Mann in Handschellen
Ein Flüchtling mit Handschellen
Pfr. Hans Mörtter
Pfr. Hans Mörtter

28.12.2018

Kölner Gemeinde hilft auf der Flucht entführtem Eritreer "Wir brauchen seine Geschichte, um lernen zu können"

Auf der Flucht nach Europa wird der junge Eritreer Hermon zweimal entführt. Dass er frei gekommen ist, verdankt er unter anderem der evangelischen Luthergemeinde in Köln. Für Pfarrer Hans Mörtter ist Zusehen keine Option – trotz Kritik.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie damals überhaupt von Hermon und seinem Schicksal erfahren?

Pfarrer Hans Mörtter: Ganz einfach, weil viele Menschen in Notsituationen zu uns kommen und sich herumgesprochen hat, dass man zu mir kommen kann und ich helfe. Irgendwann war dann seine Mutter bei mir, mit einem Freund, der übersetzt hat, und erzählte von der Entführung ihres Sohnes im Sudan. Nicht immer kann man direkt helfen, aber wenn eine Mutter da sitzt, die völlig im Eimer ist, dann gucke ich, dass ich helfen kann.

DOMRADIO.DE: Ihre Gemeinde hat tatsächlich zweimal bei der Beschaffung des Lösegelds für Hermon geholfen. Wie hoch war denn das Lösegeld?

Mörtter: Im Sudan waren es insgesamt 4.000 Euro, wovon die Mutter 1.500 Euro gesammelt hat. Sie hat sich bei Freunden und überall verschuldet. Bei der zweiten Entführung in Libyen waren es dann gleich 6.500 Euro.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie das Geld aufgetrieben?

Mörtter: Es gibt Menschen, die einfach kleinere und größere Summen spenden, wenn man dazu aufruft. Bei der Entführung in Libyen habe ich es über Facebook öffentlich gemacht. Ein Freund von mir hat es gelesen. Ich bekam die Nachricht, das Geld komme sofort. Er war sehr glücklich darüber, dass er Hermon retten konnte.

DOMRADIO.DE: Und wie ist die Übergabe des Lösegeldes abgelaufen? Die Entführer sitzen ja irgendwo in Afrika. Wie geht denn sowas?

Mörtter: Das basiert auf Vertrauen - das heißt einem Mittelsmann wurde das Geld übergeben. Der gibt das wiederum weiter und das Geld wandert quasi von Hand zu Hand.

DOMRADIO.DE: Aber jetzt könnte man noch einwenden, wenn sie das Lösegeld bezahlen, bestärken sie die Entführer in ihrem Tun und leisten vielleicht sogar dem Menschenhandel Vorschub. Was sagen Sie darauf?

Mörtter: Ich reagiere darauf inzwischen ziemlich sauer. Die Menschen kommen zu mir, dann kann ich mit meiner Moral nicht einfach "nein" sagen. Da saß eine Mutter, die kurz davor war, ihr Kind für den Organhandel herzugeben. Klar, jeder, der freikauft, unterstützt das System. Aber es ist auch ein Herauskaufen aus dem System des Menschenhandels.

DOMRADIO.DE: Was für Reaktionen haben Sie auf die Hilfe für Hermon bekommen?

Mörtter: Ganz viel Zustimmung, aber auch einige nicht sehr schöne E-Mails. Da hat sich zum Beispiel jemand einen Salvini gewünscht, der wie in Italien die Flüchtlinge ausgrenzt. Aber das ist die absolute Minderheit. Die Mehrheit von Menschen unterstützt, wenn auch nur mit fünf Euro.

DOMRADIO.DE: Wie geht es Hermon heute?

Mörtter: Zwiegespalten. Er ist in der Therapie, das ist genau das Richtige für ihn und tut ihm ungeheuer gut. Er lernt wieder Vertrauen; lernt, dass er getragen ist. Ich freue mich immer, wenn ich ihn sehe. Von unserer Gemeinde hat er zu Weihnachten ein tolles Fahrrad bekommen. Er hat über beide Backen gestrahlt.

Gleichzeitig hat er nachts Albträume. Er ist bis heute nicht in der Lage über das zu reden, was ihm in Libyen passierte. Das muss der absolute Wahnsinn gewesen sein. Ich hoffe, er kann es irgendwann erzählen. Wir brauchen seine Geschichte, die Geschichte von Entführten und dem, was sie erlebt haben, um lernen zu können. Das ist wie Mosaiksteinchen zu sammeln, um das System zu verstehen und eine Handhabe zu haben.

Interpol, die europäische Politik und auch die Bundeskanzlerin sind gefragt – wir sind alle gefragt.

DOMRADIO.DE: Braucht er weiterhin Hilfe?

Pfarrer Hans Mörtter: Ja, er braucht Freunde. Er braucht jemanden in seinem Alter, 16- und 17-jährige, die ihn mitnehmen und ihm etwas zeigen. Das fördert sein Deutsch, denn er ist ganz eifrig dabei, die Sprache zu lernen. Er bräuchte eine Art Patenschaft. Ebenso bräuchten Hermon und seine Mutter ein Zuhause, in dem sie sich wohlfühlen können. Die Unterkunft im Flüchtlingsheim ist eher miserabel und sie kommen dort nicht zur Ruhe. Sie bräuchten ein Zuhause, damit ihre Seelen endlich mal aufatmen können.

Das Gespräch führte Martin Mölder.

(DR)

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