Zölibat: Debatte dauert an
Zölibat: Debatte dauert an
Dr. Andreas Püttmann
Dr. Andreas Püttmann

31.08.2016

Publizist Püttmann zur Zölibats-Debatte "Über die Vitalität einer Kirche entscheiden andere Kriterien"

Die Debatte um den Zölibat dauert an. Verantwortlich für den Priestermangel - oder nicht? Der katholische Publizist Andreas Püttmann wägt die Argumente beider Seiten gegeneinander ab und wagt einen Blick auf die katholische Kirche in 50 Jahren.

domradio.de: ZDK-Präsident Thomas Sternberg hat am Montag in einem Zeitungsinterview gesagt: "Wenn wir in der Seelsorge ausbluten, müssen wir den Zölibat lockern" Gäbe es denn dann auf einmal mehr Priester?

Andreas Püttmann (Politikwissenschaftler, katholischer Publizist): Zunächst einmal muss man sagen, dass die Seelsorge ja nicht nur durch Priester gewährleistet wird. Wir haben im Moment etwa 14.000 Priester, davon 9.000 im aktiven pastoralen Dienst. Wir haben aber ebenso viele Pastoralassistenten, Gemeindereferenten und Diakone, die von der Anzahl her in den letzten 20 Jahren so stark angewachsen sind, dass sie den Rückgang der Priester quantitativ kompensiert haben. Man könnte sogar noch weiter gehen und sagen, dass Seelsorge auch in kirchlichen Eheberatungsstellen oder in der kirchlichen Jugendarbeit geschieht.

Es gäbe wohl etwas mehr Priester, wenn wir den Zölibat aufgeben würden. Aber das Berufsbild würde sich damit auch ändern. Es würde ein bürgerlicher Beruf wie andere, ohne diesen existentiellen Verzicht. Es würde vielleicht sogar die Erwartung nach einer Heirat entstehen. Man wünschte sich in manchen Gemeinden vielleicht auch eine Pfarrfrau, wie früher in der evangelischen Kirche, die dann mithilft. Damit würde sich die Kirche wiederum das Scheidungsproblem einhandeln, denn wir haben ja nicht nur ein Problem der priesterlichen Berufung, sondern auch eine Krise bei der sakramentalen Ehe.

Die Priester, die ihr Leben ganz Jesus Christus und der Kirche im Zölibat verschrieben haben, könnten sich nach Jahrzehnten in dieser Lebensform etwas verschaukelt fühlen, wenn man so leichtfüßig eine technische Lösung herbeiführen würde, um das Problem des Priestermangels zu lösen. Es ist eine Frage, bei der viele verschiedene Kriterien abgewogen werden müssen. Ich persönlich komme zu dem Schluss, dass die Risiken und die Nachteile doch größer wären als die Vorteile.

domradio.de: Das ist eine Diskussion, die mindestens seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren geführt wird. Weshalb findet man denn keine Lösung? Wir schaffen den Zölibat ab und alles ist gut...

Püttmann: Für die Kirche ist der Zölibat ja keine rein soziotechnische Maßnahme. Das Zweite Vatikanische Konzil, auf das sich doch alle immer so berufen, spricht von einem Quell geistlicher Fruchtbarkeit in der Welt und einem Antrieb der Hirtenliebe. Der Zölibat sei in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen und eine kostbare göttliche Gnadengabe. Darüber kann man nicht einfach so hinweggehen - insbesondere über den Zeichencharakter, den das Priesteramt für eine zukünftige Welt, in der menschliche Liebe erst ihre definitive Erfüllung finden wird, hat. Kardinal Woelki hat zu Recht von einem widerständigen Zeichen der Liebe Gottes gesprochen. Das ist das eine, dass der Zölibat einen hohen Wert hat – auch für die Weltkirche, in der man nicht beliebig unterschiedliche Regelungen treffen kann.

Man sollte vielleicht auch bedenken, dass nach Umfragen des Allensbach-Instituts unter den deutschen Katholiken 44 Prozent sagen, sie hätten einen guten Kontakt zu Priestern, Ordensleuten oder anderen Aktiven in der Pfarrgemeinde. Das sind mehr als die Zahl derjenigen, die sich der Kirche eng oder mittel verbunden fühlen. Das heißt, die kommunikative Durchdringung durch Kontakte von Hauptamtlichen, unter anderem auch Priestern, mit den Gläubigen ist nach wie vor recht groß. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ging um etwa 50 Prozent in den letzten zwanzig Jahren zurück, die Zahl der Priester nur um 25 Prozent. Durch die Priestermangel-Diskussion wird ein grundlegenderes Problem kaschiert. Man könnte zugespitzt sagen: Es gab noch nie so viele Priester pro Gottesdienstbesucher. Zwar sind die Priester nicht nur für diese zuständig, sondern für alle Katholiken und sinnvollerweise auch für weitere Menschen, die nicht der Kirche angehören, aber hier werden die Laien einfach mehr Verantwortung übernehmen müssen.

domradio.de: Als Gegenargument könnte man anführen, dass es anderen Kirchen gibt, die kein Zölibat haben. Es gibt die evangelische Kirche, die anglikanische Kirche und die Altkatholiken, die sich in fast jedem Punkt mit der katholischen Kirche überschneidet, bis auf das Frauenpriestertum und die Ehelosigkeit. Bei denen funktioniert es doch auch, oder?

