Deutschkurs für Flüchtlinge
Deutschkurs für Flüchtlinge

10.07.2016

Flüchtlingsprojekte unter die Lupe genommen Wie Kontakt die Vorurteile aufbrechen kann

Wie sich an Schulen Vorurteile durch Gespräche mit Flüchtlingskindern veränderten, erzählt Armin Himmelrath im domradio.de-Interview. Er hat ein Buch über die Zuwanderung von Kindern nach Deutschland geschrieben. Teil 2 des domradio.de - Interviews.

domradio.de: Was passiert, wenn Jugendliche mit rechten Vorurteilen auf Jugendliche zum Beispiel aus Syrien oder Afghanistan treffen? Genau bei einem solchen Projekt mit einer Schule in Berlin war Armin Himmelrath dabei. Was genau war da los?

Armin Himmelrath (Publizist und Journalist): Es gibt in Berlin einen Verein von Oberstufenschülern, die haben sich gegründet, weil sie gesagt haben: Das kann doch eigentlich nicht sein, dass in der Nachbarschaft unserer Schule ein Flüchtlingslager ist und wir keinen Kontakt haben. Dann sind sie erst mal auf sie zugegangen.

domradio.de: Wie war das für die Jugendlichen?

Himmelrath: Sie haben festgestellt: Okay, es geht häufig nur darum miteinander zu reden. Diese Menschen brauchen jetzt gar nicht unbedingt Kleidung oder ähnliches. Hilfe bedeutet: häufig einfach da zu sein. Und dann haben sie gedacht, wir können das eigentlich ein bisschen ausweiten und nehmen diese neuen Flüchtlinge, die wir jetzt kennengelernt haben, mit in andere Schulen.

domradio.de: Wo sind sie dann hingegangen?

Himmelrath: Zum Beispiel nach Berlin in die Nähe von Marzahn, ein eher schwieriger Stadtteil im Ostteil der Stadt.

domradio.de: Schwieriger Stadtteil: Marzahn ist bekannt für Plattenbauten, Arbeitslosigkeit und die Wortschöpfung "sozialer Brennpunkt". Wie war das dort an der Schule?

Himmelrath: Es war ganz interessant. Es gab sehr starke Vorbehalte, bis hin zu Vorurteilen bei den Schülern dieser Schule. Und das obwohl sie in ihrer Schule keine Flüchtlinge und keinen Kontakt zu ihnen hatten. Und dann haben die Schüler aus dem Verein dort zwei junge Männer Anfang und Mitte 20 mit hingenommen. Beide erzählten von ihrer Flucht, da merkte man wie die Vorbehalte aufbrachen.

domradio.de:  Wie kam es denn dazu?

Himmelrath: Sie kamen ins Gespräch. Sie stellten Fragen, wie: Wo seid ihr losgefahren? Was habt ihr zu Essen gehabt? Habt ihr einen Plan gehabt, wo ihr hinwollt? Wen habt ihr unterwegs getroffen? Und dann kam dann raus, diese Menschen haben Angehörige verloren, wurden bei der Flucht getrennt, und wissen bis heute nicht, wo die sind. Plötzlich hat für diese Schüler dieser Begriff "Flucht" ein Gesicht bekommen. Sie schauten dann ganz anders darauf.

domradio.de: Also eigentlich dieses alte Augenzeugenprinzip?

Himmelrath: Genau. Zusätzlich hatten sie noch eine Projektwoche an dieser Schule. Die Lehrerinnen hatten Berlinerinnen dazu geholt, die 1945, 1950 geflohen waren. Sie erzählten, wie sie nach Berlin gekommen sind. Und da wurde plötzlich sehr greifbar, dass Flucht und Völkerbewegungen und das Herumziehen und das Suchen nach einer besseren Lebensmöglichkeit und einer besseren Zukunft, dass das die Menschen natürlich immer schon bewegt hat. Und die Schüler sahen das, glaube ich, plötzlich mit ganz anderen Augen.

domradio.de: Ein anderes Thema, um das es auch in Ihrem Buch geht, sind Kriegstraumata. Da tut sich zum Beispiel bei Ihnen im Buch eine Lehrerin ziemlich schwer damit und denkt, sie darf das jetzt gar nicht ansprechen, um dieses arme Kind nicht immer noch weiter zu traumatisieren.

