Benjamin Marx
Benjamin Marx

10.02.2016

Benjamin Marx zur Flüchtlingsunterbringung an Sankt Pantaleon "Das 'Wir' betonen"

Wohnraum schaffen für Flüchtlinge - ein Beispiel dafür entsteht gerade an Sankt Pantaleon in Köln. Benjamin Marx von der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft betreut das Projekt und engagiert sich seit Jahren auch ehrenamtlich.

domradio.de: Man stellt sich ja immer die Frage nach der Motivation. Oft sagen Menschen: "Ich tue das aus christlicher Nächstenliebe" oder: "Ich habe die Not gesehen, ich musste handeln." Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, warum Sie helfen, als Person?

Benjamin Marx (Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft): Mich leitet besonders das, was Paul VI. mal zu den Minenarbeitern in Bogota gesagt hat, als er ihnen begegnet ist: "Ihr seid Christus für mich." Wenn man die Bibel und die Nachfolge ernst nimmt, dann gibt es eben die Realpräsenz im Nächsten und die Realpräsenz im Ärmsten der Armen. Wenn wir das Christsein ernst nehmen, sind wir verpflichtet, dieser Nachfolge nachzukommen.

domradio.de: Schauen wir auf Ihr berufliches Engagement hier in Köln. Das ehemalige Seniorenwohnheim an Sankt Pantaleon soll in ein Familienzentrum mit 32 Wohnungen für bis zu 100 Bewohnern umgestaltet werden und die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft ist da federführend. Wie weit sind aktuell die Baumaßnahmen?

Marx: Das Projekt im Seniorenwohnheim an Sankt Pantaleon ist aufgrund einer Initiative des Erzbistums Köln entstanden. Das Bistum hat sich da sehr stark engagiert. Die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft ist betraut mit dem Umbau der Wohnungen. Wir machen aus den ehemaligen Zimmern der Bewohner Wohnungen. Dafür greifen wir auf den Wohnungstyp zurück, den das Bauhaus mal kreiert hat und den es auch in den 50er Jahren gegeben hat: Wohnküche statt Wohnzimmer. So dass Menschen - und in dem Fall sind es ausschießlich christliche Flüchtlinge, die hier einziehen werden - sehr schnell eine eigene, abgeschlossene Wohnung haben. Also der alte Spruch "Eigener Herd ist Goldes Wert" gilt auch heute noch. Es geht darum, dass die Flüchtlinge sehr schnell lernen, wie dieses Land funktioniert, weil ich davon ausgehe, dass christliche Flüchtlinge auch nicht mehr in diese Länder zurückgehen können. Denn die politische Situation wird sich da nicht so verbessern. Diese Menschen müssen dann hier in unserem Land so schnell wie möglich ankommen, damit sie keine verlorene Zeit haben. Mir hat mal eine Ärztin in Berlin gesagt, die aus Aleppo geflohen ist: "Wir sterben bei euch den sozialen Tod, weil wir einfach auf Null zurückgeworfen werden." Und das soll eben in diesem Projekt in Sankt Pantaleon anders sein. Es soll ein Weg gefunden werden - da wird auch die Kirchengemeinde stark mithelfen können - dass diese Menschen da wieder anknüpfen können, wo sie zu Hause loslassen mussten. 

domradio.de: Es gab ja immer wieder Diskussionen darum, ob man gezielt christliche Flüchtlinge von anderen trennen soll, um mögliche Übergriffe zu verhindern. Haben Sie Kritik an ihrem Projekt erfahren, weil dort ausschließlich Christen untergebracht werden sollen?

Marx: Einfach nur unterschwellig. Es wurden zwar Fragen gestellt, aber man kann seine Antworten ja begründen. Ich stelle dann immer die Gegenfrage, warum man sich rechtfertigen muss, dass Christen was für Christen tun. In diesen Ländern im Irak und in Syrien gibt es christliche Viertel in den Städten, es gibt islamische Viertel. In Syrien gibt es noch Drusengebiete, Alawiten-Gebiete, Regionen, wo nur Sunniten oder nur Schiiten leben. Die Menschen leben als auch in ihren Herkunftsländern relativ getrennt. Sie sind nicht so durchmischt, wie man sich das vielleicht bei uns vorstellt und wie wir glauben, sie in eine Durchmischung zwingen zu müssen.

domradio.de: Kardinal Woelki engagiert sich seit seiner Zeit als Erzbischof von Berlin für Flüchtlinge. Wie wichtig ist es denn, dass das aktuelle Projekt, das Sie gerade betreuen, diese Bemühungen für einen Willkommenskultur unterstützt?

Marx: Es soll einfach zeigen, dass es geht. "Trocken, satt und warm" ist einfach zu wenig. Wir müssen die Menschen da abholen, wo sie stehen. Vor allen Dingen müssen wir den Flüchtlingen auf Augenhöhe begegnen. Dann können wir auch sagen: Das geben wir und das erwarten wir.

domradio.de: Da ist ja immer die große Debatte darum: Wie kann man die Menschen gut integrieren? Wie ist das nach ihrer Beobachtung: Gelingt das im Moment in Deutschland, dass man versucht, möglichst viele Flüchtlinge an das Leben hier bei uns zu gewöhnen oder ist das eine so große Mammutaufgabe, dass wir da noch sehr viel vor uns haben?

Marx: Es ist eine große Aufgabe und die Kanzlerin hat ja gesagt: "Wir schaffen das." Den Satz muss man richtig betonen. Man muss das 'Wir' betonen. Wenn man das nicht betont, dann schaffen wir es nicht. Es gibt aber gute Initiativen, es ist sehr viel in Bewegung. Eine Million Menschen auf 80 Millionen Einwohner ist nicht viel. Viele sprechen heute über Flüchtlinge und haben selbst noch nie einen erlebt, haben einen Flüchtling noch nicht kennengelernt. Menschen, die Flüchtlingssituationen erlebt haben, sprechen über Flüchtinge anders.

domradio.de: Kommen wir zu ihrem ehrenamtlichen Engagement hier in Köln, in Höhenhaus. Wie helfen Sie da den Menschen?

Marx: Die Deutsche Wohnungsgesellschaft wird in Höhenhaus neue Häuser bauen, damit Flüchtlingsfamilien als den Turnhallen rauskommen und in eigenen Wohnungen möglichst normal leben können. Wir haben eine Initiative gestartet, damit die Menschen dort wirklich vernünftig leben können. Denn diese Flüchtlingswohnungen werden sehr karg und spartanisch eingerichtet. Die Leute bekommen etwa keine Vorhänge und Gardinen, haben aber auch kein Geld, Vorhänge und Gardinen zu kaufen. Sie wollen natürlich auch nicht in einem Schaufenster leben und hängen dann das in die Fenster, was sie haben: Bettlaken, Handtücher oder ähnliches. Auf diese Art und Weise werden diese Wohnungen von außen direkt wieder stigmatisiert. Man braucht gar nicht zu fragen: "Wo wohnen die Flüchtlinge?" Man sieht es. Und das ist eigentlich nicht der richtige Weg. Deshalb sind wir momentan dabei, den Menschen Dinge zu besorgen, damit sie so leben können wie ihre Nachbarn auch.

Das Interview führte Mathias Peter.

(dr)

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