Schutz für weibliche Flüchtlinge
Schutz für weibliche Flüchtlinge

19.01.2016

Menschenrechtler über Übergriffe in Flüchtlingsheimen "Keine Einzelfälle"

Medien berichten über Angriffe auf christliche Flüchtlinge und sexuelle Belästigungen von Frauen in Asylunterkünften. Ein Überblick der Vorfälle fehlt. Gründe seien Scham und fehlende Statistiken, erklärt Martin Lessenthin.

domradio.de: Wie kann man eigentlich unterscheiden, dass Auseinandersetzungen unter Flüchtlingen in einem Fall der räumliche Enge, sozusagen dem Lager-Koller geschuldet sind und im anderen Fall explizit Christen oder andere Minderheiten diskriminiert werden?

Martin Lessenthin (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte): Das kann man in der Tat aus der Distanz überhaupt nicht. Beides kann auch miteinander in Verbindung stehen. Was aber Fakt ist, ist, dass in den Lagern und überall, wo Flüchtlinge in großer Menge zusammenkommen, mitgebrachte Aversionen und Gefühle aus den Herkunftsländern sich auch immer wieder bemerkbar machen.

Opfer sind dann mitunter Christen oder ehemalige Muslime, die zum Christentum konvertiert sind, aber auch Angehörige anderer Minderheiten wie Jesiden oder Schiiten, die Opfer von fundamentalistischen Sunniten werden. Es trifft aber auch Frauen, auch sunnitische Frauen.

domradio.de: Die Tageszeitung "Die Welt" spricht von einem "Scharia-Klima" in Asylheimen. Angesichts von gut einer Million Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland gekommen sind – kann man die Anzahl der Vorfälle überblicken, gibt es Heime, in denen es besonders viele Vorfälle gab?

Lessenthin: Niemand hat einen Überblick über die Anzahl der Vorfälle. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen gibt es dazu keine überregionalen Statistiken über die Bundesländer hinaus, zum anderen empfinden die Betroffenen Angst und Scham und deswegen werden Vorfälle nicht bekannt.

domradio.de: Welche Vorfälle von Christendiskriminierung sind Ihrer Menschenrechtsorganisation bekannt?

Lessenthin: Ein aktuelles Beispiel haben wir in Oberursel in Hessen in einem Flüchtlingsheim gehabt. Da ging die Diskriminierung aber nicht von anderen Mitflüchtlingen aus. Ein iranischer Konvertit wurde Opfer von Gewaltanwendung durch Security-Mitarbeiter, die in Deutschland sozialisiert waren, sich aber von der Tatsache, dass dieser Flüchtling sich vom Islam abgewendet hatte, provoziert fühlten. In einem kurzen Gespräch zuvor bestand er darauf, dass er jetzt an Jesus glaubt und dann kam es zur Gewaltanwendung gegen ihn.

domradio.de: Viele Kriegsflüchtlinge sind traumatisiert von Gewalt, Flucht und Vertreibung – dann sind sie im vermeintlich sicheren Deutschland und werden wieder drangsaliert. Was löst das in ihnen aus?

Lessenthin: Das löst Verzweiflung und weitere Traumatisierung aus. Dann suchen die Betroffenen nach Menschen, die Schutz und Geborgenheit geben können.

domradio.de: Wie können Sie als Menschenrechtsorganisation konkret helfen – greifen Sie ein, um den Flüchtlingen zu helfen?

Lessenthin: Darum bemühen wir uns. Wir versuchen mit verschiedenen Maßnahmen zu helfen. Das kann ein neuer Aufenthaltsort sein, das kann aber auch sein, dass wir Menschen psychologische Beistand geben, dass wir sie beraten, wie ihr zukünftiger Weg aussehen kann und wie sie in Sicherheit leben können. 

domradio.de: Wenn arabisch- oder türkischstämmiges Wachpersonal den Christen Probleme macht – was sagt das über die Integration von Menschen aus, die hier geboren wurden oder schon lange in Deutschland leben? Sie müssen doch wissen, dass wir hier Religionsfreiheit haben?

Lessenthin: Das ist ein Beispiel für misslungene Integration, auch für ein Misslingen des Bildungssystems. Diese Leute haben ja eine Schullaufbahn in Deutschland durchlaufen und müssten die Regeln für das Zusammenleben in Deutschland kennen. Noch dazu arbeiten sie für ein Sicherheitsunternehmen, von daher werden ja eigentlich besondere Anforderungen an sie gestellt. In dem konkreten Fall war es so, dass die betroffenen Mitarbeiter der Security-Firma erst nach einer Intervention der Polizei versetzt wurden.

domradio.de: Wenn das Personal negativ auffällt, werden die Mitarbeiter dauerhaft von solchen Aufgaben entbunden oder betreuen sie einfach ein anderes Flüchtlingsheim?

Lessenthin: Darüber haben wir keine Erkenntnisse. Wir wollen aber dem Fall nachgehen, das ist allerdings nicht leicht. Denn das Security-Unternehmen zeigt keine große Transparenz, auch weil der nötige Nachdruck von den beteiligten Behörden teilweise fehlt. Ich hoffe, dass es mit der Öffentlichkeit gemeinsam gelingt, hier Verbesserungen zu erzielen. 

domradio.de: Deutschland ist schockiert über die Vorfälle der Silvesternacht in Köln mit hundertfachen Übergriffen auf Frauen – es gibt auch Berichte über sexuelle Belästigungen von Frauen in Flüchtlingsheimen – wie umfangreich sind diese Vorfälle?

Lessenthin: Es sind keine Einzelfälle, es gibt leider keine Statistik. Ich glaube aber, wir erleben nur die Spitze des Eisberges - das hat auch etwas mit Angst und Scham bei den Opfern zu tun. Unsere erste Anforderung an Menschen, die hierher kommen, ist deswegen, dass sie Frauen respektieren, dass sie die Gleichberechtigung der Geschlechter anerkennen.

domradio.de: Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz hat am Montag gemeldet, dass es mehr Anwerbeversuche von Flüchtlingen durch Salafisten in NRW gibt – der radikale Salafismus ist ja strikt gegen Religionsfreiheit und die allgemeinen Menschenrechte – wie sehr alarmieren Sie als Menschenrechtsorganisation die zunehmenden Anwerbeversuche?

Lessenthin: Als Menschenrechtler haben wir in der Vergangenheit schon auf die Anwerbeversuche der Salafisten auf anderen Ebenen wie Straßenmission oder in Gefängnissen hingewiesen und die damit verbundenen Gefahren aufgezeigt. Dass sie es nun auch bei den Flüchtlingen systematisch versuchen, ist nicht verwunderlich. Man muss dabei sehen, dass die Salafisten zu einem großen Teil keine Sprachbarriere haben, sie haben es also leicht, auf Mission zu gehen.

domradio.de: Was muss Ihrer Meinung getan werden, damit die Flüchtlinge frei ihre Rechte wahrnehmen können und von radikaler Einflussnahme verschont bleiben?

Lessenthin: Es muss eine ausreichende Transparenz da sein. Die potentiellen Opfer müssen wissen, dass sie sich wehren können, dass sie schnell kommunizieren müssen, um Schlimmeres zu verhüten oder auch um andere Flüchtlinge zu schützen. Von staatlicher Seite muss auch mehr Initiative ergriffen werden, damit die Vorfälle zum einen erst gar nicht eintreten - das kann man nur durch räumliche Voraussetzungen schaffen - zum anderen, dass eine ständige Beobachtung und Analyse der Situation der Flüchtlinge erfolgt.

Das Interview führte Mathias Peter.

(dr)

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