Ein Mädchen im Flüchtlingslager bei Moria auf Lesbos
Ein Mädchen im Flüchtlingslager bei Moria auf Lesbos

20.10.2020

Hamers: Über Pandemie nicht die Flüchtlinge vergessen "Nicht nur um uns selbst kreisen"

Einen Monat nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria berät die Bundeskanzlerin mit Vertretern der Kommunen am Dienstag über die Verteilung der Geflüchteten. Dem katholischen Büro NRW ist es wichtig, dass auch die Fluchtursachen in den Fokus rücken.

DOMRADIO.DE: Haben Sie eine Erklärung dafür, wieso dieses Treffen so lange auf sich hat warten lassen?

Dr. Antonius Hamers (Leiter des Katholischen Büros in NRW): Das liegt sicherlich auch daran, dass uns im Moment mit der Ausbreitung der Pandemie auch andere Themen hier in Deutschland beschäftigen, und dass wahrscheinlich dieses Thema leider wieder etwas in den Hintergrund gerückt ist. Aber umso erfreulicher ist es, dass sich die Kanzlerin dieses Themas heute annimmt.

DOMRADIO.DE: Einige Städte, darunter auch Köln, hatten sich zur Aufnahme von Flüchtlingen bereit erklärt. Man hat aber das Gefühl, dass die Kanzlerin nach wie vor an einer großen europäischen Lösung hängt, oder?

Hamers: Das sieht so aus. Man muss natürlich berücksichtigen, dass dieses Thema eine hohe Komplexität hat. Selbstverständlich muss es darum gehen, vulnerable Personen, also besonders schutzbedürftige Personen, jetzt aus dieser Situation herauszuholen. Wobei wir immer darauf hinweisen müssen, dass es ja nicht nur um schutzbedürftige Personen in Moria geht, sondern eben auch an anderen Stellen.

Aber darüber hinaus bedarf die Lösung dieses Problems natürlich auch noch anderer Ansätze. Einmal - was zum Teil schon geschehen ist - vor Ort zu gucken, dass wieder eine Infrastruktur geschaffen wird und die Menschen dort wieder unterkommen können. Dass wieder ein neues Lager aufgebaut wird. Darüber hinaus aber natürlich auch eine europäische Lösung, die Griechenland entlastet und die es nicht alleine dabei belässt, dass die Länder an den europäischen Außengrenzen in erster Linie mit dieser Problematik der zu uns kommenden Menschen belastet sind.

Und schließlich muss man selbstverständlich immer wieder darauf hinweisen, dass wir gucken müssen, wie wir Flüchtlings- oder Fluchtursachen in den Ländern vor Ort bekämpfen, und wie wir dagegen vorgehen. Auch da ist jeder Einzelne von uns gefordert, wenn es zum Beispiel darum geht, verantwortlich mit dem Klimaschutz und mit Produktketten umzugehen, zu gucken, was wir einkaufen und wie wir uns selber verhalten. All das hat ja letztlich Auswirkungen darauf, dass Menschen sich zur Flucht gedrängt sehen.

DOMRADIO.DE: Die Grünen, Linken oder auch die SPD fordern: Es muss schneller gehen, wir könnten mehr Menschen aufnehmen. Sie haben den konkreten Blick auf Nordrhein-Westfalen. Wäre das für die Kommunen - auch mit Blick auf die aktuelle Corona-Lage - denn überhaupt realistisch?

Hamers: Es haben im September 40 Kommunen angeboten, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Reaktionen auf die derzeitige Situation hier vor Ort, sprich auf die pandemische Situation, sind wichtig. Das hat natürlich eine hohe Priorität, ohne jede Frage. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur um uns selber kreisen und alle anderen Problemlagen, die außerhalb sind, aus dem Blick verlieren.

Insofern halte ich es für ganz wichtig, immer auch zu schauen: Welche anderen Probleme stehen im Moment an und wo sind wir auch in unserer Verantwortung gefordert? Nicht nur um uns selbst kreisen, sondern zu schauen, dass wir diesen schutzbedürftigen Menschen auch gerecht werden. Insofern hoffe ich selbstverständlich, dass wir da zu Lösungen kommen und, dass Menschen eben auch trotz der Schwierigkeiten, die wir hier vor Ort haben, aufgenommen werden können.

DOMRADIO.DE: An ganz vielen Orten existiert eine tolle, besonders auch kirchliche Infrastruktur. Was ist denn zum Beispiel bei dieser Thematik die Forderung der deutschen Bischöfe?

Hamers: Die Bischöfe haben selbstverständlich mehrfach gefordert, jetzt besonders schutzbedürftige Personen aufzunehmen und zugleich dafür zu sorgen, dass es eine menschengerechte, europäische Flüchtlingspolitik gibt, und dass Flüchtlings- oder Fluchtursachen in den Ländern vor Ort bekämpft werden. Das ist auf jeden Fall eine Position, die immer wieder geäußert worden ist.

Zugleich ist immer wieder die kirchliche Hilfe angeboten worden. Sei es zum Beispiel von Caritas International in Moria, aber auch kirchlicher Entwicklungshilfe in Ländern vor Ort, um Menschen dazu zu animieren und Menschen dazu in die Lage zu versetzen, vor Ort in ihren Ländern eine Zukunft aufzubauen. Und schließlich und endlich selbstverständlich auch die Forderung, jetzt zu schauen: Welchen Personen in konkreten Notsituationen - in Lagern wie Moria oder an anderen Orten - muss die Möglichkeit eröffnet werden, jetzt nach Deutschland kommen zu können? Damit sie hier zum Beispiel medizinische Versorgung haben, in Sicherheit sind und, dass alleinreisende Kinder und Jugendliche hier eine Aufnahme finden.

Das Interview führte Verena Tröster.

 

 

(DR)

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