Religion spielt bei Wenigen noch eine Rolle
Religion spielt bei Wenigen noch eine Rolle
Gert Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie an der Uni Leipzig
Gert Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie an der Uni Leipzig

17.06.2017

Religion spielt bei Wenigen noch eine Rolle Kaum Platz für Gott

Die ARD wollte es im Rahmen ihrer aktuellen Themenwoche "Glaube - Woran glaubst du?" wissen und befragte über 1.000 Menschen in Deutschland nach der Rolle des Glaubens in ihrem Leben. Das Ergebnis wirkt relativ ernüchternd.

domradio.de: Für die meisten spielt Religion kaum bis gar keine Rolle. Hätte man diese Fragen vor 30 Jahren gestellt, wäre das Ergebnis noch anders ausgefallen, oder?

Gert Pickel (Professor für Religions- und Kirchensoziologie an der Uni Leipzig): Diesen Säkularisierungsprozess, wie man ihn wissenschaftlich ein bisschen unschön benennt, haben wir seit 40-45 Jahren. Man hätte vielleicht erste Tendenzen erkennen können, hätte die damals wahrscheinlich aber nur als Schwankungen gedeutet. Heute wissen wir, dass es ein relativ langer Prozess ist, in dem wir uns standardmäßig, regelmäßig mit Kirchenaustritten vertraut gemacht haben, indem wir von der "Diffusion des Glaubens" sprechen. Es ist also eine deutliche Entwicklung eingetreten, die dahin geht, dass man mit Glauben nicht mehr ganz so viel anfangen kann, wie noch vor 30 Jahren.

domradio.de: Wieso gerät die Religion immer mehr in den Hintergrund und teilweise ja sogar komplett ins Aus?

Pickel: Ein wichtiger Punkt ist unter Soziologen als "Modernisierung" zusammengefasst. Dazu könnte man nun viele Aspekte nennen, es geht also nicht nur um eine Sache, sondern da ist ein ganzes Motivbündel. Ganz sicher ist es so, dass es bei der Generationenweitergabe des Religiösen immer mehr bröckelt. Es ist nicht so, dass der Einzelne nicht mehr so religiös ist wie früher. Wenn man das Religiöse irgendwann mal gelernt hat, hat man immer noch einen Anknüpfungspunkt. Das wird aber von Generation zu Generation weniger. Das hängt damit zusammen, dass es den Menschen einerseits so gut geht, dass man das Religiöse, also die Flucht in die Transzendenz, nicht mehr benötigt.

Dazu kommt, dass wir es mit Prozessen wie der Urbanisierung zu tun haben. Die Menschen ziehen in die Städte, man ist überhaupt viel mobiler geworden und dadurch lösen sich Gemeinschaften auf, in denen sich Religiosität sonst wechselseitig stabilisiert hat.

Als dritter Punkt ist noch die Rationalisierung zu nennen: Es gibt immer weniger, wofür man keine Erklärung mehr hat. Selbst wenn man nicht ganz genau weiß, was es ist, ist es aber klar, dass zum Beispiel das Wetter nicht von Göttern gemacht ist. Und so hat sich das für viele Bereiche entwickelt.

domradio.de: Etwa ein Drittel der Befragten hat angegeben, dass für sie die Religion eine Bedeutung bis sogar eine sehr große Bedeutung hat. Sind das Menschen, die an Gott glauben oder müssen wir da noch weiter differenzieren?

Pickel: Man kann natürlich auf unterschiedliche Art und Weise an Gott glauben oder religiös sein. Was wir sehen, sind auf der einen Seite Personen, die einen sehr tiefen Glauben haben; dieser tiefe Glaube ist meistens im älteren Teil der Bevölkerung verankert. Dann haben wir es mit Personen zu tun, die sehr überzeugt sind und sehr gut mit dem Zwiespalt zwischen Wissen und Glauben zurechtkommen.

