Religiöse Sehnsucht
Religiöse Sehnsucht
Dr. Werner Kleine
Dr. Werner Kleine

19.03.2017

Glaubensreferent über religiöse Sehnsucht Zwischen Himmel und Hölle

Eine Sehnsucht religiöser Menschen ist das Streben nach dem Himmel. Dazu gibt es unterschiedliche Überlegungen. Welche Vorstellungen bei Christen und Muslimen vorherrschen, verrät Glaubensreferent Dr. Werner Kleine von der Kath. Citykirche Wuppertal.

domradio.de: Dass man sich daran orientiert, nicht in die Hölle zu kommen, war für Christen und Muslime in früheren Zeiten gleichermaßen wichtig. Wie kam das denn?

Dr. Werner Kleine (Pastoral- und Glaubensreferent der Katholischen Citykirche Wuppertal): Das ist natürlich ein mittelalterliches Bild mit einer bestimmten Weltvorstellung: Oben der Himmel, hier auf Erden die Menschen und dann gibt es die Unterwelt. Aus dieser Schattenwelt, die im Germanischen schon "hel" hieß, hat man dann eine Hölle rekonstruiert, weil man doch irgendwo diese Gerechtigkeitsfrage im Hintergrund hatte. Der Gerichtsgedanke, der auch im Christentum ganz fest verankert ist, stellt dann die Frage: "Wie richtet Gott die letzte Gerechtigkeit auf?" Dann muss er doch diejenigen, die Schlimmes in diesem Leben getan haben zur Rechenschaft ziehen und bestrafen. Menschen stellen sich Bestrafungen vor und damit ist der Höllengedanke verbunden.

domradio.de: Das heißt, es gibt keine direkte Bezugsquelle in der Bibel?

Kleine: Es gibt im Biblischen, im NT den Begriff der "Gehenna". Das ist ein griechisches Wort, das aus dem Hebräischen stammt, von "Gehinnom". Das ist ein Tal südlich Jerusalems, wo früher die Müllkippe war. Das ist ein Ort, an dem man tatsächlich nicht sein möchte. Aber es ist ein unwirtlicher Ort gewesen und man kann sich vorstellen, dass man Menschen, die man vor die Tore der Stadt geschickt hat, um sie zu bestrafen, auch dorthin geschickt hat. Aber es ist eben ein irdischer Ort. Wenn man diese Dinge, was man häufig in der Verkündigung macht, plötzlich endhistorisiert, wird aus diesem Ort ein mystischer Ort, eine ewige Verdammnis, die wir so aus der Heiligen Schrift aber nicht ableiten können. 

domradio.de: Die Frömmigkeit hat sich im Laufe der Zeit geändert. Wie kam es denn dazu, dass irgendwann mehr vom Himmel als von der Hölle die Rede war?

Kleine: Das ist in gewisser Weise ein Pendel. Wenn man die Höllenangst und die Höllenqualen, die wir auf mittelalterlichen Bildern haben, auch selbst erlebt hat, schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. Dann hat man nur noch den Himmel und das Heil. Das kann man sehen, wenn man in eine bayrische Barockkirche geht und den Blick nach oben wendet, dann sieht man dort ein sehr kühles Blau, auf dem Menschen mit verrenkten Hälsen nach dem Heil schauen. Es ist ein friedliches Blau. Man schwankt immer zwischen den zwei Extremen und ich glaube, dass wir Menschen, je nachdem wie unsere Zeiten sind, uns da entsprechend verorten.

domradio.de:Christen und Muslime waren sich in der Höllendarstellung sehr ähnlich, wie ist die Situation heute? 

Kleine: Wir haben in der neutestamentlichen Exegese oder in der Bibelwissenschaft entsprechend Fortschritte gemacht, wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie der Paulus sich das Gericht vorstellt. Da spielt er mit Begriffen, die dann natürlich in solche Vorstellungen jenseitiger Art hinübergehen. Er schreibt zum Beispiel im ersten Korintherbrief, dass wir im Angesicht der Liebe Gottes geläutert werden, wie glänzendes Gold im Feuer und das unser Lebenshaus in diesem Feuer geprüft wird und es sich erweisen wird, ob unser Haus aus Gold, Silber und Edelsteinen oder aus Holz, Heu und Stroh gebaut ist.

Das ist eine wunderbare Metapher, die aber immer im Himmel stattfindet. Der christliche Glaube geht davon aus, dass wir alle zu Gott kommen und Gott richtet die letzte Gerechtigkeit auf. Das heißt, Menschen, die in diesem Leben furchtbare Schuld auf sich geladen haben, werden im Himmel mit dieser Schuld leben müssen. Wenn es eine Hölle gibt, dann haben sie die in sich selbst bereitet. Von ihrem Lebenshaus bleibt nicht mehr viel übrig und damit muss man jetzt eine Ewigkeit im Angesicht Gottes zurechtkommen.

Der Koran hat da eine völlig andere Vorstellung. Man hat den Eindruck, dass da die Zeit über den Tod hinaus in eine Ewigkeit verlängert wird. Das ist ein Gedanke, den wir als Christen so eigentlich nicht denken können. Die Ewigkeit ist pure, reine Gegenwart Gottes, in der wir dann entsprechend leben werden.

domradio.de: Was hat diese Ausrichtung -entweder auf den Himmel oder die Hölle- auch für Folgen für die Glaubenspraxis?

Kleine: Wir sind im Jahr des Reformationsgedenken und wenn wir auf Martin Luther schauen und die berühmte Szene, in der er den Blitzschlag überlebt und dann ein Gelübde ablegt, dann steckt dahinter natürlich ein Gottesbild, dass Gott die kleinen Sünden sofort und größere etwas später bestraft.

Da haben sich Welt- und Gottesbilder verändert. Wir müssen sicherlich in unserer Zeit, wo wir gedankliche Fortschritte gemacht haben auch die Botschaft entsprechend neu denken. Es ist übrigens sehr interessant: Wir leben im Jahr 2017, die Aufklärung liegt hinter uns, wir müssen mit den Dingen der Welt entsprechend arbeiten und umgehen und das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit definieren:  Zeit, das Werden und Vergehen: Wir können in dieser Zeit "Gegenwart" gar nicht empfinden, denn immer dann wenn wir diese denken, ist sie uns schon durch die Hände geflutscht.

Ewigkeit als pure, reine Gegenwart, die kein Werden und Vergehen mehr kennt, das ist eine gedankliche Herausforderung, die wir zeitphilosophisch schon in unsere Zeit bringen können. Wenn man da ins NT schaut, zum Beispiel in die Offenbarung des Johannes, dann kann man doch sehr erstaunt feststellen, wie weit man damals schon im philosophischen Denken war. Aus Sicht der Ewigkeit ist das Heil immer schon feststehend. Wir hier müssen jedoch noch kämpfen und müssen die Höhen und Tiefen unseres Lebens aus- und durchhalten, um in die Ewigkeit zu gelangen.

Das Gespräch führte Christoph Paul Hartmann.

(dr)

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