20.10.2017

Caritas spricht sich für Familiennachzug aus "Das können wir locker schaffen"

Bei den Sondierungen für eine neue Bundesregierung ist der Familiennachzug für Flüchtlinge eine große Streitfrage. Irene Porsch von der Caritas verdeutlicht im Interview, warum die Familie für die Integration in Deutschland so wichtig ist.

domradio.de: Im Moment ist es so geregelt, dass der Familiennachzug für Flüchtlinge mit subsidiären Schutz ausgesetzt ist. Was bedeutet das für die Familien - und für die Flüchtling, die hier in Deutschland sind?

Irene Porsch (Flüchtlingsbeauftrage der Caritas im Erzbistum Köln): Das heißt, ganz viele Frauen und Kinder aber auch sonstige Familienangehörige befinden sich weiterhin in Flüchtlingslagern, befinden sich weiterhin in unsicheren Situation in ihren Nachbarländern und hoffen und warten darauf, irgendwann zu ihren Partnern nach Deutschland kommen zu können. 

Für die Flüchtlinge in Deutschland ist es eine ganz schwierige Situation: Sie spüren die Angst und die Verzweiflung ihrer Angehörigen täglich und haben selbst auch Angst und sind verzweifelt. Auf der anderen Seite sollen sie ihre Kraft und Energie in die Integration stecken. Sie sollen Sprachkurse machen, sich beruflich orientieren. Aber sie sind täglich - soweit es geht - mit ihren direkten Angehörigen in Kontakt.

Es gibt Väter, die ihre Kinder noch nie gesehen haben, weil sie nach der Flucht auf die Welt gekommen sind. Und natürlich wollen sie immer wissen, was sie für ihre Familie tun können, ob sie ihr beispielsweise Geld schicken können. Es raubt ihnen jegliche Kraft für die Integration. Das wird auch noch eine ganze Weile so weitergehen. Es gibt auch Geflüchtete, deren Familienangehörige ums Leben gekommen sind - entweder, weil sie nicht in Sicherheit waren oder weil sie bei dem gefährlichen Weg übers Mittelmeer ums Leben gekommen sind. Solche Fälle gibt es in den Beratungsstellen der Caritas und in den Gemeinden.

domradio.de: In der Politik und in der öffentlichen Diskussion gibt es dieses Argument: Man muss den Familiennachzug beschränken, weil sonst viel zu viele Familienangehörige hierher kommen. Ist das richtig?

Porsch: Es gibt aktuelle Zahlen, die genau das Gegenteil beweisen. Wir haben circa 400.000 anerkannte Flüchtlinge in Deutschland und weitere 200.000 mit subsidiärem Schutzstatus. Das sind also 600.000 Menschen. Bisher hat man gedacht: Wenn wir 600.000 Ehefrauen dazu nehmen und die Kinder, wie soll Deutschland die Integration dann schaffen? 

Von den 600.000 haben aber nur circa 170.000 überhaupt Ehepartner oder minderjährige Kinder, die nachziehen könnten. Wir haben also eine Zahl von potenziell nachziehenden Familienangehörigen, die unter 200.000 liegt. Und ich glaube, das können wir locker schaffen, diesen Menschen hier Flucht und Asyl zu gewähren.

domradio.de: Die Geflüchteten, die schon hier in Deutschland sind, könnten sich dann auch besser integrieren - weil sie sich nicht mehr so sorgen müssten...

Porsch: Genau das. Es ist eine Chance für unsere Bundesregierung, das Leben tausender Menschen zu retten und die Integration anerkannter Flüchtlinge massiv voranzutreiben, sie dabei aktiv zu unterstützen. Und ich finde, das stünde unserer Bundesregierung gerade in Abgrenzung zur AfD gut zu Gesicht. 

domradio.de. Wenn Sie bei Ihrer Arbeit Menschen bei sich haben, die Ihnen von ihren Familien in der Ferne erzählen: Wie können Sie diesen Geflüchteten helfen?

Porsch: Da gibt es keine direkte Hilfe. Da gibt es nur die Möglichkeit, in dem Moment für diese Menschen da zu sein, ihren Geschichten zuzuhören und sich ihnen zuzuwenden. Das machen die Beratungsdienste der Caritas natürlich. Aber das passiert ganz viel über die zahllosen Ehrenamtlichen der Aktion "Neue Nachbarn" hier im Erzbistum. Politisch setzen sich sowohl Kardinal Woelki als auch die Caritas schon lange für den Familiennachzug ein.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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