Franziskaner im Gebet
Franziskaner im Gebet
Pater Hermann Schalück (Archivbild)
Pater Hermann Schalück (Archivbild)

11.05.2016

Franziskanerpater zur Gemeinschaftsgründung in der Türkei "Der Herausforderung stellen"

Enteigneter Kirchen und zunehmender Islamisierung zum Trotz: Im türkischen Izmir eröffnet der Franziskanerorden einen zweiten Teil der dortigen Ordensgemeinschaft. Der ehemalige Generalminister der Franziskaner sieht darin kein Problem.

domradio.de: Wie viele Brüder werden denn im Kloster in Izmir leben?

Pater Hermann Schalück (Ehemaliger Generalminister des Franziskanerordens): Nach meiner Information sind es drei. Es ist so gedacht, dass die Gemeinschaft der Franziskaner in der Türkei sechs oder sieben Personen umfasst. Sie zählt als eine einzige Gemeinschaft, ist aber an zwei Stellen untergebracht - nämlich in Istanbul und in Izmir.

domradio.de: Istanbul war die erste Niederlassung in der Türkei dieser Art. Sie haben die erste internationale Ordensgemeinschaft im Jahr 1995 mit begründet. Ökumene und internationaler Dialog sind die beiden Pfeiler, für die Sie sich da besonders einsetzen. Was war damals beim Aufbau schwierig?

Schalück: Man muss bedenken, dass der Orden schon längere Zeit in der Türkei war - hauptsächlich mit Italienern bestückt. Die haben die übliche Seelsorge dort betrieben, die zwar schon teilweise behindert wurde, aber in der Türkei möglich war. Deshalb standen wir nicht völlig vor einem Neuanfang. Es war in dem Zusammenhang ein Neuanfang, weil wir im Jahr 1995 begannen, international zu denken. Begründet wurde die Gemeinschaft erst mit meinem Nachfolger und ich bin sehr froh, dass es so weit gekommen ist. Wir haben also keine ganz neue Präsenz. Wir haben eine neue Fassung unserer Präsenz angepeilt und auch bekommen. Es ist jetzt eine Gemeinschaft, die aus Afrikanern, Asiaten und Europäern besteht und sich sehr gut macht.

domradio.de: Gibt es etwas aus Ihren Erfahrungen, das Sie den neuen Brüdern raten würden?

Schalück: Ich möchte raten, dass sie so weitermachen wie bisher. Es war so, dass sie in der Gemeinschaft der Türken durchaus unauffällig waren, aber doch sehr, sehr engagiert. Sie haben sich mit den Türken befasst, sie haben mit dem Patriarchat Kontakt gehabt und auch die verschiedenen katholischen Gemeinden bedient. Das ist gut gelaufen. Ich habe von keinen Schwierigkeiten gehört - abgesehen von den Schwierigkeiten, die alle haben, die in die Türkei gehen. Das ist aber nicht wesentlich unterschiedlich zu den Schwierigkeiten in einem anderen europäischen Staat.

domradio.de: Sie sprechen von Aufenthaltsgenehmigungen?

Schalück: Ja, auch von Aufenthaltsgenehmigungen. Die Schwierigkeiten, die wir haben, sind gleichzusetzen mit denen, die andere Orden auch haben - seien es die mit uns verwandten Kapuziner, Konventualen, Jesuiten und andere Gemeinschaften.

domradio.de: Wie arbeitet man denn als Christ in der Türkei? Ist das schwierig?

Schalück: Man bleibt nicht unter sich. Die Franziskaner sind berufen und bestellt, unter sich ein vernünftiges Ordensleben zu gestalten. Das ist besonders herausfordernd in zusammengestellten Gemeinschaften, wie wir sie da bewusst begründet haben. Die Herausforderungen liegen in der Sprache und in der Mentalität. Mit den Türken ist durchaus ein gutes Einvernehmen zu erzielen. Sie haben sich vor allem durch einen Mitbruder aus Frankreich, der ungefähr zehn Jahre dort war, den Derwischen zugewandt. Die Derwische sind eine muslimische Gemeinschaft, die sehr, sehr türkisch ist. Das hat uns sehr gut geholfen.

domradio.de: Mit denen kooperiert man dann?

Schalück: Der Pater ist mit den Derwischen sogar in Rom gewesen, im Vatikan und unserer Kurie. Die sind etwas weiter oder selbständiger, wenn man so will. Aber das ist möglich und das hat er getan.

domradio.de: Wie beurteilen Sie, der Sie länger in der Türkei gelebt haben, die Situation der Christen in der Türkei im Moment?

Schalück: Mir ist es nicht bekannt, dass sich das Leben für die Christen im Moment - abgesehen von den Schwierigkeiten, die wir in der Türkei im Zusammenhang mit ihrem Wunsch, in die EU zu kommen, sehen  - verschlechtert hat. Es ist eine sehr zweideutige Situation, vor allem, was die Eigentumsfragen angeht. Die türkische Regierung hat schon vor Erdogan Beschlagnahmungen vorgenommen und hat immer gefragt, wem das Gebäude gehört. Es sind vor allem Ordensgemeinschaften, die die Kirche dort ausmachen. Diese wussten dann recht oft nicht, worauf sie sich stützen sollten. Aber sie sind da geblieben und leben bescheiden und wirksam unter der Bevölkerung.

domradio.de: Man sagt, dass sich die Türkei auf einem starken Weg Richtung Islamisierung befindet. Spüren Sie das?

Schalück: Ja. Ich glaube allerdings nicht, dass die Islamisierung total durchgeführt werden kann. Die Türkei hat ja schon einen anderen Islam als Saudi-Arabien oder Marokko. Es ist ein Staat, der laisiert ist, der Islam ist auch nicht so bestimmend wie in den genannten Ländern. Es gibt eine andere Kultur. Man sieht ja auch, dass Frauen und Männer nicht so gekleidet sind, wie in den anderen Staaten. Aber es ist zweifellos so, dass ein Nationalbewusstsein die Türken zu immer mehr Islamisierung führen wird. Es wird jedoch nach meiner Meinung keine völlige Islamisierung geben können. Die Türkei ist eine relative Gesellschaft, die auch auf Europa schaut und deswegen die Frage lösen muss, wie sie mit Minderheiten umgeht. Sie kann nicht einfach die Minderheiten vereinnahmen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(dr)

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