Püttmann: Ja, nur sind die keineswegs geistlich expandierender, vitaler oder erfolgreicher. In der evangelischen Kirche, die seit 1950 etwa um die Hälfte geschrumpft ist, haben wir etwa 30 Prozent Austrittskandidaten. Es gibt übrigens auch dort inzwischen einen Pastorenmangel. Man darf einfach die Erfolgskriterien einer Kirche nicht am Recht auf Sex und Partnerschaft für jeden festmachen. Über die Vitalität einer Kirche entscheiden andere Kriterien. Die evangelische Kirche mag ein besseres Image haben, aber ihr Anteil an den in den letzten Jahrzehnten Ausgetretenen ist wesentlich höher als bei der katholischen Kirche. Das Beispiel der anderen Konfessionen ist nicht unbedingt ermutigend, wenn man eine Revitalisierung des gemeindlichen Lebens erwartet.

domradio.de: Wagen wir noch einen Blick in die Zukunft. Das Gemeindeleben in 50 Jahren in der katholischen Kirche, wie wird das aussehen?

Püttmann: Das ist schwer zu prognostizieren, weil dem Christentum durch die historische Entwicklung auch wieder Plausibilitätsgewinne zuteil werden können. Aber vermutlich wird der Anteil der Christen bei uns, der zurzeit noch knapp 60 Prozent beträgt, im Laufe von zwei Generationen auf vielleicht 20 Prozent der Bevölkerung zurückgehen, günstigstenfalls geschätzt als Träger der abendländischen Tradition und als Elite der Mitmenschlichkeit – wenn die Christen selbst sich nicht abkapseln und einem Wagenburgsyndrom erliegen. Solche Tendenzen gibt es ja auch. Wenn sie aber das Salz der Erde bleiben, dann können Minderheiten auch sehr viel in einer säkularen Gesellschaft bewirken. Das haben wir nach der Wende in der DDR erlebt, wo die 25 Prozent Christen die Parlamente bevölkert haben. Wir werden Großgemeinden in Städten haben. Da wird man auch mal 20 bis 30 Kilometer sonntags zur Heiligen Messe fahren müssen. Klöster werden vermutlich als geistliche Zentren ihre große überregionale Ausstrahlung behalten. Vor Ort wird es Hauskreise und in den kleineren Kirchen Wortgottesdienste und Konzerte geben. Beauftragte Laien werden Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten halten. Aus den florierenden Kirchen in anderen Regionen der Weltkirche werden auch weiterhin Priester kommen. Damit wird das internationale Flair der Kirche bei uns zunehmen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Dr. Andreas Püttmann - Biografie

Andreas Püttmann, geboren 1964 in Dinslaken, studierte  Politologie, Geschichte und Staatsrecht an der Universität Bonn und am Institut d'Etudes Politiques de Paris. Er war Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und des DAAD. 1993 wurde er mit der Arbeit „Ziviler Ungehorsam und christliche Bürgerloyalität. Konfession und Staatsgesinnung in der Demokratie des Grundgesetzes“ bei Wolfgang Bergsdorf promoviert. Nach freier Mitarbeit beim WDR-Hörfunk (1987–89) war er von 1989 bis 1991 Redakteur beim Rheinischen Merkur. 1991 wurde er mit dem Förderpreis des Katholischen Journalistenpreises ausgezeichnet. Seit 1993 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dort wirkte er zunächst als Referent in der journalistischen Nachwuchsförderung, seit 1995 als Leiter des Referats für die südwestdeutschen Hochschulen in der Deutschen Studentenförderung sowie in der Arbeitsgruppe Kirche und Politik und im Betriebsrat (1998-2002) der Stiftung. Seit 2002 ist er nach einer verschleppten Borreliose gesundheitlich beeinträchtigt und nur noch in begrenztem Umfang als freier Publizist und Dozent tätig. Er lebt in Bonn.

Püttmann ist Vorstandsmitglied der "Gesellschaft katholischer Publizisten" und der "Stiftung zur Förderung der Katholischen Soziallehre", Kuratoriumsmitglied des Christlichen Medienverbundes KEP und wurde 2014 in die von Armin Laschet geleitete CDU-"Zukunftskommission" zum Zusammenhalt der Gesellschaft berufen.

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