Den Glauben in der Familie leben
Familie beim Tischgebet

01.07.2017

Rund die Hälfte der US-Bürger betet vor dem Essen Tischgebet verbindet Amerikaner

Wer hätte das gedacht? Egal ob in Gedanken, mit wenigen Worten, allein oder gemeinsam: Das Tischgebet vor dem Essen ist laut einer aktuellen Umfrage in den USA über alle sozialen Schichten, Hautfarben und Religionen hinweg eine Institution.

Die von einem Reporter in Wisconsin beschriebene Szene könnte überall in den USA spielen: Darin versammelt sich die Familie Weiss zum Essen unter einem ausladenden Ahornbaum. Sie fassen sich an den Händen. Dann setzt der Patriarch der Familie, David Weiss (75), über der reich gedeckten Tafel zum Tischgebet an: "Wir erbitten Deinen Segen Herr für diese Mahlzeit."

Durch alle Schichten und Ethnien

So wie bei der protestantischen Familie Weiss unterm Ahornbaum in Wisconsin lebt die Tradition der Danksagung vor dem Essen in den USA einer Umfrage zufolge vielerorts fort. Egal ob unter Weißen oder Schwarzen, Baptisten oder Katholiken, unter Armen oder Reichen, in den Städten oder auf dem Land.

Laut der Umfrage der "Washington Post" und der gemeinnützigen "Kaiser Family Foundation" faltet rund die Hälfte der US-Amerikaner einige Male pro Woche die Hände, um zu beten. Zwischen Mitte April und Anfang Mai befragten die Autoren der Umfrage rund 1.700 Erwachsene.

Neben der seltenen Gemeinsamkeit in einem Land, das sonst tief gespalten ist, fanden sie in der Praxis des Tischgebets auch einige Unterschiede. Die betfreudigsten sind demnach die Mitglieder schwarzer Kirchengemeinden. Auf Rang eins liegen mit rund 80 Prozent schwarze Protestanten, für die das Tischgebet zum Alltag gehört, gefolgt von 74 Prozent bei weißen Evangelikalen, die ebenfalls regelmäßig vor dem Essen Gottes Segen erbitten.

Ein Dank vor dem Essen

Insgesamt beten Protestanten (60 Prozent) etwas häufiger als Katholiken (52 Prozent). Ein wenig größer ist der Unterschied, wenn politische Präferenzen berücksichtigt werden. Republikaner praktizieren das kurze Innehalten zu 62 Prozent, Demokraten zu 43 Prozent. Selbst unter Atheisten und Agnostikern ist das Tischgebet nicht gänzlich abgeschafft. Etwa 11 Prozent derer, die nicht an Gott glauben, danken vor dem Essen.

Greg Epstein, Kaplan an der Harvard University, lädt regelmäßig Studenten an seinen Tisch und bittet immer einen von ihnen, das Tischgebet zu übernehmen. Auch wenn nicht jeder seiner Gäste gläubig sei - die meisten sähen in der Danksagung eine Form von Achtsamkeit und bewusster Reflexion.

Der prominente New Yorker Pastor Timm Keller, der ein Buch über das Tischgebet geschrieben hat, erklärt dessen anhaltende Beliebtheit mit dem Bewusstsein dafür, dass ein gedeckter Tisch keine Selbstverständlichkeit ist. Viele US-Amerikaner hätten von Kindesbeinen an gelernt, dafür zu danken.

Dabei ist es nicht jedermanns Sache, in Gemeinschaft mit anderen frei zu beten. Was aber immer funktioniert, ist das vorformulierte Gebet:

"Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast." Martin Luther etwa hinterließ der Nachwelt eine ganze Reihe bis heute bekannter Tischgebete. Die freie Improvisation dagegen ist etwa unter Evangelikalen verbreitet. Dabei wird dann auch schon mal ein krankes Familienmitglied in das Gebet einbezogen.

Tischgebete auch in anderen Religionen verbreitet

Theologen kennen das Tischgebet aus allen Religionen. Im Islam genauso wie im Judentum. Aaron Gold, orthodoxer Jude von Long Island, hat bei seinen Kindern eine Beobachtung gemacht. Sie konzentrierten sich durch das Gebet auf das, was danach komme: das Essen. "Und sie denken darüber nach." Das sei eine wichtige Erfahrung.

Das gilt auch für Familie Weiss hoch im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Für die kleine Silvie, gerade mal elf Jahre jung, ist das Gebet bei Tisch "ein friedlicher Moment". Einer, bei dem sie, wie sie sagt, "etwas weg kommt von der Welt". Und ihre Tante Becky genießt diese kurze Andacht, weil es ihr die Chance gibt, sich einen Augenblick lang "bewusst zu machen, was Gott für uns getan hat".

(KNA)

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