Gebet auf dem Mittelmeer
Gerettet aus dem Mittelmeer

07.11.2017

Sant'Egidio-Mitglied zur Flüchtlingshilfe und zu humanitären Korridoren "Die Toten sind ein Skandal"

Mehr als 2.800 Menschen sind in diesem Jahr schon auf der Flucht über das Mittelmeer gestorben. Susanne Bühl von der Gemeinschaft Sant'Egidio berichtet im domradio.de-Interview über das Modell der humanitären Korridore.

domradio.de: Hat sich der Schwerpunkt in der Flüchtlingshilfe in den vergangenen Jahren verlagert?

Susanne Bühl (Gemeinschaft Sant'Egidio, Deutschland): Ja. Ich denke, dass die vergangenen Jahre eine große Herausforderung in der kirchlichen Flüchtlingsarbeit waren. Im Jahr 2015, als so viele Flüchtlinge kamen, haben sich ganz viele Menschen spontan entschieden, Flüchtlingen zu helfen. Sie haben sich dann zum Teil aus Gemeinden heraus engagiert. Zum Teil haben sie sich aber auch – das finde ich das Spannende – in Kirchengemeinden neu gefunden. Ich denke, dass die Kirche hier viel zu sagen hat. Weshalb wir als Christen Flüchtlinge aufnehmen und was der Fremde für uns bedeutet, basiert auf der prophetischen Aufgabe.

Ich denke, dass mindestens 100.000 in beiden Kirchen (katholisch & evangelisch, Anm.d.Red.) sich neu engagiert haben. Das ist schon eine beträchtliche Zahl und das verändert auch das Alltagsleben von uns Christen. Man kennt jetzt plötzlich Menschen, die aus Ländern zu uns gekommen sind, in denen Bürgerkrieg herrscht. Man ist mit denen verbunden. Man lernt deren Probleme kennen, sich zu integrieren und sich zurechtzufinden. Man hat vielleicht zum ersten Mal mit dem Asylverfahren zu tun. Was ich so mitbekommen habe, tun das viele, viele Christen in ganz Deutschland sehr gerne und auch sehr kontinuierlich. Viele haben da auch eine neue Möglichkeit entdeckt, sich für arme Menschen einzusetzen, sich auch weltweit mehr zu interessieren.

Ich glaube, dass das auch unser kirchliches Leben verändert hat, weil wir mehr verstanden haben, dass wir uns auch zu Anwälten der Menschen machen können und dass wir selber sehr viel zur Integration beitragen können. Ich denke, das ist eine sehr spannende Entwicklung, die uns als Kirche auch verändert. Sie hilft uns auch, ein bisschen über den Tellerrand hinauszuschauen und vielleicht zu sehen, wo kann ich persönlich, in meiner Freizeit, sinnvoll anderen helfen. Ich glaube es geht nämlich nicht nur mit Hauptamtlichen, diese Menschen bei uns aufzunehmen. Die brauchen Nachbarschaft, Freundschaft, Beziehung. Hier haben wir viele neue Aufgaben. Ich glaube, dass es den Menschen auch sehr gut tut, sich dort zu engagieren.

domradio.de: Ist die Kirche bei der Flüchtlingshilfe auf einem guten Weg?

Bühl: Ich denke, dass die Kirche auf einem guten Weg ist und, dass alle Beteiligten gut zusammenwirken, sei es Haupt- oder Ehrenamtliche. Auf dem Flüchtlingsgipfel (06.11.2017 in Köln) sind die Hauptamtlichen, glaube ich, in der Mehrzahl, aber es ist auch ganz wichtig, dass wir eine Struktur, Beratung und Begleitung schaffen. Ich finde auch das Thema Seelsorge sehr spannend. Man will ja beide Seiten betrachten. Auf der einen Seite die Gemeinden: Wie kann ich die seelsorgerisch begleiten, damit der Einzelne auch versteht, warum die Kirche gastfreundlich und offen für Flüchtlinge ist und Hilfe organisiert. Auch für Verständnis werben und Ängste abbauen, sind hier seelsorgerische Aufgaben.

Auf der anderen Seite müssen wir auch über die Flüchtlinge selber sprechen. Die Christen, die zu uns kommen, werden Mitglieder in unseren Gemeinden, anderen Gruppierungen oder auch geistlichen Gemeinschaften, wie Sant'Egidio. Auch hier muss man darüber nachdenken, was Seelsorge für diese Menschen im Blick haben sollte.

domradio.de: Sant'Egidio setzt sich für humanitäre Korridore ein, die legale Fluchtwege nach Europa schaffen. Warum ist Ihnen dieses Werkzeug in der Flüchtlingshilfe so wichtig?

Bühl: Die Gemeinschaft Sant'Egidio hat vor einigen Jahren in Italien angefangen darüber nachzudenken, wie man denn vermeiden kann, dass so viele Flüchtlinge auf der Flucht sterben. Die Zahlen sind ganz dramatisch. Es sterben viele im Mittelmeer. Die Bilder kennen wir alle. Spätestens seit der Papst in Lampedusa so eindringlich gesprochen hat, glaube ich, dass es für uns ein großes Thema ist. Diese Toten sind ein Skandal und man muss darüber nachdenken, wie man das verändern kann. So hat Sant'Egidio sich überlegt, was können wir als Modellprojekt vorschlagen.

Wir haben dann gesehen, dass es im Europarecht die Möglichkeit gibt, die sogenannten "humanitären Visa" zu erteilen. Die europäischen Staaten könnten also – ohne ihre Gesetze zu ändern – entscheiden, ein bestimmtes Kontingent von Menschen mit Hilfe dieser Visa einreisen zu lassen. Die italienische Regierung hat dem Vorschlag von Sant'Egidio zugestimmt und hat zunächst einmal mir der Waldenser-Kirche in Italien und jetzt auch mit der katholischen Bischofskonferenz in Italien zusammengearbeitet hat.

Da hat man als Projekt, zunächst einmal 1.000 syrische Flüchtlinge aus dem Libanon und jetzt auch 500 Flüchtlinge aus Äthiopien, die aus Eritrea und Somalia geflüchtet sind, einreisen lassen. Da braucht man natürlich große Solidarität von Seiten der Kirchen - das ist auch eine finanzielle Herausforderung. Das ist aber auch für den italienischen Staat interessant, denn die Kirchen, die sich für das Projekt zusammentun, finanzieren die Reise und die Unterbringung der Flüchtlinge. Der italienische Staat stellt die Strukturen bereit, die er immer für Flüchtlinge bereitstellt, hat dann aber auch die Sicherheit, dass diese Leute, die durch die humanitären Korridore kommen, gut integriert werden.

Das gehört nämlich auch zu dem Projekt. Auf der einen Seite geht es darum, Geld zu geben, auf der anderen Seite wird mit Gruppen vor Ort für die Integration der Flüchtlinge gesorgt. Die Flüchtlinge werden in kleine Gruppen auf verschiedene Orte verteilt. Dann guckt zum Beispiel die Pfarrgemeinde vor Ort, wie man den Menschen begleiten kann. Das soll ein Modellprojekt sein, dass auch der Politik helfen soll, darüber nachzudenken, wie man auch im größeren Rahmen Menschen legal zu uns einreisen lässt, die schutzbedürftig sind. Die Menschen, die über die humanitären Korridore kommen, sind immer Menschen aus Bürgerkriegsländern.

Das Interview führte Jann-Jakob Loos.

(DR)

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