Dann gibt es wiederum Menschen, die glauben, weil sie zu einer sozialen Gemeinschaft gehören. Denn auch Kirche ist so eine Gemeinschaft; gerade in Zeiten, in denen vieles Soziales geleistet werden muss, in denen die Kirche zum Beispiel für Flüchtlinge und Arme und für viele andere eintritt. Dann kommt es vor, dass Menschen deswegen dabei sind, weil sie wissen, dass es in der Kirche gute Werte gibt. Das alles sind Elemente, die letztlich zum Glauben führen, wobei es keine Sicherheit gibt. Denn viele dieser Werte, die wir im ersten Moment mit dem Christentum verbinden, haben andere auch und verbinden sie nicht mit dem Christentum.

domradio.de: Andererseits scheint Spiritualität voll im Trend zu liegen. Auch kirchliche Hochzeiten gehören für viele einfach noch dazu, ohne dass es sonst einen bedeutenden Kirchenbezug gibt. Wie passt das mit den Ergebnissen der Umfrage zusammen?

Pickel: Es passt trotz allem ganz gut zusammen. Man muss schauen, was Spiritualität bedeutet. Wir verwenden diesen Begriff mittlerweile, weil wir der Religiosität ein wenig ausweichen. An vielen Stellen, an denen Spiritualität mit Religiosität verbunden wird, hat man auch religiöse Menschen. Bei Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Beerdigungen geht es um Lebensriten. Die sind den Menschen natürlich wichtig. Wir haben es mit vielen Personen zu tun, die zu einer Hochzeit gehen, ohne dass sie wirklich glauben oder ohne dass man sie danach noch mal in der Kirche wiedersieht. Sie halten die kirchliche Trauung aber für einen guten Rahmen, ein nettes Angebot; aber eine tiefe Verwurzelung im Glauben ist da fast nicht vorhanden.  

domradio.de: Wenn wir in die Zukunft schauen, was meine Sie: Wird die Religion irgendwann "aussterben"?

Pickel: Wir rechnen immer damit - und das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Westeuropa. Wir haben einen Trend, der seit 40 Jahren relativ konsistent ist. Wenn sich nicht viel ändert, dann kann man erwarten, dass sich auch an dem Trend nicht viel ändern wird, Religiosität wird also weniger werden.

Allerdings sind wir uns als Soziologen nun auch einig, dass es eine Art Grenze gibt. Denn es gibt ja Menschen, die ganz überzeugt glauben. Wir schätzen, dass diese Grenze so bei etwa 20 Prozent liegt. Sehr wichtig dafür ist, dass eine soziale Verbindung hergestellt wird. Wir finden eine sehr viel stärkere Verbindung an das Religiöse, wenn wir gute, soziale Gemeinschaften haben, die sich häufig treffen. "Face to Face" nennt man das, man kennt sich von Angesicht zu Angesicht und unternimmt etwas zusammen. Dort haben wir eine starke Bindungskraft, die sich im Kleinen besser halten kann, als dass man eine große Volkskirche vor Augen hat. Das ist sicherlich die Problemlage vor der die Kirchen stehen: Wir müssen weniger von einer Volkskirche ausgehen, als vielmehr von kleinen Gruppen, denn die werden nicht verschwinden.

domradio.de: Was kann und was muss die Kirche tun, um diesem Trend entgegenzuwirken?

Pickel: Es gibt natürlich vieles, was man sagen kann. Was sicherlich eine große Stärke der Kirchen in den Augen der Bürger ist, ist ihre Sozialität: dass sie sich für Soziales einsetzt und Soziales organisiert. Das sieht man schön am Beispiel der Flüchtlingshilfe. Die ist nirgendwo so erfolgreich organisiert, wie um Kirchen herum. Dort gehen Menschen hin, weil sie sagen "das gehört dazu". In Befragungen sagen ja auch 60-65 Prozent der Konfessionslosen "Für Soziales, für Diakonie, soziale Tafeln sind die Kirchen zuständig". Da hat man eine hohe Anerkennung für Kirche auch außerhalb der Kernmitgliedschaft, und hierüber kann man vielleicht auch sozialen Zusammenhalt beibehalten, stärken und vielleicht auch nach Innen wirken.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr)

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