Debatte über Vaterunser

Zwischen Tradition und Verständnis

Mit seinen Äußerungen zur Übersetzung des Vaterunser hat Papst Franziskus eine Diskussion angestoßen - und bekommt sowohl Kritik als auch Zustimmung. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn begrüßt die derzeitige Debatte. 

Betende Hände (KNA)
Betende Hände / ( KNA )

Papst Franziskus habe "eine Diskussion ausgelöst, die etwas Gutes hat: über das Vaterunser nachzudenken", schreibt Schönborn in seiner Freitagskolumne in der Wiener Gratiszeitung "Heute". Es sei das Gebet Jesu, und "es tut gut, es einfach oft zu beten".

Der Papst hatte sich in einem Interview an Übersetzungen gestoßen, nach denen "Gott, der liebende Vater" selbst in Versuchung führe. Franziskus äußerte sich positiv über die im Französischen geänderte Übersetzung, die nun lautet: "Lass uns nicht in Versuchung geraten". Damit stieß er auch im deutschsprachigen Raum eine breite Debatte über das christliche Gottesbild an.

Schönborn sagte, er selbst bete diese Bitte in folgendem Sinn: "Guter Gott, du weißt, dass ich schwach bin. Du kennst mich besser, als ich mich selber kenne. Hilf mir, dass ich nicht in Situationen komme, in denen die Versuchung stärker ist als mein Wille. Lass mich nicht in Versuchung geraten. Und hilf mir, dass ich mich nicht selber leichtfertig in Versuchung bringe."

"Anliegen vollkommen zu verstehen"

Auch der Dekan der Theologischen Fakultät an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), Manfred Gerwing, äußerte sich zur Debatte. Er zeigte Verständnis für Papst Franziskus' Anregung, lehnte sie aber ab. "Das Anliegen des Heiligen Vaters ist vollkommen zu verstehen, weil dieser Satz tatsächlich missverständlich ist", sagte Manfred Gerwing, Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik und Dogmengeschichte, laut KU-Mitteilung vom Freitag. Dennoch solle man an der Übersetzung nichts ändern, da sie dem Original sehr nah komme.

"Zudem entspricht sie einer 500-jährigen Tradition, die wir zudem mit den evangelischen Christen sowie den Orthodoxen gemeinsam haben", ergänzte Gerwing. Der Satz müsse heute so erklärt werden, dass er nicht gegen die Gesamtbotschaft des Neuen Testamentes stehe, denn Gott sei die Liebe und wolle die Menschen nicht in Versuchung führen. "Die Formulierung ist offensichtlich auch provakant gewählt worden."

Die ersten Christen, die diesen Satz beteten, hätten sicherlich auch die Versuchung Jesu im Hinterkopf gehabt, so Gerwing weiter. "Der Heilige Geist führte Jesus in die Wüste, wo er von Satan verführt wird." Die ersten Christen hätten sich in Jesu Nachfolge, aber als nicht so stark wie Jesus gesehen.


Christoph Kardinal Schönborn / © Cristian Gennari (KNA)
Christoph Kardinal Schönborn / © Cristian Gennari ( KNA )
Quelle:
KNA