Rettungsschiff Aquarius sucht wieder nach einem Hafen
Rettungsschiff Aquarius - Zukunft ungewiss

26.09.2018

Die "Aquarius" könnte unter Kirchenflagge fahren - theoretisch ​Letzte Rettung Vatikan?

Zu den Kuriositäten des Vatikan zählt ein Schifffahrtsregister: Eingeführt nach dem Weltkrieg, soll es dem Papst humanitäre Hilfe zur See ermöglichen. Genutzt wurde es noch nie.

Der "Aquarius" wird das Wasser unter dem Kiel knapp. Panama will dem Flüchtlings-Rettungsschiff der humanitären Organisationen "Ärzte ohne Grenzen" und "SOS Mediterranee" die Flagge entziehen, die es ihm erst im August zugestanden hatte. Findet die "Aquarius" keine neue Registrierung, wäre dies das Aus für das letzte verbliebene private Helferschiff im Mittelmeer.

Theoretisch liegt eine Lösung sozusagen in einer Schublade im Vatikan. Am 15. September 1951 erließ die Päpstliche Kommission für den Staat der Vatikanstadt ein "Dekret über die Seeschifffahrt unter der Flagge des Vatikanstaats". Es legt fest, dass das kleine Land des Papstes ein eigenes Schiffsregister führt, um ungehindert über die Weltmeere kreuzen zu können. Eingerichtet wurde es zu humanitären Zwecken. Genutzt wurde es nie.

Konsequenz aus Zweitenm Weltkrieg

Was wie eine spleenige Initiative von Papst Pius XII. (1939-1958) wirkt, war die Konsequenz einer bitteren Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Im Februar 1942 schlug der französische Marschall Philippe Petain vor, von Nordamerika aus unter der neutralen Flagge des Vatikan Hilfsgüter für notleidende Zivilisten nach Europa zu bringen. Die Flotte wollte Petain organisieren; allein der Plan scheiterte, weil der erst 1929 mit den Lateranverträgen gegründete Vatikanstaat kein Schiffsregister besaß.

Zwar hat das kleine Land des Papstes keinen Seehafen, nicht einmal einen Zugang zum Tiber. Aber die "Erklärung über die Anerkennung des Flaggenrechts der Staaten ohne Meeresküste" von Barcelona aus dem Jahr 1921 schuf Abhilfe. Das nutzte der Vatikan.

"Vatikan-Regelung wird attraktiver"

Nach dem Dekret von 1951 kann die Regierung des Vatikanstaats fremden Schiffen die gelb-weiße Flagge mit den gekreuzten Petrusschlüsseln zugestehen. Bug und Heck sind mit der Angabe des Heimathafens "Citta del Vaticano" zu kennzeichnen; als Besonderheit muss ein Schiffskaplan an Bord sein, der dem Rang nach direkt hinter dem Kapitän steht. So ein Schiff gilt rechtlich als Territorium des Vatikanstaats. Sicheres Land.

Die Organisation "Sea-Watch" zieht eine solche Lösung inzwischen ernsthafter in Betracht. Seit dem 2. Juli liegt ihr Schiff in Malta fest. Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer fürchtet, dass der Rückzug Panamas bei anderen Flaggenstaaten Schule macht. "Wenn konventionelle Registrierungen in Frage stehen, wird die Vatikan-Regelung attraktiver", meint Neugebauer.

"Wir brauchen eine konkrete Lösung"

Für die Betreiber der "Aquarius" indessen drängt die Zeit zu sehr für hypothetische Überlegungen. Der nächste Hafen, den das Schiff erreicht, dürfte der letzte sein. "Hier geht es um einen konkreten Fall, wir brauchen eine konkrete Lösung", sagt Mathilde Auvillain, Sprecherin von "SOS Mediterranee". Und: "Wenn der Vatikan tatsächlich diese Möglichkeit hat, wieso hat er sie nicht längst realisiert?"

In der Tat zeigt sich der Vatikan nicht erpicht, die christliche Seefahrt zur Rettung von Seelen aufleben zu lassen. Schon auf Fragen nach dem Dekret antwortet das päpstliche Regierungsamt widerstrebend. Denn Rettungsschiffe vatikanisch auszuflaggen, ist eine Sache. Eine andere, was mit den Geborgenen passieren soll.

Geduld und Rückhalt begrenzt

Italiens Innenminister Matteo Salvini nennt private Seenotretter gerne Gutmenschen und Kollaborateure der Schlepper. Schon zu Beginn der Flüchtlingskrise vor drei Jahren merkte er an, er habe "nicht den Eindruck, dass es Zeltstädte im Vatikan gibt". Wie er auf vatikanische Rettungsschiffe reagieren würde, lässt sich leicht raten: Ihr bringt die Leute her, also bringt sie auch unter.

Nach Angaben der Italienischen Bischofskonferenz nahmen katholische Einrichtungen allein bis Anfang 2017 rund 25.000 Migranten auf. Aber mehr als die Ressourcen sind Geduld und Rückhalt der eigenen Gläubigen begrenzt. Viele stehen hinter Salvini. Und dass der Vatikan Migranten, die er unter dem Schutz seiner Flagge retten ließ, einfach der Fürsorge der EU anvertraute, würde seine moralische Autorität wohl überstrapazieren.

Bislang beschränkt sich die Flotte des Papstes auf das metaphorische Schifflein Petri. Aber Franziskus ist ein Mann impulsiver Gesten. Er könnte im Mittelmeer Flagge zeigen. Theoretisch.

 

Burkhard Jürgen
(KNA)

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