Verwundete syrische Kinder werden in Ariha, Provinz Idlib, behandelt
Verwundete syrische Kinder werden in Ariha, Provinz Idlib, behandelt

05.03.2020

Zerstörung und wachsende Flüchtlingscamps in Idlib Größte humanitäre Katastrophe seit Beginn des Syrienkrieges

Das Hilfswerk "Save the Children" berichtet über katastrophale Zustände in Idlib. Fast eine Million Menschen sind auf der Flucht - darunter 560.000 Kinder. Sie sind dem Krieg schutzlos ausgeliefert und sterben durch Kälte und Krankheiten.

DOMRADIO.DE: Satellitenbilder, die die Harvard Humanitarian Initiative gemeinsam mit den christlichen Hilfswerken "World Vision" und "Save the Children" veröffentlicht hat, zeigen die Veränderungen in Idlib der vergangenen drei Jahre. Die Satellitenaufnahmen sind seit 2017 entstanden und sprechen eine deutliche Sprache. Was genau bebildern sie?

Susanne Sawadogo (Presseabteilung "Save the Children"): Diese Bilder zeigen das Vorher und Nachher. Die zeigen, wie es früher in Idlib ausgesehen hat und wie es jetzt aussieht. Und daran sieht man, dass weite Teile von Idlib unbewohnbar geworden sind. Es sind viele Häuser zerstört worden. Gleichzeitig hat sich die Größe der Flüchtlingslager Richtung türkische Grenze mehr als verdoppelt. In manchen Frontstädten ist ein Drittel der Häuser zerstört. Gleichzeitig leben die Menschen dicht gedrängt in diesen Flüchtlingscamps. Und das sieht man ganz deutlich: Wo früher Ackerland war, da gibt es jetzt riesige Zeltstädte.

DOMRADIO.DE: Der Krieg in Syrien geht an diesem Sonntag ins zehnte Jahr. In Idlib hat sich die Situation seit einer großangelegten Militäroffensive im April vergangenen Jahres drastisch verschlechtert. Unter welchen Bedingungen leben die Leute dort?

Sawadogo: Wir haben es da vor Ort mit der größten humanitären Katastrophe seit Beginn des Krieges zu tun. Es sind allein seit Dezember fast eine Million Menschen vor den Kämpfen geflohen, darunter sind 560.000 Kinder. Das muss man sich einfach mal vorstellen: Es gibt kaum noch bewohnbare Gebiete in Idlib. Die Menschen leben auf immer engerem Raum zusammen. Es gibt zu wenige Unterkünfte und Zelte. Ungefähr 80.000 Menschen leben sogar im Freien, darunter sind auch immer wieder Kinder. Sie haben keine Decken, keine Zelte, keine Hygieneartikel, keine Lebensmittel. Für all das brauchen sie Unterstützung.

Gleichzeitig herrschen natürlich Angst und Verzweiflung. Die Eltern wissen nicht, wie sie ihre Kinder schützen sollen. Es sind schon sieben Kinder in den vergangenen Wochen gestorben, darunter auch ein sieben Monate altes Baby, weil es so kalt war, da herrschten auch Minustemperaturen. Die Familien müssen sich entscheiden, ob sie ihr Haus verlassen und sich in die Kälte begeben, wo sie ungeschützt sind, oder durch Bomben sterben.

DOMRADIO.DE: Warum ist für die Kinder und Jugendlichen die Situation in Idlib kaum auszuhalten?

Sawadogo: Kinder sind einfach dieser Situation völlig schutzlos ausgeliefert. Viele von ihnen haben Angehörige und ihre gewohnte Umgebung verloren. Sie sind traumatisiert. Sie brauchen natürlich dringend psychologische Unterstützung. Aber das ist nicht das, was sie als erstes bekommen, wenn sie überhaupt Hilfe kriegen. Wir sind vor Ort mit unseren Partnerorganisationen. Wir bieten den Kindern Schutzräume an, in denen sie wenigstens ein paar Stunden am Tag mal spielen können und wo sie auch ein bisschen Bildung bekommen. Denn diese Kinder können auch nicht zur Schule gehen. Ende Februar wurden an einem einzigen Tag zehn Schulen durch Bombenangriffe zerstört.

Den Kindern fehlt es wirklich an allem, und unsere Kollegen erleben auch täglich schreckliche Dinge. Zum Beispiel haben sie gesehen, wie drei Geschwister in einem Auto gewohnt haben. Die waren sieben bis neun Jahre alt und haben ihre Eltern durch Bombenangriffe verloren. Seitdem haben sie in einem Auto übernachtet.

DOMRADIO.DE: Wenn der Konflikt in Idlib weiter so ausgefochten wird wie bisher, wie wird sich das auf die Flüchtlingszahlen auswirken?

Sawadogo: Man kann sich das jetzt nicht so vorstellen, dass eine Million Menschen, die in Idlib auf der Flucht sind, alle in Richtung Europa drängen, denn die Grenze zur Türkei ist zunächst einmal dicht. Sie können da gar nicht rüber. Aber natürlich ist der Wunsch nach Flucht da. In erster Linie wollen Menschen immer in ihrer Heimat bleiben, aber dort gibt es nichts mehr. Speziell in Idlib können die Menschen weder vor noch zurück.

DOMRADIO.DE: Was fordern Sie gemeinsam mit den anderen Hilfsorganisationen mit Blick auf Idlib?

Sawadogo: Wir fordern in erster Linie, dass die Gewalt ein Ende hat. Das ist das Allerwichtigste, dass erst mal eine Waffenruhe herrscht. Es muss eine Entmilitarisierung geben und sichergestellt sein, dass die humanitäre Hilfe, die es ja gibt, auch wirklich dort bei den Menschen ankommt. Das heißt, dass die Grenzübergänge geöffnet sind, dass es humanitäre Korridore gibt. Wie Außenminister Heiko Maas gesagt hat: Den Schwächsten muss geholfen werden. Das gilt sowohl im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Griechenland, aber auch in Idlib.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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