Frauen stehen an, um Essen zu erhalten, in der Nähe des ausgebrannten Flüchtlingslagers Moria
Frauen stehen an, um Essen zu erhalten, in der Nähe des ausgebrannten Flüchtlingslagers Moria

12.09.2020

Teils harte Kritik an Seehofers Moria-Plan "Totalversagen"

​Am Wochenende nach dem verheerenden Brand im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos reißt die Kritik an der deutschen EU- und Flüchtlingspolitik nicht ab. Auch von Seiten der Kirche gibt es Rückmeldungen.

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) warf in der "Augsburger Allgemeinen" (Samstag) Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), nach seiner Ankündigung zwischen 100 und 150 Minderjährige in Deutschland aufzunehmen, ein "Totalversagen" vor.

CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen erneuerte seine Forderung. "5.000 Menschen weniger würden die Lage in Griechenland erheblich entlasten. Es ist unser christlich-demokratischer Anspruch an Politik, dass wir jetzt helfen", sagte Röttgen der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Die Gefahr einer Sogwirkung wie in der Flüchtlingskrise 2015 sehe er indes nicht. "Wir haben inzwischen eine völlig andere Situation: Es gibt einen besseren Schutz der Außengrenzen und Abkommen mit anderen Staaten."

Kölner Erzbischof Woelki zur Situation

Auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki betonte, Deutschland und Europa könnten mehr Hilfe anbieten. In den vergangenen Jahren habe sich gezeigt: "Wir in Deutschland, wir in Europa können Integration", so Woelki in einem Facebook-Video (Freitag).

Zustimmung zur Seehofer-Lösung äußerte der baden-württembergische Innenminister und CDU-Bundesvize, Thomas Strobl: "Wir können nicht alle der mehr als 12.000 Menschen aus dem zerstörten Flüchtlingslager in Deutschland aufnehmen - dann wären die nächsten 12.000 sehr schnell da", sagte er der "Stuttgarter Zeitung". Er sei "froh über die europäische Verständigung zur Aufnahme von 400 unbegleiteten Minderjährigen aus Moria, nachdem wir schon vor einigen Wochen 460 Minderjährige in andere EU-Staaten gebracht haben".

Söder: Es sei "eine Christenpflicht" zu helfen

Der außenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Jürgen Hardt, betonte: "Wir wollen nicht das falsche Signal senden, dass der gefahrvolle Weg über das Mittelmeer am Ende automatisch nach Deutschland führt." Zum Ruf nach Aufnahme der betroffenen Migranten erklärte er in der "Passauer Neuen Presse", es gebe einen "Widerspruch zwischen dem, was intuitiv humanitär geboten ist, und dem, was politisch klug ist".

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte an, dass sich der Freistaat an der Aufnahme von Flüchtlingen beteiligen werde. Söder sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", es sei "eine Christenpflicht" zu helfen.

Bistum Fulda bietet Hilfe an

Auch das Bistum Fulda wird nach den Worten von Bischof Michael Gerber einen Beitrag zur Aufnahme von Schutzsuchenden von der griechischen Insel Lesbos leisten. "Sobald für das Land Hessen die konkrete Hilfe geplant wird, bringen wir uns ein, um Geflüchteten in ihrer Not zu helfen", so der Bischof. "Diese Bilder bewegen uns tief in unserer Seele."

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn sagte in den ARD-Tagesthemen (Freitag), diese Bilder seien "erbärmlich für Europa". Die Sprecherin des Seeheimer Kreises, des konservativen Flügels der SPD, Siemtje Möller, sagte in der "Passauer Neue Presse": "Bundesinnenminister Seehofer zeigt das Gesicht der Unmenschlichkeit." Die Seenotrettungsorganisation Sea-Eye kritisierte eine bisher zögerliche Reaktion Deutschlands. Die von Berlin geforderte europäische Lösung sei "ein Märchen". Wie eine solche aussehe, erlebe man seit fünf Jahren.

Rainer Nolte
(KNA)

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