Wie es in deutschen Flüchtlingseinrichtungen aussieht

Willkommenskultur hinter Stacheldraht?

Der Streit um die Asylpolitik hat die deutsche Regierung fast zerlegt. Nun ist man sich einig. Flüchtlinge sollen in Einrichtungen "gebündelt" und dort über ihren Verbleib entschieden werden. Doch wie nah ist das an der Realität dran?

Stacheldraht / © Jan Woitas (dpa)
Stacheldraht / © Jan Woitas ( dpa )

DOMRADIO.DE: Ein Teil des Kompromisses der Regierungsparteien CDU, CSU und SPD sind schnellere Asylverfahren und konsequentere Abschiebungen. Dafür soll es zentrale Einrichtungen geben, in denen das komplette Asylverfahren abgewickelt wird. Die Idee: Die Flüchtlinge sind dort untergebracht, alle notwendigen Behörden sind ebenfalls vor Ort und binnen weniger Tage wird dann entschieden, ob einem Einreisenden Asyl gewährt wird oder ob er wieder abgeschoben wird. Diejenigen, die Schutz bekommen, werden weitervermittelt. Die anderen bleiben da und warten auf ihre Abschiebung.

Am Stadtrand von Bamberg gibt es eine vergleichbare Einrichtung schon. Auf dem ehemaligen US-Gelände steht die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken, die dahingehend Modellcharakter hat. Dort engagieren Sie sich für Flüchtlinge. Beschreiben Sie uns die Einrichtung doch mal kurz. Wie sind die Menschen dort untergebracht?

Mirjam Elsel (Evangelische Pfarrerin in Bamberg und Koordinatorin für die Arbeit mit Flüchtlingen): In der Einrichtung leben zurzeit zwischen 1.300 und 1.500 Menschen. Diese kommen aus ungefähr vierzehn verschiedenen Nationen. Das ändert sich immer ein bisschen. Die leben dort in der Einrichtung miteinander. Die Wohnungen sind relativ eng belegt, auch wenn sich das in letzter Zeit ein kleines bisschen verbessert hat.

Es leben zwischen zehn und 20 Leuten in einer Wohnung mit einem Bad. Unterschiedliche Kulturen, Nationen, Traditionen und auch Religionen treffen da zusammen. Am meisten verbringen die Menschen dort ihre Zeit mit Warten. Man wartet hauptsächlich.

DOMRADIO.DE: Sie haben in einem Beitrag für die Kirchenzeitung geschrieben, dass viele Menschen dort gar nicht mehr schlafen können. Sie haben weiter von einer dramatischen Zunahme an psychischen Erkrankungen und sogar Selbstmordversuchen berichtet. Woran liegt das hauptsächlich?

Elsel: Zum einen liegt es daran, dass die Menschen durch Erlebnisse, die sie in ihrem Heimatland hatten und auch auf der Flucht erlebt haben, traumatisiert sind. Sie erfahren im Prinzip in dieser Art der Massenunterbringung eine permanente Re-Traumatisierung. Dadurch, nichts tun zu können, durch die angespannte Situation im Camp - wie es die Bewohnerinnen und Bewohner selber nennen - werden ständig Dinge wiedererlebt. Es ist eine hohe Polizeipräsenz da, Security ist da. Man muss viel anstehen. Es überträgt sich schon die allgemeine politische Tendenz, eher abzuschieben, sich eher abzuschotten und auch abzuschrecken auf die Einrichtung.

Die meisten erzählen, wenn sie länger dort sind, dass sie nachts fast gar nicht mehr schlafen. Auch nachts finden ja Abschiebungen in den frühen Morgenstunden statt. Keiner weiß eigentlich so genau, ob er oder sie vielleicht der oder die nächste ist. Das belastet die Menschen ungemein.

DOMRADIO.DE: Es ist ja so, dass Seehofer und Merkel immer wieder sagen, es handele sich nicht um Lager. Die Menschen sollen da auch nicht länger als 48 Stunden bleiben, weil alles andere auch dem Grundgesetz widerspreche. Sie sehen jetzt aber diese Erfahrung der Praxis.

Elsel: Das muss man, glaube ich, schon nochmal ein bisschen unterscheiden. Das, was an diesen Transitzentren geplant ist, ist etwas anderes als das, was wir hier in Bamberg haben. Hier in Bamberg sind die Leute wirklich während der ganzen Dauer ihres Asylverfahrens. Die Schutzbedürftigkeit eines Menschen zu prüfen, ist ein hochkomplexes Prozedere. Es geht immer darum, ob wir noch ein individuelles Asylverfahren und eine individuelle Prüfung dieser Schutzbedürftigkeit haben, und da sind 48 Stunden völlig unmöglich.

DOMRADIO.DE: Diese Idee, das in kürzester Zeit sozusagen gerecht abzuarbeiten, ist eigentlich gar nicht möglich in Ihren Augen, oder?

Elsel: Nein, das kann man nicht. Es ist ganz, ganz schwierig, das festzustellen. Das sehen wir auch jetzt immer wieder. Es ist immer noch so, dass in 40 Prozent der Fälle, in denen das BAMF einen negativen Bescheid ausgestellt hat und in denen dann geklagt wird, die Leute vom Verwaltungsgericht durchaus Recht bekommen und ihnen eine Schutzbedürftigkeit zugestanden wird.

Das heißt, es ist nicht einfach und da braucht es auch immer noch mal eine Möglichkeit Rechtsmittel einzulegen, damit die Leute auch zu ihrem Recht kommen. Und das dauert. Das dauert unter Umständen auch länger.

Hier in Bamberg merken wir das. Hier sind viele Leute weit über ein halbes Jahr im Camp, einige auch über ein Jahr, über eineinhalb Jahre. In dieser Zeit passiert keinerlei Integration. Im Gegenteil, wir schaffen uns Probleme, die die Leute dann nachher haben, wenn sie sich dann auch hier integrieren müssen.

DOMRADIO.DE: Was ist vor diesem Hintergrund Ihre Aufgabe vor Ort?

Elsel: Was wir hier vor Ort versuchen - vor allen Dingen mit einer ganz großartig aufgestellten Hilfsorganisation namens "Freund statt fremd" - ist, die Leute zu begleiten, ihnen Angebote zu machen, dass sie Deutsch lernen können und dass sie einfach auch beschäftigt sind.

Wir wollen aber auch mit einem Café eine Anlaufstelle sein, was es dort im Camp gibt, wo sie sich Beratung holen können und sich auf ihre Asylverfahren vorbereiten können - zusätzlich zu der Asyl-Sozialberatung, die es dort auch gibt.

DOMRADIO.DE: Was ist Ihre zentrale Kritik an diesen Plänen der Union, Anker- und Transitzentren einzuführen?

Elsel: Das Zentrale ist, dass im Prinzip individuelle Asylverfahren deutlich erschwert werden und die Leute eine Re-Traumatisierung erfahren und letztlich diese Zentren auf Abschiebung und Abschottung ausgerichtet sind. Darüber ist nicht das individuelle Recht auf Asyl durchzusetzen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.


Flüchtlinge in Europa / © Armin Weigel (dpa)
Flüchtlinge in Europa / © Armin Weigel ( dpa )
Quelle:
DR