleuten heißt. Das heißt, der Weihrauch vertreibt die bösen Geister. Wo Weihrauch ist, können sich die Geister nicht aufhalten. Das ist abgeleitet aus dem liturgischen Bereich. Wenn Gottesdienst gefeiert werden, dann wird der Altar beräuchert, also "Gott gerecht" gemacht. Da können sich die bösen Geister nicht aufhalten. Was der Pfarrer in der Kirche kann, das kann der Bauer auch im Stall. So entstand die Tradition des Ausräucherns.

DOMRADIO.DE: Im Volksmund haben sich Mythen festgesetzt, etwa, dass man nach den Feiertagen nicht die Tischdecke von der Bratensoße befreien soll oder, dass man mit der Wäsche warten soll. Ist da etwas dran?

Becker-Huberti: Es ist zumindest im Volksglauben so, dass in dieser Zeit Heerscharen übers Land ziehen. Die Dämonen und die Geister könnten sich in der Wäsche verfangen, wenn sie draußen aufgehangen ist. Wenn sie sich in der Wäsche verfangen, dann rächen sie sich dafür. Um dem zu entgehen, wird in dieser Zeit nicht gewaschen. Das ist die Vorstellung aus vorgeschichtlichen Zeiten, die sich bis heute gehalten hat.

Es gibt auch die Überlieferung, dass man nicht backt in diesen zwölf Nächten. Das hat mit der Flut von Plätzchen und Gebäck zu tun, die es an Weihnachten gibt. Alles, was zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar an Gebäck auf den Tisch kommt, muss vor Weihnachten hergestellt sein, weil es sich nicht gehört, dass man es in dieser Zeit tut.   

DOMRADIO.DE: Ich bin sicher, die meisten halten das für Kokolores. Viele richten sich aber doch danach und lassen keine Wäsche auf der Leine. Warum sind wir so?

Becker-Huberti: Traditionen sitzen tief und fest und sie verbinden. Traditionen sind ja etwas, das man lebt und dass auch eine Gegend prägen kann. Es gibt noch heute in Berchtesgaden Leute, die bei Sonnenuntergang mit Peitschen durch die Straßen ziehen und die Mädchen und Frauen nach Hause treiben. Das kam aus der Angst heraus, dass die Geister in diesen zwölf Nächten die Frauen belästigen können.

Deshalb mussten sie in der dunklen Tageszeit zu Hause sein. Da glaubt natürlich heute kein Mensch mehr dran, aber dieser Brauch ist über Jahrhunderte gepflegt worden und deshalb besteht er weiter.

Das Gespräch führte Verena Tröster.

(DR)

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