Diskussion über Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen
Diskussion über Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen
Jenifer Stolz, Unicef
Jenifer Stolz, Unicef

18.05.2017

Immer mehr Minderjährige ohne Eltern auf der Flucht "Schützt die Kinder"

Das Kinderhilfswerk Unicef registriert mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Sie müssten besser vor den Gefahren der Flucht geschützt werden, erklärt Jenifer Stolz im domradio.de-Interview.

domradio.de: Es sind zur Zeit fünf Mal so viele Kinder auf der Flucht wie im Jahr 2010. Wie bewerten Sie diese Zahlen?

Jenifer Stolz (Unicef): Die Zahlen sind wirklich erschreckend. Vor allem, wenn wir uns anschauen, wie viele Kinder weltweit tatsächlich auf der Flucht sind – im Jahr 2015 waren das zehn Millionen Kinder.

domradio.de: Wenn wir das mal vergleichen, das sind zehn Mal die Einwohner Kölns. Warum nehmen so viele Kinder eine Flucht auf sich?

Stolz: Die Gründe sind sehr vielfältig. Zum einen fliehen sie natürlich vor Krieg und Verfolgung, so wie im Syrienkrieg, der sehr viele Kinder zusammen mit ihren Eltern, aber auch alleine aus der Heimat getrieben hat. Gerade bei Kindern spielt die Angst vor Zwangsrekrutierung und vor früher Verheiratung eine große Rolle. Aber auch Armut in ihren Heimatländern veranlasst Kinder, das Land zu verlassen.

Es sind aber auch Naturkatastrophen, die Folgen des Klimawandels und natürlich auch vor allem Hunger, die Kinder und Jugendliche dazu treiben, die gefährliche Reise in eine vermeintlich bessere Zukunft anzutreten.

domradio.de: Gibt es da ein Beispiel?

Stolz: Wir sehen das jetzt gerade ganz aktuell bei der Hungerkrise in Afrika. Sie führt dazu, dass wir wieder vermehrt Kinder und Jugendliche auf der Flucht sehen.      

domradio.de: Sie sprechen in Ihrem Bericht von 80 betroffenen Ländern. Syrien und afrikanische Staaten haben Sie jetzt schon genannt. Sind es also die klassischen Brandherde, wo Kinder auf der Flucht sind?

Stolz: Tatsächlich haben wir es mit einem weltweiten Phänomen zu tun. Menschen fliehen und migrieren auf auf allen Kontinenten. Es gibt aber drei große Fluchtrouten. Das sind zum einen die Migration von Mittel- und Südamerika in die USA und die Migration von Afrika nach Europa. Aber auch innerhalb Asiens wandern sehr viele. Dazu kommen aber noch ganz viele Kinder und Jugendliche, die mit ihren Eltern innerhalb eines Landes vertrieben werden. Eines kann man ganz klar sagen: Die immer noch gefährlichste Migrations- und Fluchtroute der Welt ist die zentrale Mittelmeerroute, also der Weg von Afrika nach Italien.

domradio.de: Welchen Gefahren sind speziell Kinder unterwegs ausgesetzt?

Stolz: Für die Kinder ist die Situation besonders schwierig, weil die Wege für legale Flucht und Migration tatsächlich zunehmend verschlossen sind. Kinder und Jugendliche – egal ob mit ihren Eltern oder alleine – wenden sich daher verstärkt an Schleuser, um Landesgrenzen zu überwinden. Damit begeben sie sich in eine sehr gefährliche Situation. Sie werden oftmals missbraucht und ausgebeutet. Sie erleben häufig Gewalt und Vergewaltigung. Wir haben im Rahmen des Berichts von vielen Kindern auch gehört, dass sie von ihren Schleusern erpresst werden. Die Menschenschlepper zwingen die Kinder dazu, das Geld für die Flucht etwa in Form von Prostitution zu bezahlen. Oder sie drängen Kinder in Kinderarbeit, um ihre Schulden zu bezahlen.    

domradio.de: Vor dem G-7-Gipfel nächste Woche in Italien haben Sie in einem Sechs-Punkte-Plan konkrete Forderungen an die Staats- und Regierungschefs formuliert. Was für Forderungen sind das?

Stolz: Zunächst einmal fordern wir von den Staats- und Regierungschefs, dass sie das Thema Flucht und Migration tatsächlich auch auf die Tagesordnung des Gipfels setzen und dass sie ihrer internationalen Verantwortung nachkommen, um Kinder und Jugendliche auf der Flucht besser zu schützen. Für uns ist dabei ganz wichtig, dass sie vor allem vor Ausbeutung und Gewalt geschützt werden.

domradio.de: Wie genau soll das passieren?

Stolz: Der Kampf gegen Menschenhandel muss weltweit verstärkt werden. Außerdem ist für uns ganz zentral, dass Kinder nicht in Heimatländer zurückgeführt werden, wenn ihnen dort Verfolgung oder gar der Tod droht. Ein weiterer Punkt, den wir mit aufgenommen haben, ist, dass Kinder nicht inhaftiert werden dürfen. Denn während der Haft erleiden sie oftmals physische und psychische Traumata, die sie manchmal wirklich ein ganzes Leben lang begleiten. Zudem soll eine Familie nach Möglichkeit zusammen bleiben. Kinder dürfen erst gar nicht von ihrer Familie getrennt werden.

domradio.de: Passiert das denn?

Stolz: Häufig schon an Landesgrenzen. Es muss mehr getan werden, damit die Kinder dort eben nicht von ihren Eltern getrennt werden. Da muss wirklich weltweit mehr investiert werden, um solche Situationen zu vermeiden.      

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(dr)

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