Himmelrath: Ja, das ist ein Punkt, der viele Lehrerinnen und Lehrer beschäftigt, wenn sie mit Flüchtlingen zu tun haben. Weil das etwas ist, mit dem man erst mal nicht im Lehramtsstudium zu tun hatte. Und dann weiß man folglich auch nicht, wie man damit umgehen soll. Es ist ganz interessant, es gibt einige Bundesländer, die mittlerweile Fortbildungen in diese Richtungen anbieten.

domradio.de:  Wie muss man mit den Kindern denn umgehen?

Himmelrath: Also, wenn da ein Kind traumatisiert ist, schlimme Dinge erlebt hat, das muss raus. Das muss erzählt werden, das muss gemalt werden, das muss auch geweint werden. Lehrer sind da häufig überfordert. Aber eigentlich ist es genau der richtige Weg: Lassen Sie die Kinder weinen, lassen Sie sie malen und zwar so oft wie möglich.

domradio.de: Wie lange muss man sie die Bilder malen lassen?

Himmelrath: Das Wichtige ist, irgendwann an einen Punkt zu kommen, an dem Lehrer dann steuernd eingreifen können. So, dass dann vielleicht beim fünften, achten, oder zehnten Bild eben dann doch auch das Land steht, in dem sie jetzt in Sicherheit sind und nicht mehr die Gewalttaten oder das Leid. Und dann, sagen auch Psychologen und Pädagogen, ist das wirklich ein guter Weg, um mit einem Trauma umzugehen. Gerade Kinder sind da sehr sehr gut in der Lage, so etwas irgendwann auch wegzupacken. Man muss ihnen nur die Zeit dafür geben. 

domradio.de: Das ist ja ein sehr konkretes Ergebnis, was Sie da rausgekriegt haben. Ich nehme an, Sie haben fast ein halbes Jahr für Ihr Buch recherchiert. Sie waren in der ganzen Bundesrepublik unterwegs. Gibt es noch andere Konsequenzen für die deutsche Bildungspolitik? 

Himmelrath: Genau, es sind sozusagen zwei Ebenen, die uns wichtig sind. Einmal die Bevölkerungsebene: Ein Drittel der Flüchtlingskindern ist nach Schätzungen schulpflichtig. Die sind bereits in den Klassen und die Lehrerinnen und Lehrer geben unheimlich viel. Sie lernen mit denen bereits und entwickeln Ideen. Das ist das Tolle. Also man kann Schule auch von unten verändern, man muss nicht auf den Befehl des Ministeriums warten, von oben.

domradio.de: Von oben, also die Regierung. Sind die denn dann raus?

Himmelrath: Diese Lehrer, die dort arbeiten, die arbeiten natürlich, das muss man auch sagen, im Moment vielleicht mit 110 oder 120 Prozent ihrer Kraft. Das geht nicht ewig so gut. Die brauchen irgendwann Unterstützung und das ist tatsächlich die Forderung an die Bildungspolitik. Wir müssen einfach deutlich mehr Personal in die Schulen bringen, die sich auch um diese zusätzlichen Schülerinnen und Schüler kümmern.

domradio.de: Nordrhein-Westfalen zum Beispiel leidet ja unter akutem Lehrermangel….

Himmelrath: Das können auch Psychologen sein, das können Schulsozialarbeiter sein. Im Grunde ein ganzes Netzwerk, damit Schule einfach mehr anbieten kann, als nur reinen Unterricht. Und da ist auch relativ klar und das versuchen wir in dem Buch auch zu zeigen: Jeder Euro, den wir heute investieren, wird sich irgendwann für die Volkswirtschaft rentieren; ein Mehrfaches wird davon zurückgegeben. Was jetzt an Bildung reingesteckt wird, kommt zurück. Jeder Euro, den wir nicht investieren, den werden wir mit einem Mehrfachen dann in zehn oder 15 oder 20 Jahren bezahlen müssen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(dr)

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