Räumung des Flüchtlingslagers in Calais
Räumung des Flüchtlingslagers in Calais

24.10.2016

Räumung des Flüchtlingslagers von Calais Aus einer Not in die nächste

In Frankreich wird der sogenannte "Dschungel" von Calais geräumt - bislang recht friedlich. Die Flüchtlingshelferin Daniela Neuendorf war mehrfach in dem Flüchtlingslager und berichtet über die Verzweiflung der Menschen vor Ort.

domradio.de: Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht, wie muss man sich die Situation vor der Räumung vorstellen?

Daniela Neuendorf (Vorsitzende des Vereins Refugees Foundation): Der Dschungel ist ein sogenanntes "makeshift Camp". Das bedeutet, es ist ein illegal entstandener "Slum". Dort gibt es Strukturen, die sich die Flüchtlinge selbst ein bisschen eingerichtet haben. Es gibt Wohnbebauungen, es gibt kleinere Shops, in denen sie sich versorgen können. Als wir im Juli da waren, lebten dort ungefähr 8.000 Menschen, und jetzt ist die Population auf über 10 000 angeschwollen. Das heißt, über 10.000 Menschen sind aktuell in Calais und warten auf eine Gelegenheit, nach England zu kommen.

domradio.de: Und wie können und konnten Sie den Menschen mit Ihrem Verein helfen?

Neuendorf: Im Wesentlichen haben wir Spenden runtergebracht. Da es sich bei den 10.000 um rund 8.500 junge Männer handelt, haben wir da sehr viel Herrenkleidung mitgebracht und natürlich Lebensmittel.

domradio.de: Wie ist die Situation der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen?

Neuendorf:  Das ist in der Tat ein sehr, sehr großes Problem. Die Population in Calais ist massiv angeschwollen - durch die Flüchtlingsbewegungen auf dem Balkan und mittlerweile auch über Libyen und Italien. Wir haben aktuell laut Zählungen in Calais rund 950 unbegleitete Minderjährige und davon sind 850 unter 14 Jahre alt.

domradio.de: Jetzt wird das Lager geräumt. Sie selbst haben gesagt, die Verhältnisse dort waren nicht gut. Können Sie nachvollziehen, dass die französische Regierung sagt, dass sie so ein " unkontrolliertes Lager" nicht mehr tolerieren will?

Neuendorf: Genau genommen kann das keiner der Helfer, auch die Helfergruppen vor Ort, verstehen, dass dieses Camp überhaupt notwendig ist. Das ist entstanden, weil früher die Möglichkeit gegeben war, dort um Asyl für Großbritannien zu bitten und man während des Asylverfahrens ja irgendwo bleiben musste. Dann hat irgendwann die britische Regierung das Asyl-Büro geschlossen und daraufhin haben sich die Menschen in diesem Lager nach und nach angesiedelt und warten auf illegale Möglichkeiten, nach Großbritannien zu kommen.

Die Umstände, die da gegeben sind, sind völlig menschenunwürdig und keinen der Helfer wundert es, dass dieser "Dschungel" endlich geräumt wird

domradio.de: Kritik gibt es auch an der Art der Räumung. Kritisieren Sie in dem Zusammenhang auch die Medienberichterstattung?

Neuendorf: Das Problem mit der Medienberichterstattung ist, dass es selten Medien gibt, die völlig unabhängig berichten. Natürlich findet dieses Thema in Großbritannien immense Beachtung. Großbritannien hat durch die Brexit-Bewegung einen Rechtsruck erlitten. Es gibt sehr viele Menschen, die Angst vor Migranten und vor Menschen haben, die sie nicht kennen und die sie nicht einschätzen können. Und wenn man sich die Boulevardblätter anguckt, dann berichten diese sehr rechtslastig und sehr bösartig.

Ein Beispiel: Gestern gab es tatsächlich eine Auseinandersetzung, bei der Menschen, die hier im Lager leben, aus Verzweiflung gewalttätig geworden sind. Das sind vielleicht 20 Leute gewesen - von über 10.000! Was wir in den Medien sehen - selbst in unserer Tagesschau - waren nur diese wenigen Menschen, die die Steine geschmissen haben.

domradio.de: Fest steht, dass die Flüchtlinge alle nach Großbritannien wollen, weil sie dort Verwandte und Freunde haben. Glauben Sie, dass sie sich von der Räumung abhalten lassen?

Neuendorf: Nein. Wenn man sich anschaut, wo die Menschen herkommen, weiß, dass sie sich nicht abhalten lassen. Heute sind das ja nicht mehr nur die Menschen aus Syrien oder aus Afghanistan, die auf der Flucht sind. Wir haben jetzt großteilig eine afrikanische Bevölkerung, die aus dem Sudan oder aus den schwarzafrikanischen Ländern kommt. Die sprechen auch als einzige Fremdsprache Englisch, also kein Französisch und die wollen nach England. Die haben also nur dieses eine Ziel. Wenn man sich mit denen unterhält, hört man nur eine Aussage: "Wir sehen nicht die Tausende die jeden Monat ertrinken, wir sehen die drei, die es schaffen und ihre Familien dann in Afrika versorgen können."

domradio.de: Gäbe es denn Ihrer Meinung nach eine Alternative zu dieser Räumung?

Neuendorf: Das ist eine Frage, die man nicht mit Ja oder Nein beantworten kann. Man hätte das anders lösen können, indem man die Menschen schon damals gedrängt hätte, Asyl zu beantragen. Es war unheimlich schwer für die Menschen in Frankreich, Asyl zu beantragen. Das geht jetzt auf einmal glücklicherweise - nun aber mit sehr viel Gewalt.

Wir haben im Moment die Situation, dass die Menschen sich anstellen müssen. Sie stehen in verschiedenen Schlangen - entsprechend ihrer sozialen Zusammengehörigkeit, ob Familie, Kind oder Behinderter. Nachdem sie heute Morgen 100 Kinder registriert haben, haben sie die Schlange zu gemacht und gesagt, ihr müsst morgen wiederkommen.

Unbegleitete Minderjährige, die Verwandtschaft in Großbritannien haben, dürfen seit dem letzten Jahr offiziell ins Land. Aber bis auf 40 Kinder, die das geschafft haben, ist bis heute nichts mehr passiert. Die Kinder sind da völlig schutzlos ausgeliefert.

Das Interview führte Heike Sicconi.

(DR)

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